Brahms, Johannes (1833-1897), Komponist

Brahms Johannes, Komponist. * Hamburg, 7. 5. 1833; † Wien, 3. 4. 1897. Seine Vorfahren lebten im Dithmarschen, der Vater Johann Jakob (1806–72) wurde nach kümmerlichem Musikantendasein Hornist der Bürgerwehr, später Kontrabassist am Stadttheater und bei den Philharmonischen Konzerten Hamburgs u. gab seinem Sohn ersten Musikunterricht. B. kam zu guten Lehrern (O. F. Cossel, E. Marxen), die vor allem seine glänzende pianistische Begabung entwickelten. Als Komponist war er vorwiegend Autodidakt, eindringliches Studium alter Meisterwerke war ihm die beste Lehre. Leidenschaftlicher Bildungsdrang (Lit., Geschichte) und für einen Nichttheol. erstaunliche Bibelkenntnisse weiteten seinen Horizont. Auf einer Konzertreise (mit dem Geiger Remény) Joseph Joachim (s. d.) vorgestellt, wurde er von diesem Robert Schumann empfohlen, der ihn auch publizistisch tatkräftigst förderte („Das ist der, der kommen mußte!“). 1853–57 lebte B. in Düsseldorf, bzw. im Rheinland. Nach Schumanns frühem Tod blieb seine Gattin Clara, die große Pianistin, B.s unerreichbares Frauenideal, das kein späteres Erlebnis verdrängen konnte. 1857–59 wurde B. jährlich für 3 Monate als Kammervirtuose, Chordirigent und Musiklehrer an den Lippeschen Hof nach Detmold verpflichtet; dann ging er zurück nach Hamburg. Im September 1862 kam Brahms auf Zureden der Wr. Hofopernsängerin Luise Dustmann nach Wien und gab am 16. 11. sein erstes Konzert. Das ihm 1863 übertragene Dirigentenamt der Wr. Singakad. legte B. nach einem Jahr, die künstlerische Leitung der k. k. Ges. der Musikfreunde nach 3 Jahren (1872–75) wieder nieder. Selbst diese höchste Stellung, die das österr. Musikleben außerhalb der Oper zu vergeben hatte, konnte B. kein Äquivalent für die unentbehrliche Freiheit und Selbständigkeit als schaffender unabhängiger Künstler gewähren. B.s Tätigkeit als Dirigent und „Artistischer Direktor“ der Ges. der Musikfreunde begründete die seither an diesem Inst. so wesentliche Oratorienpflege und einheitlich großzügige Linie der Programmgestaltung. Durch die finanzielle Sicherheit, die ihm sein verständnisvoller Verleger Simrock großzügig bot, war er materiell früh sorgenfrei geworden und genoß in stiller Freude seinen Freundeskreis und die Natur. Mit dem Chirurgen Theodor Billroth und dem Haus Miller-Aichholz war Brahms eng befreundet, an E. Hanslick hatte er den feurigsten publizistischen Mentor, obwohl er sich am Kampf gegen die neudeutsche Schule nicht beteiligte; J. Hellmesberger, J.Epstein, Max Kalbeck, Marie Baumayer, Euseb. Mandyczewski u.a. gehörten zu seinem Freundeskreis. Reiche Ehrungen wurden Brahms zuteil, u.a. Dr.phil.h.c. der Univ. Breslau, Ritter der Friedensklasse des Ordens „Pour le mérite“. 1896 erlag er einem plötzlich auftretenden Leberleiden. Durch intensivstes Studium war B. in die Polyphonie des 16.–18. Jh.s eingedrungen (s. Chorwerke), aber seine völlige Vertrautheit mit der Musik der Wr. Klassiker verband ihn auch mit dem romantischen Schaffensstrom des späteren Beethoven und Schubert (s. Symphonien, Kammermusik, Lieder).

W.: Kritische Gesamtausgabe, 26 Bde., Hrsg. F. Mandyczewski und H. Gál (Breitkopf & Härtel). I. Orchester: 4 Symphonien, 2 Serenaden, Variat. über ein Thema von Haydn, 2 Ouvertüren (Akademische und Tragische), Ungar. Tänze. II. Konzerte mit Orchester: 2 Klavierkonzerte, 1 Violinkonzert und Konzert für Violine und Violoncello; III. Chor mit Orchester: Ein dt. Requiem, Schicksalslied, Triumphlied, Nänie, Gesang der Parzen. Begräbnisgesang, Ave Maria, XIII. Psalm (Frauenchor), Rinaldo, Rhapsodie (Männerchor). IV. Kammermusik: 3 Streichquartette, 2 Streichquintette, 2 Streichsextette, Quintett für Klarinette und Streicher, 1 Scherzo, 3 Sonaten für Violine und Klavier, 2 Sonaten für Violoncello und Klavier, 2 Sonaten für Klarinette und Klavier, 3 Klaviertrios, 1 Horntrio, 1 Klarinettentrio, 3 Klavierquartette, 1 Klavierquintett. V. Klaviersolo: 3 Sonaten, 6 Variationen, Zyklen, Balladen, Fantasien, Rhapsodien und viele kleine Stücke, Kadenzen zu Konzerten von Bach, Mozart und Beethoven, Haydn-Variationen, Schumann-Variationen, Walzer, Liebeslieder, Ungar. Tänze, etc. VI. Orgel: 12 Choralvorspiele (1 mit Fuge). VII. Chor: a) unbegleitet: 7 Motetten. Fest- und Gedenksprüche, 31 Chorlieder, viele Volksliedbearbeitungen. Frauenchöre: 3 geistliche Chöre, 12 Lieder und Romanzen, 17 Canons. Männerchöre: 5 Lieder; b) mit Klavier, Orgel oder anderen Instrumenten: Ave Maria, XIII. Psalm, Tafellied, 4 Frauenchöre mit 2 Hörnern und Harfe. VIII. Vokale Kammermusik: 16 Soloquartette mit Klavier, 2 Zyklen „Liebesliederwalzer“, Zigeunerlieder, Hochzeitskantate, ca. 20 Duette. IX. Sololied mit Klavier: 115, in Gruppen, teils zyklisch zusammenhängend; 4 ernste Gesänge, zahlreiche Volksliedbearbeitungen.
L.: A. v. Ehrmann, Them. Verzeichnis des Gesamtwerkes, 1933; L. Koch; B.-Bibliogr., 1943; Musik in Geschichte u. Gegenwart 2; Biographien: M. Kalbeck, 4 Bde., Dt. B.-Ges., 1904–14; W. Niemann, 1920 und 1933; Fl. May, 1905, dt. 1912–15; Th. San-Galli, 1912; J. A. Fuller-Maitland, 1911, dt. 1913; W. Nagel, 1923; R. Specht, 1928; G. Ernest, 1930; A. v. Ehrmann, 1933; R. Hernried, 1934; K. Geiringer, 1935; R. Gerbert, 1938; A. Orel, 1948; F. Grasberger, 1952; E. Schenk, Kleine Wr. Musikgeschichte, 1947; M. Friedländer, B. und das Volkslied, 1902; G. Adler, Wesen, Wirken, Stellung, Gedenkrede, 1933; F. Brand, Wesen und Charakter in der Kammermusik, 1937; zahlreiche Diss.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 105f.
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