Berté, Heinrich (Harry) (1857–1924), Komponist

Berté Heinrich (Harry), Komponist. Geb. Freistadtl, Ungarn (Hlohovec, SK), 8. 5. 1857; gest. Perchtoldsdorf (Niederösterreich), 23. 8. 1924. Hieß eigentlich Bettelheim. Sohn eines Arztes, Onkel von Emil Berté d. J. (1898–1968), eines Kompositionsschülers von →Franz Schmidt, der u. a. die Operetten „Das Kaiserliebchen“, „Bilder aus Wien“ und „Musik im Mai“ sowie das Singspiel „Der Musikus von Lichtenthal“ komponierte. – Nach dem Tod des Vaters 1867 soll B. gemeinsam mit seinem Bruder, dem späteren Musikverleger Emil Berté d. Ä. (geb. Freistadtl, 3. 1. 1856 oder 1855; gest. 1922), seinen Heimatort verlassen haben. Er besuchte nach einjährigen technischen Studien ab 1884 das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, wo er bei →Franz Krenn Komposition und Kontrapunkt studierte und Schüler von →Joseph Hellmesberger, →Robert Fuchs und →Anton Bruckner gewesen sein soll (nicht belegt). Wie auch sein Bruder, der bei →Josef Dachs Klavier studiert hatte, wurde B. ein ausgezeichneter Pianist. Den ersten Erfolg als Komponist feierte er 1893 mit seinem an der Wiener Hofoper uraufgeführten Ballett „Die goldene Märchenwelt“ (einer Erweiterung des 1890 in Graz uraufgeführten Balletts „Das Märchenbuch“). Seiner Oper „Die Schneeflocke“ (Prag, 1896) blieb der Erfolg allerdings ebenso versagt wie den darauf folgenden Operetten „Die Millionenbraut“ (München, 1904), „Der Glücksnarr“ (Wien, 1908) und „Der schöne Gardist“ (Breslau/Wrocław, 1907). Eingang in die Musikgeschichte fand B. hingegen mit dem 1916 im Wiener Raimundtheater uraufgeführten, auf Rudolf Hans Bartschs Roman „Schwammerl“ basierenden Singspiel „Das Dreimäderlhaus“ (Libretto: Alfred Maria Willner und Heinz Reichert), das das Leben Franz Schuberts zum Inhalt hat. Der Erfolg stellte sich allerdings erst ein, als B. seine eigene Musik durch Bearbeitungen von schubertschen Originalthemen ersetzte, wobei er u. a. Teile aus den Deutschen Tänzen, den Militärmarsch Nr. 1 sowie das Lied „Ungeduld“ aus der „Schönen Müllerin“ verwendete (die B. zugeschriebene Melodie des populären Lieds „Geh, Alte, schau“ geht auf das Klavierstück D 946/2 zurück). Das Stück wurde auch ins Englische übersetzt und 1921 in New York unter dem Titel „Blossom Time“ sowie 1922 in London als „Lilac Time“ aufgeführt. Wegen der klischeehaften Darstellung Schuberts zwar oft heftig kritisiert, hatte das „Dreimäderlhaus“ mit seinen rund 80.000 Aufführungen in 22 Sprachen an der Schubertrezeption des 20. Jahrhunderts erheblichen Anteil. Es diente auch als Vorlage für mehrere Filme. Mit dem 1918 in Hamburg uraufgeführten Singspiel „Lenz und Liebe“, das ebenfalls auf Melodien Schuberts basiert, versuchte B. vergeblich an den Erfolg des „Dreimäderlhauses“ anzuknüpfen. Unverheiratet geblieben, wohnte er bei seinem Bruder, der ihn in seinem Wiener Musikverlag als Kompagnon führte, um ihm eine finanzielle Unabhängigkeit zu ermöglichen.

Weitere W. (s. auch MGG; F. Stieger, Opernlexikon 2/1, 1977): Ballette: Amor auf Reisen (Wien, 1895), Der Karneval in Venedig (München, 1901), Automatenzauber (Wien, 1901); Operetten: Bureau Malicorne (Baden bei Wien, 1887), Der neue Bürgermeister (Wien, 1904), Der kleine Chevalier (Dresden, 1907), Die Wunderquelle (Wien, 1908), Der erste Kuss (Hamburg, 1909), Kreolenblut (ebd., 1910), Die drei Kavaliere (ebd., 1918), Kulissengeheimnisse (ebd., 1920); etc.
N.: NFP, 24. 8. 1924 (m. Parte).
L.: Czeike (m. Karikatur); Grove, 1980, 2001; MGG II (m. W. u. L.); oeml; Riemann, 11. Aufl.; Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters, ed. C. Dahlhaus, 1, 1986; Schubert-Enzyklopädie, ed. E. Hilmar – M. Jestremski, 2004 (m. Karikatur); V. Klotz, Operette, 2004, s. Reg.; S. Lang, Lexikon Österreichischer U-Musik-Komponisten im 20. Jahrhundert, o. J.; Gesellschaft der Musikfreunde in Wien (auch für Emil B. d. Ä.), WStLA, beide Wien.
(R. Wiesinger)   
Zuletzt aktualisiert: 1.3.2011  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 1 (01.03.2011)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 1, 1954), S. 77
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