Clam-Martinic, Heinrich Graf von und zu;  (1863–1932), Politiker und Großgrundbesitzer

Clam-Martinic Heinrich Graf von und zu, Politiker und Großgrundbesitzer. Geb. Wien, 1. 1. 1863; gest. Schloss Clam (Oberösterreich), 7. 3. 1932; röm.-kath. Sohn des Großgrundbesitzers und Politikers Feldmarschallleutnant Richard Graf von und zu Clam-Martinic (geb. Munzifay, Böhmen / Smečno, CZ, 12. 3. 1832; gest. ebd., 15. 11. 1891; röm.-kath.), der 1879–85 1. Vizepräsident des Abgeordnetenhauses war, und der Luisa Gräfin von und zu Clam-Martinic, geb. Gräfin von Bombelles (geb. Schönbrunn, Niederösterreich/Wien, 29. 7. 1836; gest. Praha, Tschechoslowakei/CZ, 10. 5. 1921; röm.-kath.), Neffe von →Heinrich Jaroslav Graf Clam-Martinic; ab 1895 verheiratet mit Anna Gräfin von und zu Clam-Martinic, geb. Gräfin von Abensperg und Traun (geb. Petronell, Niederösterreich, 12. 11. 1875; gest. Schloss Clam, 2. 8. 1956; röm.-kath.) – Nach einer standesgemäßen Erziehung durch Hofmeister maturierte C. 1881 am Akademischen Gymnasium in Prag. Es folgte 1881–88 ein Studium der Rechtswissenschaften an der tschechischen Universität Prag mit einer kurzen Unterbrechung im Wintersemester 1887/88, wo er an der Universität Innsbruck inskribiert war; ein Abschluss lässt sich allerdings nicht nachweisen. Noch als Student meldete er sich 1882 als Einjährig-Freiwilliger, diente ab 1883 beim Dragonerregiment Nr. 2 sowie ab 1889 beim Ulanenregiment Nr. 1, zuletzt als Oberleutnant. Nach dem Tod seines Onkels 1887 übernahm er die Leitung der Güter Clam sowie seit dem Ableben seines Vaters 1891 die Besitzungen in Smečno. 1894 wurde C. in den böhmischen Landtag gewählt, wo er sich den tschechischen Konservativen anschloss und u. a. in der Landeskulturkommission wirkte. 1902 als lebenslängliches Mitglied in das Herrenhaus des Reichsrats berufen, wurde er bereits 1907 zum erblichen Mitglied ernannt. Dort schloss sich C. der Partei der Rechten an und fungierte ab 1909 in deren Exekutivkomitee sowie 1913–16 als deren Obmann. Im Rahmen seiner politischen Tätigkeit galt C. als Parteigänger des Thronfolgers →Franz Ferdinand, den er bereits 1892 auf dessen Weltreise begleitet hatte. Bei Ausbruch des 1. Weltkriegs meldete er sich freiwillig an die Front, zunächst als Ordonnanzoffizier beim 4. Armeekommando. 1914 als Rittmeister in Evidenz, erlebte er die Jahre 1915–16 auf den Kriegsschauplätzen in Serbien und Italien. Mitte 1916 wurde C. aus Krankheitsgründen von seinem Posten abgezogen und wegen seiner politischen Tätigkeit nicht mehr an der Front eingesetzt; dennoch avancierte er 1918 zum Generalmajor a. D. Noch im Oktober 1916 wurde er zum Ackerbauminister ernannt. In dieser Funktion blieb er bis Juni 1917, trat dabei allerdings – mit Ausnahme des bereits von der Vorgängerregierung ausgearbeiteten Gesetzes zur Schaffung eines Ernährungsamts – kaum in Erscheinung. Umso mehr gelang ihm dies im Zuge der Regierungsumbildung durch den jungen Kaiser →Karl, der nach innovativen Politikern Ausschau hielt und C. im Dezember 1916 zum Ministerpräsidenten Cisleithaniens bestimmte. Im Zusammenhang damit wurde erstmals seit Ausbruch des Kriegs das Abgeordnetenhaus wieder einberufen. C. versuchte vermittelnd zu wirken und ein Kabinett aller Nationalitäten zu bilden, scheiterte aber an Widerständen von allen Seiten. Da selbst ein Budgetprovisorium nicht erfolgreich angenommen werden konnte, bat C. um seine Entlassung, die tatsächlich im Juni 1917 erfolgte. Danach widmete er sich erneut militärischen Belangen und wurde im Juli 1917 zum Militärgouverneur von Montenegro ernannt. Mit dem Ende des Kriegs und der in der Tschechoslowakei 1919/20 durchgeführten Bodenreform verlor C. seine böhmischen Güter und zog sich auf Schloss Clam zurück. Von 1921 bis zu seinem Tod fungierte er als Präsident der Vereinigung katholischer Edelleute Österreichs. Ende der 1920er-Jahre gründete C. anlässlich des geplanten Baus des Donaukraftwerks Ybbs-Persenbeug einen Verein zum Schutz der betroffenen Gemeinden. In wirtschaftlicher Hinsicht betätigte er sich noch zu Zeiten der Monarchie 1898–1916 als Präsident der Böhmischen Industrial-Bank in Prag, daneben als Verwaltungsrat der Prager Eisenindustriegesellschaft sowie als Präsident des Verwaltungsrats der Nestomitzer Zucker-Raffinerie. C. erhielt zahlreiche Ehrungen: 1890 k. k. Kämmerer, 1909 Geheimer Rat, 1917 Großkreuz des St. Stephans-Ordens. 1918 wurde C. zum Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies ernannt.

L.: AZ, RP, 8. 3. 1932; Adlgasser; NDB; F. Höglinger, Ministerpräsident H. C., 1964; F. Ott – W. Wieser, in: 100 Jahre Landwirtschaftsministerium, 1967, S. 84ff.; Matrikel der Universität Innsbruck. Abteilung Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät 1, 1848–1918, 1998; E. Lebensaft – Ch. Mentschl, Feudalherren – Bauern – Funktionäre, 2003; KA, Wien; Pfarre Klam, Oberösterreich; UA, Praha, CZ.
(P. Swoboda – Ph. Dittinger)   
Zuletzt aktualisiert: 14.12.2018  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 7 (14.12.2018)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 149
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