Canova, Antonio (1757–1822), Bildhauer

Canova Antonio, Bildhauer. Geb. Possagno, Republik Venedig (I), 1. 11. 1757; gest. Venedig, Lombardo-Venetien (Venezia, I), 13. 10. 1822; röm.-kath. Enkel von Pasino Canova, Sohn des Steinmetzen Pietro Canova (gest. 1761) und der Angela Zardo, Halbbruder von Giambattista Sartori. – Nach dem Tod seines Vaters wuchs C. unter der Obhut seines Großvaters auf. Seine Ausbildung erhielt er ab 1768 bei dem Bildhauer Giuseppe Bernardi-Torretti, mit dem er u. a. in Venedig arbeitete. Nach dessen Tod lernte er bei Giovanni Ferrari und studierte gemeinsam mit Antonio d’Este bis 1776 an der Aktschule in Venedig. 1775 erfolgte die Eröffnung eines eigenen Ateliers bei der Kirche Santo Stefano in Venedig. Bereits 1779 erhielt er große Anerkennung mit der öffentlichen Präsentation seiner Skulptur „Dädalus und Ikarus“ (Museo Correr, Venedig) und wurde Mitglied der Accademia di belle arti di Venezia. Im selben Jahr übersiedelte C. auf Vermittlung des venezianischen Botschafters Girolamo Zulian nach Rom. Die dortige Kunstszene um Gavin Hamilton, Giovanni Volpato, Giacomo Quarenghi und Pompeo Batoni führte ihn zur Neuorientierung an der römischen Antike und zur Entwicklung seines unverwechselbaren neoklassizistischen Stils (Theseus und Minotaurus, 1781–83, Victoria and Albert Museum, London, früher Sammlung Fries, Wien; Grabmal für Papst Clemens XIV., Santi Apostoli, Rom; Grabmal für Papst Clemens XIII., Petersdom, Rom). Durch die Fürsprache Zulianis erhielt er ab Ende 1781 vom venezianischen Senat – vorerst für drei Jahre – eine Pension, die ihm den Lebensunterhalt sicherte; diese wurde nach Fertigstellung der Stele für Angelo Emo (1795) auf Lebenszeit verlängert. 1798 verließ C. das von französischen Truppen besetzte Rom und kehrte vorerst nach Venedig zurück, das nun unter habsburgischer Oberhoheit stand. In der Folge reiste er nach Wien, um seine 1797 eingestellten Pensionszahlungen einzufordern. Dort erhielt er von Herzog →Albert von Sachsen-Teschen den Auftrag für das Grabdenkmal für dessen Frau, Erzherzogin Marie Christine (1805, Augustinerkirche, Wien). Er knüpfte weitere Kontakte zu adeligen Auftraggebern in Österreich wie →Nikolaus Fürst Esterházy (Statue Leopoldine Prinzessin Esterházy, 1805–18, Schloss Esterházy, Eisenstadt), →Anton Franz de Paula Graf von Lamberg-Sprinzenstein und Prosper Fürst Sinzendorf. Bereits 1793 war seine Skulptur „Amor und Psyche“ von General Joachim Murat erworben worden (heute Louvre, Paris) und es folgten mehrere Aufträge von Napoleon Bonaparte (Kolossalbüste, Kolossalstatue Napoleons als friedensstiftender Mars, 1802–06, Apsley House, London; Laetitia Bonaparte, 1805, Chatsworth House). 1802 wurde C. zum Oberaufseher der Kunstschätze des Vatikans ernannt, 1810–14 fungierte er als Principe der Accademia di San Luca; nach Vereinbarung mit der Akademie der bildenden Künste in Wien betreute er auch die österreichischen Stipendiaten in Rom (→Johann Nep. Schaller, →Leopold Kiesling). 1797–1801 schuf er die Marmorstatue „Perseus“ (Vatikan, Rom) als Ersatz für den „Apollo von Belvedere“, 1804–11 die „Venus Italica“ (Uffizien, Florenz) an Stelle der „Venus Medici“, da die antiken Skulpturen von den Franzosen nach Paris gebracht und im Musée Napoleon im Louvre aufgestellt worden waren. 