Brüll, Ignaz (1846–1907), Pianist und Komponist

Brüll Ignaz, Pianist und Komponist. Geb. Proßnitz, Mähren (Prostějov, CZ), 7. 11. 1846; gest. Wien, 17. 9. 1907 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof); mos. Aus einer wohlhabenden und hochmusikalischen Kaufmannsfamilie stammend; Sohn des im Garnhandel tätigen Sigmund Brüll und seiner Frau Katharina Brüll, geb. Schreiber; ab 1882 mit der Wiener Bankierstochter Marie Brüll, geb. Schosberg, verheiratet; zwei Töchter. – Seine musikalische Ausbildung erhielt B. zunächst von seiner Mutter, einer Pianistin (sein Vater war ausgebildeter Bariton). In Wien, wohin die Familie 1850 übersiedelte, studierte B. bei →Julius Epstein Klavier sowie Komposition bei →Felix Otto Dessoff und →Johann Rufinatscha. Ursprünglich sollte er das väterliche Geschäft übernehmen, doch das begeisterte Urteil Anton Rubinsteins über das Spiel des 14-Jährigen ebnete den Weg für dessen Musikerlaufbahn. In weiterer Folge war es Epstein, der 1861 das Klavierkonzert in F-Dur seines begabten Schülers aufführte und ihm so zu erster öffentlicher Anerkennung verhalf. Bereits drei Jahre später komponierte B. seine erste Oper, „Die Bettler von Samarkand“, wie auch eine erste Serenade für Orchester, die 1866 in Stuttgart mit großem Erfolg uraufgeführt wurde, während seine Bemühungen, v. a. seine Oper in Wien herauszubringen, erfolglos blieben. In den folgenden Jahren machte er als Liedbegleiter und Pianist Karriere, wobei insbesondere seine Schumann-Interpretationen gefeiert wurden. 1872–78 war er als Professor an den Horákschen Klavierschulen tätig, 1881 wurde er Mitdirektor. Als Opernkomponist gelang B. mit dem 1875 in Berlin uraufgeführten, formal an das an sich schon anachronistische Singspiel anknüpfende „Goldene Kreuz“ (Libretto: Salomon Hermann Rosenthal) ein sensationeller internationaler Erfolg. Bis 1909 wurde das Werk auf mehr als 180 Bühnen (darunter 1878 London und 1886 New York) gespielt und konnte sich bis zum Verdikt der Nationalsozialisten auch auf deutschen Bühnen halten. „Das Goldene Kreuz“ zeigt die Vorliebe B.s für heiter-volkstümliche Stoffe. In Verbindung mit dessen Londoner Erstaufführung gastierte B. auch als Pianist in der britischen Hauptstadt, wo er bei einer weiteren Tournee 1881 ebenso reüssierte, sodass man hier vom Höhepunkt seiner Virtuosenlaufbahn sprechen kann. Dem „Goldenen Kreuz“ folgten zehn weitere Bühnenwerke, die allerdings nicht an dessen Erfolg anschließen konnten. Nach seiner Heirat lebte B. überwiegend in Wien, wo er zum Freundeskreis von →Johannes Brahms zählte. Neben den Werken von Brahms waren es auch jene →Karl Goldmarks und →Gustav Mahlers, die B. gemeinsam mit den Komponisten im vierhändigen Klavierspiel erstmals zum Erklingen brachte. In der Rezeption wird B. immer wieder mit dem Adjektiv „liebenswürdig“ bedacht, was auf seine Umgänglichkeit ebenso wie auf die Gefälligkeit seiner Kompositionen zurückzuführen ist. Tatsächlich rückte der Komponist im Lauf der Jahre nicht von Mustern ab, denen er seine frühen Erfolge zu verdanken hatte, und sperrte sich gegen neuere Entwicklungen. So hatte er auch mit seinen Orchesterserenaden großen Erfolg, da ihm dieses Genre, wie man es von Robert Volkmann und →Robert Fuchs kennt, sehr entgegenkam. Durch die ausbleibende stilistische Weiterentwicklung seiner Kompositionen war er immer wieder mit Kritik konfrontiert, ungeteilten Respekt zollte man ihm jedoch als Pianist. Anlässlich seines 60. Geburtstags wurden B. zahlreiche öffentliche Ehrungen zuteil. Er war 1877–79 Mitglied der Grenzloge Sokrates.

Weitere W.: s. MGG II; Wecker.
L.: C. M. Ziehrer’s Deutsche Musik-Zeitung, 14. (Bild), 21. 10. 1876; NFP, 17. (Abendausg.), 18. 9. 1907 (mit Parte); Neues Wiener Journal, NWT, 18. 9. 1907; BSČZ; Czeike (mit Bild); Grove 2001; MGG II (mit W.); NDB; oeml; Renner, Nachlässe; H. Schwarz, I. B. und sein Freundeskreis, 1922 (mit Bild); A. Bauer, Opern und Operetten in Wien, 1955, s. Reg.; Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters 1, ed. C. Dahlhaus, 1986; H. Wecker, Der Epigone I. B., 1994 (mit Bild und W.); Lexikon zur deutschen Musikkultur. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien 1, 2000; P. Clive, Brahms and His World, 2006;G. K. Kodek, Unsere Bausteine sind die Menschen. Die Mitglieder der Wiener Freimaurerlogen (1869–1938), 2009; JewishEncyclopedia.com (mit Bild, Zugriff 11. 4. 2015).
(R. Wiesinger)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 120
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