Brückner, Eduard (1862–1927), Geograph, Klimatologe und Glaziologe

Brückner Eduard, Geograph, Klimatologe und Glaziologe. Geb. Jena (D), 29. 7. 1862; gest. Wien, 20. 5. 1927; evang. Sohn des Professors für russische Geschichte Alexander Brückner (1834–1896) und von Lucie Brückner, geb. Schiele (1836–1907); verheiratet ab 1888 mit Ernestine Stein (1864–1930). – Seine Kindheit und Jugend verbrachte B. in St. Petersburg und Odessa, ab 1879 besuchte er ein Gymnasium in Karlsruhe. 1881–85 studierte er Physik und Meteorologie an der Universität Dorpat, Geographie am Polytechnikum in Dresden sowie an der Universität München u. a. bei →Albrecht Penck, Friedrich Ratzel und Karl Alfred von Zittel; 1885 Dr. phil. in München mit einer Arbeit über die Vergletscherung des Salzachgebietes, wobei er als Erster eine monographische Untersuchung eines großen eiszeitlichen Vorlandgletschers präsentierte. Danach lehrte B. physikalische Geographie an der Deutschen Seewarte in Hamburg. 1888 erfolgte seine Berufung als ao. Prof. für Geographie an die Universität Bern; 1891 o. Prof., 1898–99 Dekan, 1899–1900 Rektor. In Bern regte B. eine Bibliographie der schweizerischen Landeskunde an. 1904 ging er nach Halle, 1906–27 war er Professor am Institut für Geographie an der Universität Wien, das er gemeinsam mit →Eugen Oberhummer leitete. B. forschte über physische Geographie und Klimageschichte. Grundlegendes leistete er auf den Gebieten Glaziologie und Glazialmorphologie, sein Hauptinteresse galt der Vergletscherung der Alpen. 1886–87 entwickelte er die orometrische Methode zur Schneegrenzbestimmung („Die Hohen Tauern und ihre Eisbedeckung. Eine orometrische Studie“, in: Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins 17, 1886, und „Die Höhe der Schneelinie und ihre Bestimmung“, in: Meteorologische Zeitschrift 4, 1887). 1887 stellte er eine heute allerdings kritisch zu betrachtende Theorie der Klimaschwankung auf, die in einem 35–jährigen Rhythmus zwischen feuchtkalten und trockenwarmen Epochen wechselte und die nach ihm „Brücknersche Periode“ benannt ist. Als sein Hauptwerk gilt „Klimaschwankungen seit 1700 nebst Bemerkungen über die Klimaschwankungen der Diluvialzeit“ (in: Pencks Geographische Abhandlungen 4, 1890). Sein dreibändiges Werk „Die Alpen im Eiszeitalter“ (gemeinsam mit Penck, 1901–09), das die zeitliche Mannigfaltigkeit der Vereisungen sowie die ihnen zugrunde liegenden Klimaschwankungen, insbesondere Schwankungen der Gletscher, Meere und Seen, aufzeigt, zählte lange Zeit zu den Standardwerken der Eiszeitforschung. Seine Wiener Phase ist im Besonderen durch interdisziplinäre Forschungsansätze über die Auswirkungen des Klimas auf soziale, wirtschaftliche und politische Verhältnisse gekennzeichnet. Erwähnenswert ist in dieser Hinsicht sein Vortrag „Klimaschwankungen und Völkerwanderungen“ (1912), gehalten in der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien (publiziert in: Almanach der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 62, 1912). Darüber hinaus befasste er sich mit der Erforschung der Adria. B. war ab den 1880er-Jahren Redakteur der „Meteorologischen Zeitschrift“. 1906 gründete er die international renommierte „Zeitschrift für Gletscherkunde …“, die er bis 1927 herausgab. Ab 1907 war er korrespondierendes, ab 1911 wirkliches Mitglied der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien und gehörte zahlreichen Kommissionen an; ab 1925 Mitglied der Accademia dei Lincei sowie der Internationalen Gletscherkommission für Deutschland und Österreich. Darüber hinaus fungierte er als Präsident der (Österreichischen) Geographischen Gesellschaft in Wien (1915–21, 1926–27) und ab 1911 als Obmann des Naturwissenschaftlichen Orientvereins. Ab 1910 gehörte er dem Hauptausschuss und dem wissenschaftlichen Unterausschuss des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins an.

Weitere W.: s. Oberhummer, 1928; Finsterwalder; Penck; Poggendorff; Stehr – Storch.
N.: E. Oberhummer, in: Almanach Wien 77, 1927, S. 195–198 (m. B.); ders., in: Mitteilungen der Geographischen Gesellschaft in Wien 71, 1928, S. 5–19 (m. B. u. W.); S. Finsterwalder, in: Zeitschrift für Gletscherkunde 16, 1928, S. 1–19 (m. B. u. W.); A. Penck, in: Geographische Zeitschrift 34, 1928, S. 65–87 (m. B. u. W.).
L.: HLS; NDB; Poggendorff 4–6 (m. W.); F. Hader, Zum Gedenken an E. B., in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 80, 1937, S. 338–341; F. Travnicek, Das Rätsel der E. B.schen Klimaschwankungen und seine Lösung, in: Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 84, 1941, S. 196–200; H. Kinzl, E. B. Ein führender Gletscher- und Eiszeitforscher, in: Österreichische Naturforscher, Ärzte und Techniker, ed. F. Knoll, 1957, S. 21–23 (m. B.); Österreich in der Welt, die Welt in Österreich ..., ed. I. Kretschmer – G. Fasching, 2006, S. 43, 45 (m. B.); E. B. Die Geschichte unseres Klimas: Klimaschwankungen und Klimafolgen, ed. N. Stehr – H. v. Storch (= Österreichische Beiträge zu Meteorologie und Geophysik 40), 2008 (m. B. u. W.); UA, Wien; UA, München, D.
(W. Kainrath)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 120
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