Berger, Art(h)ur (1892–1981), Filmausstatter, Regisseur, Architekt und Designer

Berger Art(h)ur, Filmausstatter, Regisseur, Architekt und Designer. Geb. Wien, 27. 5. 1892; gest. Moskau, UdSSR (Moskva, RUS), 11. 1. 1981; bis 1919 mos. Sohn des aus Mähren zugewanderten Privatangestellten Simon Berger (geb. Bisenz, Mähren / Bzenec, CZ, 23. 11. 1857; gest. London, GB, 22. 12. 1952) und der aus Böhmen stammenden Verkäuferin Pauline Berger, geb. Beran (geb. 29. 8. 1861; gest. Wien, 20. 11. 1930), Bruder von →Josef Berger und den Modedesignerinnen Friederike Berger (geb. Wien, 19. 2. 1894; gest. New York, NY / USA, 15. 12. 1967), ab 1917 verehelichte Hohenberg, sowie Hilde Berger (geb. Wien, 1. 11. 1895; gest. London, 22. 6. 1955), die ab 1919 mit dem Schriftsteller Fritz Lampl (geb. Wien, 28. 9. 1892; gest. London, 5. 3. 1955) verheiratet war und mit Friederike gemeinsam einen Modesalon betrieb; ab 1919 in 1. Ehe mit Ljubica Dobrača (geb. Belgrad / Beograd, SRB, 2. 5. 1895; gest. San Francisco, Cal. / USA, 1981), in 2. Ehe mit der Dolmetscherin und Übersetzerin Wera I. Markowa verheiratet. – Nach Absolvierung des Gymnasiums belegte B. als außerordentlicher Schüler ein Semester an der Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, 1911 setzte er seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule fort, die er jedoch wegen Ausbruchs des 1. Weltkriegs nicht abschließen konnte. Zu seinen wichtigsten Lehrern und Förderern zählten →Oskar Strnad und Josef Hoffmann: So band ihn Hoffmann auch in eigene Aufträge der Wiener Werkstätten oder der Mäzenaten-Familie Primavesi ein. Seinen Kriegsdienst leistete B. u. a. beim Militärbergamt in Belgrad. Nach Kriegsende wurde er auf Empfehlung von Hoffmann als erster Filmarchitekt bei der Sascha-Film angestellt und stattete in den Folgejahren über 40 österreichische Filme aus. Regisseure wie Alexander Korda, Michael Kertész, Gustav Ucicky oder Max Neufeld schätzten seine Präzision und modernen Designs. Für Otto Premingers Debütfilm „Die große Liebe“ (Premiere März 1932) verfasste er gemeinsam mit Siegfried Bernfeld das Drehbuch. Auch bei dem sozialutopischen Werbefilm der Sozialdemokraten „Die vom 17er Haus“ für die Wiener Landtagswahlen im April 1932 führte er Regie und fungierte (wieder gemeinsam mit Bernfeld) als Drehbuchautor. B., der 1933 zu den Mitbegründern eines Lehrinstituts für Tonfilmkunst in Wien 1 zählte, war während der 1930er-Jahre vor allem dem unabhängigen Filmschaffen des deutschsprachigen Emigrantenfilms verpflichtet. Zusätzlich hatte er bereits 1923 gemeinsam mit seinem Bruder Josef und seinem Schwager Lampl die Möbel-, Glas- und Keramikwerkstätte Bimini gegründet, die auf die Produktion von dekorativen Glaswaren (Lampen, Gläser, Vasen) sowie expressiv-abstrahierten Glasfigürchen spezialisiert war. Daneben entwarf er Bucheinbände und Buchausstattungen für den 1919 u. a. von Lampl mitbegründeten Genossenschaftsverlag. Ab 1926 beteiligte er sich im Architekturbüro seines Bruders Josef und dessen Studienkollegen Martin Ziegler auch an vier größeren Wohnbauaufträgen der Gemeinde Wien (z. B. Volkswohnhaus, 1926–27, Wien 3, Schlachthausgasse; Johann-Grassinger-Hof, 1932–33, Wien 15, Brunhildengasse). 1936 nahm B. eine Einladung der russischen Meschrabpom-Filmgesellschaft nach Moskau an. Hier setzte er seine Arbeit als Szenenbildner, vor allem für die Filmproduktionsfirma Mosfilm, bis in die 1970er-Jahre fort und erhielt 1939 die sowjetische Staatsbürgerschaft. Mit dem Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion 1941 wurden die Filmstudios Mosfilm in Moskau und Lenfilm in Leningrad samt etwa 500 Regisseuren, Szenaristen und anderen Spezialisten Ende 1941 nach Alma-Ata (Almaty) verlegt. B. arbeitete dort 1942–46 u. a. für das vereinte Filmstudio ZOKS und wirkte als Redaktionsmitglied und Maler bei der Plakataktion der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS. 1948–53 widmete er sich vornehmlich dem Theater: So gestaltete er in Frunse (Bischkek) für das Russische Dramatische Theater, das Kirgisische Russische Dramatische Krupskaja-Theater sowie das Staatliche Theater zahlreiche Opern- und Ballettinszenierungen. 1950 erhielt er die Ehrenurkunde des Obersten Sowjets der Kirgisischen SSR für seine Leistungen als Bühnenmaler. 26 Filme sind belegt, bei denen B. während seiner Zeit in der Sowjetunion als hauptverantwortlicher Ausstattungskünstler u. a. für Aleksander Matscheret („Moorsoldaten“, 1939), Boris Barnet („Der alte Reiter“, 1940; „Annuschka“, 1959), Wsewolod Pudowkin („Die Mörder machen sich auf den Weg“, 1942) oder Leonid Gajdaj („Operation ‘Y’ und andere Abenteuer von Schurik“, 1965) mitgearbeitet hat. 1969 wurde er für seine Leistungen mit dem Titel Verdienter Maler der RSFSR (Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) ausgezeichnet. B., zeitlebens überzeugter Sozialdemokrat und Antifaschist, mied in der Sowjetunion Funktionen und politische Ämter; er galt als außergewöhnlich bescheiden und genoss unter seinen Kollegen und Mitarbeitern Respekt und hohes Ansehen.

L.: AKL; Czeike; H. Weihsmann, Das Rote Wien, 2002, s. Reg.; I. Meder, Offene Welten. Die Wiener Schule im Einfamilienhausbau 1910–1938, phil. Diss. Stuttgart, 2002, S. 243; H. Weihsmann, In Wien erbaut, 2005; V. Öhner, Die vom 17er Haus. Ein Spielfilm für die Wiener Landtagswahlen am 24. April 1932, in: Arbeiterkino. Linke Filmkultur der Ersten Republik, ed. Ch. Dewald, 2007, S. 77–88; Die vom 17er Haus, A 1932, Regie: A. B., in: Proletarisches Kino in Österreich. DVD-Box mit Spiel- und Dokumentarfilmen der österreichischen Arbeiterbewegung, ed. Ch. Dewald – M. Loebenstein, 2007; Journey into a fog. A. B. – Filmarchitekt, dir. Ch. Dewald – W. M. Schwarz, 2012 (Essayfilm); Architektenlexikon Wien 1770–1945 (nur online); Mitteilung Aleksandr Berger, Moskva, RUS.
(Ch. Dewald – U. Prokop)  
Zuletzt aktualisiert: 10.5.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
1. AUFLAGE:

Medien
Artur Berger, 1960er Jahre
Artur Berger (mit Brille), Dreharbeiten (1. Hälfte d. 1930er-Jahre)
Artur Berger (mit Brille), Drehstab, Wien (1. Hälfte d. 1930er-Jahre)