Alt, Rudolf Ritter von (1812–1905), Maler und Graphiker

Alt Rudolf Ritter von, Maler und Graphiker. Geb. Wien, 28. 8. 1812; gest. ebd., 12. 3. 1905 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof); röm.-kath. Ältester Sohn von →Jakob Alt und Maria Alt, geb. Schaller, Bruder von →Franz Alt; in 1. Ehe ab 1841 mit Hermine Oswald (geb. Wien, 2. 11. 1820; gest. ebd., 21. 11. 1843), in 2. Ehe ab 1846 mit Engelberta Maliczek (geb. Troppau, Schlesien / Opava, CZ, 1. 10. 1824; gest. Atzgersdorf, Niederösterreich / Wien, 15. 9. 1881) verheiratet; sieben Kinder. – A. erhielt nur eine bescheidene Schulbildung, wurde jedoch schon frühzeitig von seinem Vater zu künstlerischer Tätigkeit sowie zum Naturstudium angeleitet und begann im Alter von etwa elf Jahren mit der aktiven Unterstützung des Vaters, dem er – ebenso wie auch sein Bruder – zunehmend half, die produzierten druckgraphischen Blätter zu aquarellieren, wobei Landschaften und Veduten dominierten. 1825–32 (1829–31 im Landschaftsfach) besuchte A. die Wiener Akademie der bildenden Künste u. a. bei →Josef Mössmer (1831 Gundel-Preis), ohne vom Unterricht entscheidend geprägt zu werden; jedoch verschaffte ihm das erfolgreiche Studium die Befreiung vom Militärdienst. 1828 konnte er seinen Vater erstmals auf einer Reise (in die Alpen und nach Oberitalien) begleiten; in den Folgejahren unternahm A. seine Fahrten vermehrt allein. Wenn er auch Anregungen durch andere Landschaftskünstler rezipierte – die Errungenschaften von →Josef Rebell, →Thomas Ender, →Friedrich Gauermann und Ferdinand Georg Waldmüller verfolgte er sicher aufmerksam –, blieb doch die unmittelbare Naturanschauung der wichtigste Faktor. Nach der Akademiezeit entwickelte er sich vom Assistenten des Vaters zu dessen Partner und übernahm in der Arbeitsgemeinschaft schließlich die führende Stellung. In dieser Zeit entstanden Werke, bei denen der Anteil von Vater und Sohn kaum bis gar nicht unterscheidbar ist. Auch die Signatur des Vaters als Werkstattinhaber erlaubt keine zuverlässigen Rückschlüsse auf die Händescheidung. A. beschrieb das Gesehene möglichst objektiv und mit einer im Lauf der Jahre immer differenzierteren Licht-Farb-Wirkung. Die Neigung, Natur spontan zu erfassen, wurde durch die Aquarelltechnik, die bei A. stets den Schwerpunkt bildete, begünstigt. Nur in Zweit- und Drittfassungen bzw. in den Ölbildern ist ein etwas steiferes Arrangement zu beobachten. Im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts setzte sich A. auch mit den protoimpressionistischen Tendenzen des mitteleuropäischen Raums auseinander und intensivierte die Dynamik seiner Formsprache. Obwohl er mit seinen Veduten aus der gesamten Monarchie beim Publikum große Beliebtheit erreichte, hegte er ehrgeizige Pläne und war sich seiner fortschrittlichen Errungenschaften durchaus bewusst. Das oft karge Echo auf diese Ambitionen dürfte ihn ziemlich verbittert haben, was durch private Lebenshürden, wie den frühen Tod seiner 1. Frau (1843) und deren beider Kinder, verstärkt wurde. Die strapaziösen und finanziell nicht immer erfolgreichen Reisen (1863 machte er auf der Krim diesbezüglich schlechte Erfahrungen mit der Zarenfamilie) trugen zur Anspannung ebenfalls bei, zumal A. zeitlebens unter Hemmungen litt, sich selbst schlecht vermarktete und sich später mit seinen Eltern und seinem Bruder immer weniger verstand. Außerdem belastete ihn seit den 1850er-Jahren ein Tremor, der die künstlerische Tätigkeit aber kaum behinderte. Erst in sehr hohem