Baumann, Ludwig (1853–1936), Architekt

Baumann Ludwig, Architekt. Geb. Seibersdorf, Schlesien (Zebrzydowice, PL), 11. 5. 1853; gest. Wien, 6. 2. 1936 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof); röm.-kath. Sohn eines Zivilingenieurs. – Nach Absolvierung der Realschule besuchte B. 1870 den Vorkurs an der eidgenössischen polytechnischen Schule in Zürich, ab 1871 studierte er dort Architektur (Diplom 1874). 1876 wurde er Praktikant bei der Wienerberger Ziegelfabriks- und Baugesellschaft, 1879–86 fungierte er als Mitarbeiter im Atelier von →Viktor Rumpelmayer, wo er mit Entwürfen neobarocker Interieurs für diverse Palais und Residenzen (z. B. Palais Dietrichstein, Wien) betraut wurde. Ab 1882 selbstständig, bildete er mit Emil Bressler eine Arbeitsgemeinschaft, 1888–1929 fungierte B. als künstlerischer Direktor der Berndorfer Metallwarenfabrik. Er entwarf die Neuplanung für Berndorf und errichtete im Auftrag des Großindustriellen →Arthur Krupp u. a. die Kirche St. Margareten (1910), Pfarrhaus, Schule, Konsumanstalt, Restaurationsgebäude, Arbeiter- und Angestelltenwohnungen sowie die Villa Krupp (1892, 1945 zerstört); daneben erbaute er in Wien sowie in der gesamten Monarchie zahlreiche repräsentative Wohnbauten und öffentliche Gebäude. 1907–13 folgte B. →Friedrich Ohmann als Burgbauarchitekt und Bauleiter der Neuen Hofburg nach, 1908 wurde er Mitglied der Obersten Wiener Baubehörde, 1913–15 Kurator des Technischen Museums für Industrie und Gewerbe, 1916 leistete er Kriegsdienst in der Militärbauabteilung Wien. B. gilt als wichtiger Repräsentant des Neobarock, als typischer Vertreter des Späthistorismus wandte er jedoch – je nach Auftraggeber – eine Vielzahl stilistischer Formulierungen an. Neben Gestaltungselementen des Barock, die v. a. seine öffentlichen Bauten kennzeichnen (Kriegsministerium, 1909–13, Wien 1; Konsularakademie, 1904, Wien 9, heute Botschaft der USA), zeigen insbesondere seine Wohnhäuser auch neoklassizistische Stilelemente (Wohn- und Geschäftshaus, 1898, Wien 4), charakteristische Motive des Empires (Mietshaus, 1904, Wien 8), des Biedermeier (Mietshäuser, 1910, Wien 3) und der Moderne (Wohn- und Geschäftshaus, 1902, Wien 8). Im Villenbau hingegen hielt B. zumeist den Heimatstil für angemessen (Villa Diller-Hess, 1896, Baden). Ein wichtiges Betätigungsfeld waren außerdem diverse Ausstellungsbauten, für die er beinahe ausnahmslos secessionistische Formen wählte (Weltausstellung Paris, 1900; Weltausstellung St. Louis, 1904). B. beteiligte sich an zahlreichen Wettbewerben (Stubenviertel, 1892; Generalregulierungsplan Wien, 1893) und setzte sich für die Reformierung der Wiener Bauordnung ein. 1899 Baurat, 1903 Oberbaurat, gründete er 1907 gemeinsam mit →Hermann Helmer die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs (1908–15 Präsident, 1915 Ehrenmitglied); 1933 Hofrat. B. war Mitglied zahlreicher fachspezifischer Vereine, so ab 1894 des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins (ab 1913 dessen Präsident), ab 1895 der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), und Träger zahlreicher Orden aus dem In- und Ausland, u. a. 1901 Orden der Eisernen Krone III. Klasse und Offizierskreuz der französischen Ehrenlegion, 1904 Komtur des Franz Joseph-Ordens, 1916 Komtur des Franz Josephs-Ordens mit dem Stern.

Weitere W. (s. auch Kolowrath, Architektur; Architektenlexikon): Rotunde 1892 (Wien 2, abgebrannt); Eislaufverein, 1900 (Wien 3); Niederösterreichische Handels- und Gewerbekammer, 1905–07 (Wien 1); Museum für Kunst und Industrie, 1906–08 (Wien 1); Konzerthaus, 1911–13 (Wien 3); etc. – Publ.: Barock, 1888 (gem. m. E. Bressler – F. Ohmann); Über Arbeiterhäuser, Arbeitercottages, Badeanlagen und Speiseanstalten, in: ZÖIAV 47, 1895; Erläuterungen zu dem Concurrenz-Projekt für die Verwertung der Rotunde, 1896; Mein Lebenslauf und meine Tätigkeit, 1931 (m. B.); etc.
L.: AKL; Czeike; Die Wr. Ringstraße 2; Lex. böhm. Länder; ÖKL; Thieme–Becker; R. Kolowrath, L. B., Repräsentant einer großbürgerlichen Architektur der Jahrhundertwende in Österreich, 3 Bde., techn. Diss. Graz, 1982; ders., L. B. Architektur zwischen Barock und Jugendstil, 1985 (m. B. u. W.); C. Bischoff, Stilpluralismus als ökonomische Strategie. L. B. (1853–1936). Architekt in Wien, phil. Diss. Bonn, 2003; W. Aichelburg, Das Wiener Künstlerhaus 1861–2001, 1, 2003, s. Reg.; S. Krasa-Florian, Die Allegorie der Austria, 2007, s. Reg.; Architektenlexikon Wien 1880–1945, http://www.architektenlexikon.at/de/26.htm (m. W. u. L., nur online, Zugriff 9. 6. 2010); ETH, Zürich, CH.
(I. Scheidl)   
Zuletzt aktualisiert: 1.3.2011  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 1 (01.03.2011)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 57
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