1815 zeichnete C. für die Rückführung der durch Napoleon geraubten Kunstschätze Italiens verantwortlich und unternahm eine Reise nach London, wo er die Elgin Marbles bewunderte. Seine „Polyhymnia“ (Hofburg, Wien) war 1816 der Beitrag zu →Leopoldo Graf Cicognara „Omaggio delle Provincie Venete“, der Geschenksendung anlässlich der Hochzeit von Kaiser →Franz II. (I.) mit →Karoline Auguste. 1819 wurde seine Gruppe „Theseus besiegt den Kentaur Eurytion“ (ab 1804), ursprünglich für das Foro Napoleone in Mailand bestimmt, in dem von →Peter Nobile gebauten Theseustempel im Wiener Volksgarten aufgestellt (heute Kunsthistorisches Museum, Wien). An Hand des von seinem Halbbruder Giambattista Sartori bewahrten Nachlasses (Musei Biblioteca Archivio, Bassano del Grappa; Gipsotheca Canoviana, Possagno) an Skizzen, Zeichnungen, Ton- und Gipsmodellen lässt sich C.s Werkprozess gut nachvollziehen, das Punktierverfahren für die Übertragung in Marmor erleichterte die Anfertigung von Reproduktionen durch Werkstattmitglieder, wie etwa Adamo Tadolini. C.s Arbeiten (Grabmäler, Büsten, Salonskulpturen) und die seiner Schüler prägten den Kunstgeschmack der europäischen Feudalgesellschaft um 1800, wobei sein neoklassizistischer Stil an den europäischen Akademien bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts als Vorbild diente. C. war Mitglied von zahlreichen Kunstakademien, u. a. jener in Florenz (1791), Wien (1798), Verona (1803), Venedig (1804), St. Petersburg (1804) und Siena (1805).

Weitere W. (s. auch Praz – Pavanello, S. 88ff.): Eurydike, 1773–75, Orpheus, 1775–76 (beide Museo Correr, Venedig); Büßende Maria Magdalena, 1794–96 (Palazzo Bianco, Genua); Amor und Psyche stehend, 1796–1800 (Louvre, Paris); Hebe I, 1796, II, 1817 (Eremitage, St. Petersburg bzw. Musei di San Domenico, Forlì); Paolina Borghese (Venus victrix), 1804–08 (Museo e Galleria Villa Borghese, Rom); Büste Kaiser Franz II. (I.), 1805 (Kunstkammer, Wien); Drei Grazien, 1812–16 (mehrere Fassungen, u. a. Eremitage, St. Petersburg).
L.: AKL; Czeike; ÖKL; Thieme–Becker; Wurzbach; S. Krasa, in: Albertina-Studien 5/6, 1967/68, S. 67ff.; H. Honour, in: The Burlington Magazine 114, 1972, S. 146ff., 214ff.; Dizionario Biografico degli Italiani 18, 1975; L’Opera completa del C., ed. M. Praz – G. Pavanello, 1976 (mit W.); F. Licht, A. C. Beginn der Modernen Skulptur, 1983; I. Schemper-Sparholz, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 50, 1997, S. 255ff.; I. Schemper-Sparholz, in: Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich 5, ed. G. Frodl, 2002, S. 447ff.; J. Myssok, A. C. Die Erneuerung der klassischen Mythen in der Kunst um 1800, 2007; C. L’ideale classico tra scultura e pittura, ed. S. Androsov u. a., Forlì 2009 (Kat.); I. Schemper-Sparholz, in: Studi 7, Settima Settimana di Studi Canoviani … 2, ed. G. Ericani – F. Mazzocca, 2009, S. 7ff.; Ch. M. Geyer, Der Sinn für Kunst. Die Skulpturen A. C.s für München, 2010; C., Hayez, Cicognara. L’ultima gloria di Venezia, ed. P. Marini – F. Mazzocca, Venezia 2017 (Kat.); Artisti Italiani in Austria (online, Zugriff 17. 5. 2018); Musei Biblioteca Archivio, Bassano del Grappa (online, Zugriff 15. 6. 2018).
(I. Schemper-Sparholz)  
Zuletzt aktualisiert: 14.12.2018  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 7 (14.12.2018)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 135
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