Alter ließ sich das Zittern nicht mehr unterdrücken, wurde aber von A. geschickt in eine offenere Malstruktur umgesetzt. Zu den bedeutendsten Leistungen der Reifezeit gehören Blätter von aristokratischen Interieurs (u. a. der Palais Harrach, Liechtenstein, Dumba), wenngleich A. solche Aufträge meist als Fron empfand. Wichtige Mäzene wurden der Händler und Kunstsammler →Friedrich Jakob Gsell, der, allerdings zu geringem Preis, ca. 300 Blätter erwarb, und der Industrielle →Ludwig Lobmeyr. In den 1860er-Jahren mehrte sich die offizielle Anerkennung, eine Berufung an die Wiener Akademie schlug A. 1867 jedoch aus. Wiederholt erhielt er auch wichtige amtliche Aufträge (Präsentationsblatt des Kaiserforums, Makart-Atelier); 1897 erhielt er von der Stadt Wien und dem Unterrichtsministerium ein Ehrengehalt. Obwohl mit zunehmenden Jahren kränklich (nach dem Tod seiner 2. Frau betreute ihn seine Tochter Louise), blieb A. in seiner künstlerischen Entwicklung nicht stehen. Im Einklang mit der europäischen Gesamtentwicklung gestand er trotz genauer Naturbeobachtung der künstlerischen Form als solcher eine immer dominantere Rolle zu und lässt sich als gleichsam evolutionärer Pionier in manchen Werken durchaus mit den Impressionisten oder →Gustav Klimt vergleichen. 1848 bzw. 1866 wirkliches Mitglied der Wiener Akademie der bildenden Künste; 1861–97 Mitglied der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), 1872–73 deren Vorstand, 1891 Ehrenmitglied; 1874 auswärtiges Mitglied, 1892 Ehrenmitglied der Preußischen Akademie der Künste, Berlin. 1874 erhielt er den Orden der Eisernen Krone III. Klasse, suchte jedoch erst 1897 um die (dadurch ermöglichte) Erhebung in den Adelsstand an, 1875 Reichel-Preis, 1876 Goldene Medaille der Weltausstellung in Philadelphia, 1879 Professorentitel, 1888 Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft, 1897 Ehrenpräsident der Wiener Secession. Zu seinen beliebtesten Motiven zählt der Stephansdom, den er ab 1831 in über 100 Ansichten darstellte. Den Umfang seines Gesamtœuvres vermochte A. selbst nicht anzugeben, es umfasst jedenfalls mehrere tausend Werke. Größere Bestände besitzen u. a. die Wiener Albertina und das Wien Museum. A. wurde in einem von →Josef Engelhart 1908 gestalteten Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof bestattet.

Weitere W. (s. auch Koschatzky; R. v. A.; Hussl-Hörmann): Der Schleierfall bei Gastein, 1830, Der Kreuzgang von S. Giovanni in Laterano in Rom, 1835, Blick auf Dürnstein, Die Barbarakirche in Kuttenberg, beide 1842, Die Theynkirche in Prag, 1843, Innenansicht von S. Marco in Venedig, Die Loggia des Wallensteinpalais in Prag, beide 1874, Das Treppenhaus im Oberen Belvedere, 1882, Das Landhaus und Zeughaus in Graz, 1885, Die große Fichte bei Gastein, 1900, Die Eisengießerei Kitschelt in der Skodagasse, 1903 (alle Albertina, Wien); Die Sonnenfinsternis über Wien am 8. Juli 1842, 1842, Im Garten des Amerlingschlössels, 1883 (beide Wien Museum); Apfelbäume in Goisern, 1901 (Residenzgalerie Salzburg); Das Arbeitszimmer des Künstlers, 1904 (Staatliche Graphische Sammlung München).
L.: AKL; Czeike; NDB; ÖKL; Thieme–Becker; Wurzbach; W. Koschatzky, R. v. A. …, 2. erweiterte Aufl. 2001 (mit Bild und W.); R. v. A. 1812–1905, ed. K. A. Schröder – M. L. Sternath, Wien 2005 (Kat., mit W.); M. Hussl-Hörmann, R. v. A. Die Ölgemälde, 2011 (mit W.); ABK, Wien.
(W. Krause)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 16
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