Cornova, Ignaz (Ignác, Ignatius) (1740–1822), Schriftsteller, Historiker und Pädagoge

Cornova Ignaz (Ignác, Ignatius) SJ, Schriftsteller, Historiker und Pädagoge. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 25. 7. 1740; gest. ebd., 25. 7. 1822; röm.-kath. Sohn eines aus der Lombardei stammenden Kaufmanns. – C. besuchte das Jesuitengymnasium in der Prager Altstadt und wurde auf Empfehlung von Joseph Stepling 1756 Novize des Jesuitenordens im Brünner Collegium. Die Humaniora absolvierte er 1759 in Březnitz und die philosophischen Lehrgänge 1760–62 in Olmütz, wo er sich mit der zeitgenössischen deutschen Literatur und mit geschichtlichen Studien in der Tradition der frühen Aufklärung beschäftigte. Der Historiker Franz Pubitschka förderte ihn und weckte sein Interesse für Pädagogik. Zwei Jahre später unterrichtete C. als Ordensscholasticus an der Jesuitenschule in Brünn. Nach den Regeln der Jesuiten setzte er sein Studium der Theologie fort, ging jedoch außerdem verstärkt seinem Interesse an klassischer Philologie, Geschichte, aber auch an lebenden Sprachen (Französisch und Englisch) nach. 1770 erhielt er die Priesterweihe. Danach wirkte er ein Jahr als Ordensprediger, 1772 unterrichtete er an den Ordensgymnasien in Komotau und 1773, als Professor für Poetik, in Klattau. Nach der Aufhebung der Gesellschaft Jesu im selben Jahr erhielt er vom Kämmerer und Kreishauptmann von Klattau, Sebastian Graf von Künigl, finanzielle Unterstützung. Kurz darauf wurde er zum Professor für die humanistischen Klassen am Altstädter akademischen Gymnasium in Prag ernannt. 1774 promovierte er zum Doktor der schönen Künste. Die ersten Belege für seine freimaurerische Tätigkeit in der Loge zu den drei gekrönten Sternen und Redlichkeit stammen aus dem Jahr 1776 (bis 1783); sie beweisen seine engen Kontakte zu den Prager intellektuellen Kreisen. U. a. wirkte er bei der Redaktion des „Systems der Freymaurer-Loge Wahrheit und Einigkeit zu drey gekrönten Säulen …“ (1794) mit, die auch seine Arbeit „Ueber die Pflicht für die hinterlassenen Kinder der Brüder zu sorgen …“ beinhalten. Nach dem Tod von Johann Heinrich Wolf erhielt C. den Ruf als Professor für allgemeine Geschichte an die Universität Prag. Von Studenten und Kollegen geschätzt, wirkte er dort bis 1795 (1789/90 als Dekan der philosophischen Fakultät), ehe er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederlegte. Der tatsächliche Grund, abgesehen von den sich zuspitzenden politischen Verhältnissen, könnten auch nicht näher bekannte Intrigen gewesen sein. Danach war C. zunächst als Erzieher bei Johann Graf von Pachta tätig. Die Jahre 1805–06 verbrachte er auf Einladung des Abts Milo Grün bei den Prämonstratensern im Prager Stift Strahow, ab 1807 war er bei →Prokop Graf Lažanský von Bukowa tätig. Bis zu seinem Lebensende unterstützte er, selbst in kargen Verhältnissen lebend, arme Studenten. Sein Vermögen vermachte er testamentarisch zwei Waisenhäusern in Prag. C. begann seine schriftstellerische Laufbahn mit einem Band „Gedichte“ (1775), in dem er didaktische Gedanken zum Ausdruck brachte, dabei aber auch satirische, bardische oder idyllische Töne anschlug. In seinen Allegorien huldigt er nicht nur Joseph II. für sein Wirken, sondern bezieht auch Stellung zu moralischen sowie ethischen Fragen, indem er die Wichtigkeit von Wohltätigkeit und Tugend betont, wobei Gesellschaftskritik in den Hintergrund treten sollte. Den österreichischen Patriotismus nach dem Vorbild Michael Denisʼ thematisierte C. in der Sammlung „Die Helden Oesterreichs, besungen in Kriegsliedern“ (1777). Im gelehrten didaktischen Gedicht „An Böhmens junge Bürger“ (1783) richtet er sich in patriotischer Weise und in der Tradition der religiösen Aufklärung an die studierende Jugend. C. schrieb auch einige Lustspiele. „Das Fest der Fürstenliebe“, in dem er das Akademische Leibbataillon preist, wurde 1800 im Prager Ständetheater aufgeführt. Als Historiker trat C. mit der wissenschaftlichen Abhandlung „Uiber das Verhältniß zwischen Přemisl Ottokar II. und den Päbsten seiner Zeit“ erst 1790 hervor. Beeinflusst von Voltaire, Chladenius und Herder, versuchte er sich philosophisch-pragmatisch für die Geschichtswissenschaft als eine kritische, auf Quellen basierende und ethische Wissenschaft einzusetzen. In weiteren kürzeren Abhandlungen beschäftigt C. sich auch mit der Problematik einer gewaltsamen Revolution („Kurze Uibersicht der merkwürdigsten Empörungen in Böhmen und ihrer Folgen“, 1793), wobei er die konstitutionelle Monarchie kritisch verteidigte und Gewalt scharf verurteilte. Als sein Hauptwerk gilt die Übersetzung von Paul Stranskys „Respublica Bohemiae“ (1634) mit Ergänzungen und Kommentaren („Paul Stranskyʼs Staat von Böhmen“, 7 Bde., 1792–1803). In seinen Ergänzungen analysiert er v. a. Josephs II. religiöse und wirtschaftliche Reformen („Leben Josephs des Zweyten. Aus Stranskyʼs Staat von Böhmen“, Separatdruck, 1801). Sein Interesse für den böhmischen Humanismus belegt auch seine Biographie „Der große Böhme Bohuslaw von Lobkowicz und zu Hassenstein nach seinen eigenen Schriften geschildert“ (1808). Im Zusammenhang mit seiner pädagogischen Tätigkeit sind seine „Briefe an einen kleinen Liebhaber der Vaterländischen Geschichte“ (3 Bde., 1796–97) und ihre Fortsetzung „Unterhaltungen mit jungen Freunden der vaterländischen Geschichte“ (4 Bde., 1797–1800) sowie die sechsbändige Weltgeschichte „Das Nöthigste aus der alten Geschichte für junge Leser“ (1814–15) zu sehen. Mit der Geschichte des Schulwesens befasst er sich in seinem Pionierwerk „Die Jesuiten als Gymnasiallehrer, in freundschaftlichen Briefen an den … Vizepräsidenten in Gallizien Grafen von Lazanzky“ (1804), das auch seine eigenen Erfahrungen zum Ausdruck bringt. C. war ab 1789 ordentliches Mitglied der königlich böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften, 1803/04 deren Direktor.

Weitere W.: s. LČL.
L.: Graeffer–Czikann; LČL (mit W.); Masaryk; Otto; Rieger; Wurzbach; J. Ritter v. Rittersberg, in: Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst 14, 1823, S. 638ff.; M. Kalina v. Jäthenstein, in: Abhandlungen der königlichen Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften 8, 1824, S. 25ff.; J. Kalousek, Děje Král. české společnosti náuk, 1885, s. Reg.; O. Teuber, Geschichte des Prager Theaters 2, 1885, S. 367; F. Kutnar, in: Český časopis historický 36, 1930, S. 327ff., 491ff.; E. Lemberg, in: Sudetendeutsche Lebensbilder 3, 1934, S. 250ff.; K. Kazbunda, in: Stolice dějin na pražské universitě 1, 1964, S. 82ff., 90ff., 110ff., 114ff.; B. Slavík, Od Dobnera k Dobrovskému, 1983, s. Reg.; E. Maur, in: Mezi časy … Kultura a umění v českých zemích kolem roku 1800, 1999, S. 134ff.; Český a slovenský biografický index 1, 2006; K.-J. Stock, Europäische Freimaurerei … am Beispiel J. C., 2009.
(V. Petrbok)   
Zuletzt aktualisiert: 27.11.2017  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 6 (27.11.2017)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 155
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