Cieslar, Adolf (1858–1934), Forstwirt

Cieslar Adolf, Forstwirt. Geb. Blogotitz, Schlesien (Cieszyn-Błogocice, PL), 25. 9. 1858; gest. Wien, 14. 7. 1934; evang. AB. Sohn des erzherzoglich Albrecht’schen Fabriksverwalters Georg Cieslar; verheiratet mit Ida Cieslar, geb. Huschner (geb. 27. 12. 1866; begraben 15. 12. 1953); drei Kinder. – C. besuchte das Gymnasium in Teschen und maturierte 1876 mit Auszeichnung. Danach studierte er 1876–79 Botanik an der Universität Wien. Nach dem Einjährig-Freiwilligen-Jahr 1878–79 inskribierte er 1879–83 an der Hochschule für Bodenkultur und 1881–82 an der philosophischen Fakultät der Universität. Daneben arbeitete C. am pflanzenphysiologischen Institut der Universität bei Professor Julius Wiesner, 1883 Dr. phil. (Dissertation „Untersuchungen über den Einfluß des Lichtes auf die Keimung der Samen“, in: Forschungen aus dem Gebiete der Agrikulturphysik 6, 1883). Anschließend absolvierte er eine kurze Forstpraxis im Revier Weichsel bei der erzherzoglichen Kammer Teschen. 1883–84 hörte er an der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München Vorlesungen aus forstlichen Fächern und erhielt anschließend ein Reisestipendium zum Besuch von Forstbetrieben in Bayern und Frankfurt am Main. Im selben Jahr trat C. in den Dienst der forstlichen Versuchsleitung in Wien. Als Grundlage für seine Forschungen diente ihm ein Netz von Versuchsflächen, das sich über ganz Cisleithanien erstreckte. Dort begann er Untersuchungen in Verbindung mit der künstlichen Bestandesbegründung, u. a. über die Pflanzzeit und ihren Einfluss auf die Entwicklung der Fichte und Weißföhre. Weiters baute C. Versuche mit „Exoten“, die bei der Versuchsleitung bereits seit 1882 durchgeführt wurden, weiter aus, sodass 1899 288 Versuchsflächen mit fremdländischen Baumarten vorhanden waren. Ein besonderes Anliegen war ihm auch die Errichtung einer Samenkontrollstation, die 1889 ihre Tätigkeit an der forstlichen Versuchsleitung aufnahm. 1892 wurde er bei Waldschäden durch Industrieabgase von Forstbetrieben zu Rate gezogen („Welche Erfahrungen liegen vor über die Beschädigung der Wälder durch den Rauch industrieller Unternehmungen und Gewerbe? …“, in: Österreichische Vierteljahresschrift für Forstwesen, NF 17, 1899). Sein größtes Verdienst um die Forstwirtschaft hat sich C. durch seine bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Population erworben. Er führte die ersten methodischen Versuche zur Beurteilung der wirtschaftlichen Bedeutung der Samenherkunft schon in den 1880er-Jahren durch. 1900 war ihm die Stelle des Direktors an der höheren Forstlehranstalt zu Weißwasser angeboten worden, was C. jedoch ausschlug, um seine wissenschaftlichen Arbeiten an der Forstlichen Versuchsanstalt fortzusetzen. 1904 wurde er als Nachfolger von →Gustav Hempel zum Ordinarius für forstliche Produktionslehre an der Hochschule für Bodenkultur berufen, setzte aber trotz umfangreicher Lehrverpflichtungen seine Forschungsarbeiten mit großer Intensität fort. Er untersuchte die Rolle des Lichts im Wald und den Einfluss der Größe der Fichtensamen auf die Entwicklung der Pflanze. Es folgten ausgedehnte Versuchsreihen mit Fichtensamen aus Hoch- und Tieflagen sowie mit Samen der Weißkiefer aus dem Norden Europas und dem mitteleuropäischen Raum. Die Erkenntnis über die Bedeutung der Samenherkunftsgebiete für die Anzucht von Forstpflanzen ist gleichfalls C. zuzuschreiben. Er bezog das Saatgut möglichst von solchen Standorten, deren klimatische Verhältnisse am ehesten mit jenen des Anbaugebiets übereinstimmten. Durch den Rohstoffmangel während des 1. Weltkriegs sah sich C. veranlasst, sich mit den üblichen Harzungsmethoden der Schwarz- und der Weißkiefer und deren Verbesserungen auseinanderzusetzen. Das von ihm entwickelte Risserverfahren, d. h. die lückenlose Aneinanderreihung der Rillen, erwies sich als die ergiebigste Methode und wurde bis zur Einstellung der Harzgewinnung in den 1960er-Jahren in Österreich beibehalten. 1910 Rektor der Hochschule für Bodenkultur, gelang es ihm, eine ordentliche Professur für Standortslehre einzurichten. 1909–29 war er Mitredakteur des „Centralblatts für das gesamte Forstwesen“. C., Mitglied der Königlich schwedischen Landwirtschaftsakademie, erhielt 1913 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse, 1924 das Ehrendoktorat der Universität München, 1927 das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik, 1930 das Ehrendoktorat der forstlichen Fakultät der Dresdner Technischen Hochschule Tharandt sowie der Forstlichen Hochschule in Eberswalde.

Weitere W.: Die Pflanzzeit in ihrem Einfluss auf die Entwickelung der Fichte und Weissföhre, in: Mittheilungen aus dem forstlichen Versuchswesen Österreichs, 1892, H. 14; Über den Ligningehalt einiger Nadelhölzer, ebd., 1897, H. 23; Neues aus dem Gebiete der forstlichen Zuchtwahl, in: Centralblatt für das gesamte Forstwesen 25, 1899, H. 2; Über Anbauversuche mit fremdländischen Holzarten in Österreich, 1901; Einiges über die Rolle des Lichtes im Walde, in: Mittheilungen aus dem forstlichen Versuchswesen Österreichs 30, 1904; Die Harznutzung und deren Möglichkeiten in Österreich, in: Centralblatt für das gesamte Forstwesen 42, 1916.
L.: Czeike; Jb. der Wr. Ges.; Centralblatt für das gesamte Forstwesen 54, 1928, S. 241ff.; L. Tschermak, in: Forstwissenschaftliches Centralblatt 56, 1934, S. 697ff.; H. Kuhn, in: Centralblatt für das gesamte Forstwesen 75, 1958, S. 153f.; M. Schreiber, ebd., S. 155ff.; H. Partisch, Österreicher aus sudetendeutschem Stamme 4, 1967, S. 100ff.; UA, Wien.
(P. Wiltsche)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
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