Berchtold, Leopold Gf. (1863-1942), Minister und Diplomat

Berchtold Leopold Graf, Diplomat und Staatsmann. * Wien, 18. 4. 1863; † Peresznye b. Ödenburg, 21. 11. 1942. Seit 1893 in diplomatischen Diensten in Paris, London und St. Petersburg, wo er 1906–11 als Nachfolger Aehrenthals tätig war. Im September 1908 ermöglichte er eine Zusammenkunft Iswolskis und Aehrenthals auf seinem Schloß Buchlau in Mähren. Jänner 1912 wurde er gegen seinen Willen als Nachfolger Aehrenthals k.u.k. Min. des Äußeren. Da das Hauptziel seiner Politik die Erhaltung des Friedens war, hielt er an dem Grundsatz der Nichtintervention und der Erhaltung des Status quo auf dem Balkan fest. Der Tripoliskrieg und die Balkankriege machten jedoch diese Politik illusorisch. Die südslawische Frage hatte sich zu einer Existenzfrage der Monarchie entwickelt und die serbische österreichfeindliche Propaganda führte schließlich am 28. 6. 1914 zur Ermordung des Erzh. Thronfolgers Franz Ferdinand d’Este in Sarajevo. Da sich alle Versuche, mit Serbien friedlich auszukommen als fruchtlos erwiesen, war B. zu kriegerischen Maßnahmen entschlossen. Im Ministerrat vom 7. 7. kam diese Ansicht zum Ausdruck, aber Graf Stefan Tisza wollte den Krieg von einem Ultimatum abhängig machen, das noch einen Ausweg offen lassen sollte. Die Note mit den ultimativen Forderungen wurde am 21. 7. dem K. vorgelegt und der dt. Regierung vertraulich mitgeteilt. Das Ultimatum wurde am 23. 7. in Belgrad überreicht und erst jetzt der italien. Regierung zur Kenntnis gebracht. Serbien nahm die meisten Forderungen an, lehnte aber die Beteiligung österr.-ungar. Behörden an der Untersuchung des Attentates ab und drückte sich gegenüber der Forderung, die feindselige Hetze aufzugeben, zweideutig aus. Die diplomatischen Beziehungen wurden daraufhin abgebrochen und am 28. Juli an Serbien der Krieg erklärt. Italien verlangte für sein Verharren beim Dreibund Kompensationen und es entstanden Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Politik gegenüber Italien. B. hielt sich selbst für ungeeignet, diese Frage zu lösen und trat am 13. 1. 1915 als Außenmin. zurück. 1916 wurde er Obersthofmeister, dann Oberstkämmerer K. Karls.

L.: L.Gf.B., Unveröffentlichte Tagebücher; E. v. Steinitz, B.s alban. Politik, in: Berliner Mh. 10, 1932; J.M. Baernreither, Fragmente eines polit. Tagebuches, hrsg. von J. Redlich, 1928; Jb. d. k. u. k. auswärtigen Dienstes für 1918, Unikat im Haus-, Hof- und Staatsarchiv; R. Gooss, Das Wr. Kabinett und die Entstehung des Weltkrieges, 1919; A.F. Pribram, Die polit. Geheimverträge Österr.-Ungarns, 1920; ders., Austrian foreign policy 1908–18, 1923; Frh. von Musulin, Das Haus am Ballhausplatz, 1924; F. Conrad von Hötzendorf, Aus meiner Dienstzeit, 1921f.; A. Wegerer, Der Ausbruch des Weltkrieges, 1939; Lhotsky, s. Reg.; Uhlirz, s. Reg.; H. Hantsch, Die Geschichte Österr., 2. Bd., 1950, 2. Aufl. 1953; Meyer; Enc.It.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 71
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