Ausch, Karl Michael (1893–1976), Journalist und Ökonom

Ausch Karl Michael, Journalist und Ökonom. Geb. Wien, 8. 12. 1893; gest. ebd., 20. 6. 1976; mos., 1923 aus der IKG ausgetreten. Sohn des Buchhalters Moritz Ausch (1848–1903) und von Jenny Ausch, geb. Engelmann; ab 1922 verheiratet mit Josefine Ausch, geb. Fischer (geb. 24. 9. 1893; gest. 18. 11. 1981). – A. besuchte 1904–08 die Unterstufe der Staatsrealschule, 1908–11 die Handelsakademie am Karlsplatz. Danach arbeitete er bei einer Großfleischhauerei in Wien, legte eine Prüfung als Buchsachverständiger ab und trat in die Österreichische Länderbank ein. Seit Anfang der 1920er-Jahre aktiv in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und bei der Gewerkschaft der Bankangestellten tätig, wirkte er ab 1926 journalistisch und auch als Arbeitervolksbildner für die Arbeiter-Bildungszentrale. Seine erste größere Arbeit war eine populäre Darstellung des neuen sozialdemokratischen Parteiprogramms von 1926, in der er sich, vor dem Hintergrund der ersten Bankenkrise 1924/25, unter dem Einfluss von Rudolf Hilferdings Schrift „Das Finanzkapital“ kritisch mit der Rolle der Banken in der Industriefinanzierung auseinandersetzte. Ab 1927 fungierte er als Chef vom Dienst bei der neuen sozialdemokratischen Tageszeitung „Das Kleine Blatt“, die – ohne den Charakter eines Parteiblatts zu verleugnen – eine Alternative zu den bestehenden auflagenstarken kleinformatigen Wiener Tageszeitungen „Kronen-Zeitung“ und „Kleine Volkszeitung“ sowie zum Boulevardblatt „Der Abend“ bot und sich speziell an arbeitende Frauen und kleinbürgerliche Leserschichten wandte. A. zeichnete insbesondere für die Sparten Kommunal- und Wirtschaftspolitik sowie Lokales verantwortlich. Im Februar 1934 aus der Redaktion entlassen, gehörte er in der Folge zum Kreis um das „Schattenkomitee“ der verbotenen Partei und bemühte sich um den Kontakt zur geflüchteten sozialdemokratischen Führung in Brünn (Brno), Paris und London. Von 1936 bis Herbst 1937 engagierte er sich beim Nachrichtendienst der illegalen Revolutionären Sozialisten und versuchte weiters, seine nationalökonomischen Kenntnisse durch Selbststudium – u. a. der Schriften des Ökonomen John Maynard Keynes – zu verbessern. Ende 1937 emigrierte er mit seiner Familie nach London, wo er mit Unterstützung des Journalisten Johann Hirsch eine Anstellung als Vertreter einer Bijouteriefirma fand. A., ab 1940 Mitglied des von Hirsch gegründeten Austrian Labour Club, wurde nach Übersiedlung Oscar Pollaks nach London und Gründung des London-Büros der österreichischen Sozialisten in Großbritannien im April 1941 beratendes Mitglied dieser Organisation sowie des Anglo-Austrian Economic Council für wirtschaftliche Fragen; daneben wirkte er an den Österreich-Sendungen der BBC mit. Im Anschluss an die Moskauer Deklaration (1943) wurde A. schließlich mit der Ausarbeitung eines Wirtschaftskonzepts für das Nachkriegs-Österreich betraut. In einer 1944 vorgelegten Schrift, die 1945 auch ins Deutsche übersetzt wurde („Die neue Wirtschaft im neuen Österreich“), konzipierte er unter Einbeziehung der Ideen Keynes’ eine planwirtschaftlich organisierte Nachkriegswirtschaft und nahm darin die Idee der Verstaatlichung von Schlüsselzweigen, wie Bergbau, Rohölförderung, Wasserkraft, Metallindustrie und Banken vorweg. Im Februar 1946 erhielt A. eine Einladung des SPÖ-Parteivorstands zur Rückkehr nach Österreich, wobei ihm eine wirtschaftspolitische Funktion in Aussicht gestellt wurde. Seine Hoffnungen, „Das Kleine Blatt“ als Tageszeitung zu reaktivieren, scheiterten aber am Widerstand Pollaks. Er übernahm das Wirtschaftsressort der „Arbeiter-Zeitung“ (AZ), das er bis Ende 1961 leitete, im Juni 1947 auch die Chefredaktion der Wochenzeitung „Das Kleine Blatt“. Allein für die AZ schrieb er an die 1.000 Leit- und zahlreiche weitere Artikel über wirtschaftspolitische Themen; außerdem verfasste er Beiträge für die Zeitschrift „Arbeit und Wirtschaft“. Bereits 1952 nominierte ihn die SPÖ als Generalrat der Österreichischen Nationalbank, eine Funktion, die er bis April 1973 ausübte. 1960–63 fungierte er als stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Giro-Zentrale der österreichischen Sparkassen, ab den 1960er-Jahren wirkte er im Aufsichtsrat der Österreichischen Industriekredit AG sowie der Simmering-Graz-Pauker AG und der Elektrizitätswerke Wels AG. Nach seinem Ausscheiden aus dem Journalismus erschienen seine Bücher „Licht und Irrlicht des österreichischen Wirtschaftswunders“ (1965) und „Als die Banken fielen“ (1968), eine Kritik der verfehlten Banken- und Finanzpolitik der Jahre 1918–33, wobei A. seine bereits in den 1950er-Jahren wiederholt geäußerte Kritik an den Banken wieder aufnahm. Seine wirtschaftspolitischen Ansichten standen gegen Ende seiner Laufbahn mitunter im Widerspruch zur offiziellen wirtschaftspolitischen Linie der SPÖ. 1964 erhielt A. den Preis der Stadt Wien für publizistische Leistungen und wurde 1974 Ehrensenator der Hochschule für Welthandel in Wien. Nach seinem Tod stiftete der Arbeitskreis Dr. Benedikt Kautsky ihm zu Ehren den Karl-Ausch-Preis für Wirtschaftspublizistik.

Weitere W.: Austria, 1944; Erlebte Wirtschaftsgeschichte, 1963; Inflation und Konsumgesellschaft, 1971; etc.
L.: WZ, 6. 12. 1973; Czeike (m. B.); Hdb. der Emigration 1; J. Buttinger, Das Ende der Massenpartei, 1972, S. 55–57, 348, 421; H. Maimann, Politik im Wartesaal, 1975, s. Reg.; Diplomatie zwischen Parteiproporz und Weltpolitik, ed. R. Wagnleitner, 1980, s. Reg.; E. Glaser, Im Umfeld des Austromarxismus, 1981, S. 255–258; F. Wanek, K. A. …, Wirtschaftspublizist der österreichischen Sozialdemokratie, phil. Diss. Wien, 1984; P. Pelinka – M. Scheuch, 100 Jahre AZ, 1989, S. 135f.; U. Kutzer, Von K. A. bis St. Wirlandner, phil. DA Wien, 1995, S. 51–53; Th. Venus, Kontinuitäten und Brüche in der sozialdemokratischen Tagespresse und im Journalismus 1938 bis 1945, in: Entnazifizierung zwischen politischem Anspruch, Parteienkonkurrenz und Kaltem Krieg, ed. M. Mesner, 2005, S. 186–265; Alfred Klahr-Gesellschaft, Archiv Oesterreichische Nationalbank, IKG, MA 35, Tagbl.Archiv, alle Wien.
(Th. Venus)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
1. AUFLAGE: