Abendroth, Irene (1872–1932), Sängerin

Abendroth Irene, Sängerin. Geb. Lemberg, Galizien (L’viv, UA), 14. 7. 1872; gest. Weidling (Klosterneuburg, Niederösterreich), 1. 9. 1932. Tochter von Josef Abendroth (geb. 1829 oder 1830; gest. 12. 5. 1895), Direktor des Central-Mappen-Archivs im Finanzministerium, und Amalie Abendroth, geb. Steussing (gest. 19. 1. 1910), Schwester von Mira Abendroth (s. u.), ab 1900 mit dem Staatsbahnbeamten Thomas Joseph Thaller Edlem von Draga verheiratet. – A.s Gesangstalent wurde von ihren Eltern seit frühester Kindheit intensiv gefördert. Einer Konzerttournee durch Galizien (um 1881/82) folgte ein vom galizischen Landtag finanziertes Ausbildungsstipendium, das sie möglicherweise nach Italien (zu Francesco Lamperti), sicher auch nach Wien führte, wo sie Klavier bei Theodor Leschetizky (→Theodor Leschetitzky), Gesang bei Aurelie Jäger-Wilczek und dramatische Darstellung bei Emilie Door studiert haben soll. Nach einigen Auftritten in Karlsbad und Marienbad debütierte sie 1889 erst 17-jährig als Amina (Bellini, „La sonnambula“) an der Wiener Hofoper, wobei der beeindruckenden Virtuosität ihrer Koloratur eine durch Schüchternheit dünne Stimmgebung und unbeholfen schülerhaftes Spiel gegenüberstanden. Trotzdem wurde sie 1889/90 mit einem Einjahresvertrag als Koloratursopranistin an die Wiener Hofoper engagiert, sang jedoch nur an zehn Abenden (Amina, Rosina und Lucia). Erst während des Engagements am Stadttheater Riga 1890/91 erweiterte sie ihr Repertoire um die großen Partien vorwiegend des italienischen (Lucia, Rosina, Gilda), aber auch deutschen (Frau Fluth, Königin der Nacht) und französischen Koloraturfachs (Isabelle in „Robert le Diable“ und Marguerite in „Faust“). 1891–94 war sie an der Münchner Hofoper zuerst einfaches Mitglied, dann königliche Hofopernsängerin, nachdem sie anlässlich eines kurzen Gastspiels 1893 wieder einen Vertrag für die Wiener Hofoper ab September 1894 erhalten hatte. Hier wurde ihre gereifte technische Brillanz bewundert, das mangelnde Stimmvolumen und äußerliche Spiel aber nach wie vor kritisiert. Daher sang sie in der Saison 1894/95 wenige erste Rollen (z. B. Gilda, Traviata) und diese nur jeweils an einem bis zwei Abenden, während sie die Kleinstrolle des Sandmännchens in Humperdincks „Hänsel und Gretel“ 25-mal aufführte. Dies änderte sich im Verlauf der zweiten Saison signifikant, 1896/97 trat sie gar 90-mal in 28 Partien (von Rosina, Philine, Traviata, Micaela, Frau Fluth, Orlofsky, Hänsel und Nedda bis zu Woglinde und der Stimme des Waldvogels) auf, am häufigsten als May in „Das Heimchen am Herd“ von →Karl Goldmark (Uraufführung). Ab 1907 wurde sie wieder deutlich seltener beschäftigt, was zum einen an der geänderten Repertoirepolitik, zum anderen an persönlichen Differenzen mit dem neuen Direktor →Gustav Mahler lag. Die Saison 1898/99 beendete sie nach 20 Auftritten auch aufgrund einer Schwangerschaft bereits Mitte Jänner. Nur etwa drei Wochen nach der Geburt ihres ersten Sohns verlief ein Gastspiel an der Hofoper Dresden im Oktober 1899 (Marguerite in „Les Huguenots“) so erfolgreich, dass sie sofort engagiert wurde. Hier entwickelte sie in kürzester Zeit ihr volles darstellerisches Potenzial, das durch Zurückhaltung und erlesenen Geschmack charakterisiert war. Ihr Repertoire umfasste nun über 70 Partien sowohl aus dem lyrischen und dramatischen Koloraturfach (Philine, Norina, Gilda, Traviata, Leonore in „Trovatore“, Norma, Lucia, Konstanze, Königin der Nacht) als auch dem Spinto-Fach (Donna Elvira, Amelia, Tosca in der von Puccini selbst gerühmten deutschen Erstaufführung 1902). 1905 wurde sie zur Königlich sächsischen Kammersängerin ernannt, 1908 erhielt sie das Goldene Verdienstkreuz mit der Krone. Nach ihrer Pensionierung 1909 lebte A. zurückgezogen mit ihrer Familie in Weidling. Die überragende technische Brillanz ihrer Koloratur und die beeindruckende Intonationssicherheit können auf mehreren Aufnahmen nachgehört werden (G&T, Dresden 1902). Ihre Schwester Mira Abendroth war ebenfalls Sängerin. Sie debütierte 1901 als Barbarina („Figaro“) an der Hofoper in Dresden, wo sie bis 1903 in kleineren Rollen, etwa als eine der Schwestern in William Gilberts und Arthur Sullivans „Der Mikado“, zu sehen war. 1903–04 war sie in Schwerin, 1905–07 am Hoftheater in Altenburg, 1907–08 in Mainz engagiert, wo Stimmfrische, Verve und Anmut ihrer Darstellung in so unterschiedlichen Partien wie der Laura in „Tragaldabas“ von Eugene d’Albert, der Lola in „Cavalleria rusticana“ und der Hannah in „Die lustige Witwe“ beeindruckten.

W.: Die Koloratursängerin, in: Allgemeine Musik-Zeitung 35, 1908, S. 793ff.
L.: Der Humorist, 10. 2. 1887 (mit Bild), 21. 10. 1901; Eisenberg, Bühne; Kutsch–Riemens, 4. Aufl. 2003; Müller; Deutsche Kunst- & Musik-Zeitung 15, 1888, S. 169f. (mit Bild); Neuer Theater-Almanach 1ff., 1890ff.; Theaterzettel der Hofoper Wien 1889–90, 1893–99; Th. Thaller, I. A. Ein Fragment ihrer Künstlerlaufbahn, 1904 (mit Bild); V. Th. Thaller, I. A. (um 1944, Typoskript, ÖBL); R. Celletti u. a., Le grandi voci. Dizionario critico-biografico dei cantanti con discografia operistica, 1964; V. Reittererová – H. Reitterer, Vier Dutzend rothe Strümpfe …, 2004, s. Reg.; H. Bruder, in: The Opera Quarterly 20/3, 2004, S. 464ff.
(Ch. Pollerus)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 1f.
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