Andics, Hellmut (1922–1998), Journalist, Schriftsteller und Historiker

Andics Hellmut, Journalist, Schriftsteller und Historiker. Geb. Wien, 25. 8. 1922; gest. ebd., 19. 8. 1998; bis 1994 evang. Sohn des Offiziers und Angestellten des „Neuen Wiener Journals“ Arpad Aurel von Andics (geb. Czernowitz, Bukowina / Černivci, UA, 20. 5. 1878; gest. 1. 8. 1940) und von Elsa von Andics, geb. Moor, die ihrer jüdischen Herkunft wegen 1938 nach England fliehen musste; ab 1945 mit Gertrude Cermak verheiratet. – Nach dem Besuch des Gymnasiums (1940 Matura) absolvierte A. eine zweijährige technische Ausbildung als Werkzeugbauer und Chemiker und war 1941–45 in einem Rüstungsbetrieb als Techniker dienstverpflichtet. Im Frühjahr 1946 begann er seine journalistische Laufbahn unter Rudolf Kalmar als Lokalreporter beim „Neuen Österreich“ und stieg innerhalb eines Jahres zum Nachtredakteur des Blattes auf. Daneben verfasste er Kriminalromane und Kurzfassungen bekannter Romane für die „Wiener Wochenausgabe“. Von Ende Februar bis Juni 1947 berichtete er für das „Neue Österreich“ täglich über den Hochverratsprozess gegen den letzten Außenminister der 1. Republik Guido Schmidt, für A. „Schlüsselerlebnis“ und Anstoß zu seiner späteren intensiven Beschäftigung mit der jüngeren Zeitgeschichte Österreichs. Ende 1950 reiste er für vier Monate in die USA und arbeitete nach seiner Rückkehr als Lokalchef bei der „Weltpresse“, für die er im November 1952 seine erste zeitgeschichtliche Serie über den „verlorenen“ Frieden 1945 verfasste. Anfang April 1954 wurde er Lokalchef bzw. neben Gerd Bacher stellvertretender Chefredakteur beim „Bild-Telegraf“. Im Frühjahr 1958 wechselte er mit Bacher und einem Großteil der Redaktion zum neu gegründeten sozialistischen „Express“, wo er bis 1961 als Lokalchef und Serienautor tätig war. Daneben wirkte A. 1958 kurzzeitig als Chefdramaturg der Münchner Filmgesellschaft Gloria, für die er mehrere Drehbücher verfasste (u. a. „Hoch klingt der Radetzkymarsch“). Nach seinem Ausscheiden aus dem „Express“ schrieb er ab April 1961 für „Die Presse“ die zeitgeschichtliche Serie „Der Staat, den keiner wollte“, die ihn auch als Zeithistoriker über die Landesgrenzen hinaus bekannt machte und 1962 als Buch erschien. Daneben fungierte er 1963–64 als Leiter der Österreich-Redaktion des „Stern“, war Mitarbeiter der „Wochenpresse“ sowie Korrespondent für internationale Zeitungen („Die Welt“, Hamburg, „Die Tat“, Zürich). Ab Mitte der 1960er-Jahre arbeitete A. verstärkt für das Medium Fernsehen und avancierte zu einem sehr erfolgreichen Drehbuchautor vorwiegend zu Themen der österreichischen Zeitgeschichte. Seine 1966 entstandene TV-Dokumentation über den Brand des Justizpalasts („15. Juli 1927“) wurde mit dem Fernsehpreis der österreichischen Volksbildung ausgezeichnet, ebenso „Der Fall Jägerstätter“ (1971, Drehbuch: Andics, Regie: Axel Corti). 1970 (und erneut 1980) schrieb er kurzfristig für den „Kurier“, wo er eine Zeit lang auch die Beilagenredaktion leitete. Sein Ruf als versierter zeithistorischer Dokumentarist brachten ihm unter seinem Freund ORF-Generalintendant Bacher in den 1970er- und 1980er-Jahren große Aufträge für Dokumentationen, Bildungsprogramme und mehrteilige TV-Serien, so etwa „Das österreichische Jahrhundert“ (1972, Buchausgabe: 1974), „Report in Rot-Weiß-Rot“ (1972–73) und „Alles Leben ist Chemie“ (1978). Im Februar 1975 wurde A., seit 1967 im Burgenland ansässig, Geschäftsführer und kultureller Leiter der burgenländischen Kulturzentren; in dieser Funktion war er bis 1979 für die Entwicklung und für die Umsetzung kultureller Konzepte sowie die Planung und Errichtung weiterer Zentren verantwortlich. 1980–82 fungierte er als Intendant der Burgenländischen Festspiele in Eisenstadt und Kobersdorf; er konnte allerdings nur einen Teil der damit verknüpften Erwartungen erfüllen. Ab 1980 realisierte er unter Ernst W. Marboe in mehrjähriger Zusammenarbeit von ORF und ZDF die TV-Serie „Ringstraßenpalais“, in der österreichische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts als Familien-Panorama dargestellt wurde. Auf Vorschlag Bachers wurde A. Intendant des ORF-Landesstudios Burgenland (1982–86). Gemeinsam mit Viktor Ergert und Robert Kriechbaumer entstand 1985 der 4. Band zur Geschichte des ORF („50 Jahre Rundfunk in Österreich“) über die erste Amtszeit von Gerd Bacher (1967–74). 1988 schrieb er sein letztes Buch zur österreichischen Zeitgeschichte, „Die Juden in Wien“, eine Reaktion auf die „Waldheim-Debatte“. A., der auch zahlreiche „Club 2“-Sendungen moderierte, erhielt 1968 den Fernsehpreis des ÖGB, 1970 den Dr. Karl Renner-Preis für publizistische Leistungen, 1983 die Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold und 1988 den Donauland-Sachbuchpreis.

Weitere W.: s. Dunkl; http://www.imdb.com (Filmographie, Zugriff 23. 3. 2012).
L.: Die Presse, 25. 8. 1992, 20. 8. 1998 (m. B.), 29. 8. 1998; Who’s who in Austria 7, ed. R. Bohmann – St. S. Taylor, 1969/70; R. Tramontana, Die Schreibmaschine, in: profil 13, 1982, Nr. 41, S. 62f. (m. B.); G. Schlag, Burgenland. Geschichte, Kultur und Wirtschaft in Biographien. XX. Jahrhundert, 1991 (m. B.); I. Dunkl, Ein pannonischer Mensch. Ein Beitrag zur Biographie … H. A. …, grund- und integrativwiss. DA Wien, 1995 (m. B., W. u. L.); A. Fennes, Das Burgenland als Medienlandschaft, in: Burgenland: Vom Grenzland im Osten zum Tor in den Westen, ed. R. Widder, 2000, S. 263f.; Die deutschsprachige Presse 1, bearb. B. Jahn, 2005; H. Andics, Canisius-Boulevard, in: G. Bacher zu Ehren zum 60. Geburtstag, o. J., S. 31–48; IKG, KA, Kurier-Archiv, Literaturhaus, Wienbibliothek, alle Wien; Mitteilung Eric Andics, Wien.
(Th. Venus)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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