Czerny (Černý), Carl (1791–1857), Pianist, Pädagoge und Komponist

Czerny (Černý) Carl, Pianist, Pädagoge und Komponist. Geb. Leopoldstadt, Niederösterreich (Wien), 21. 2. 1791 (Taufdatum); gest. Wien, 15. 7. 1857 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof); röm.-kath. Enkel des mit Georg Anton Benda befreundeten Beamten und Geigers Dominik Czerny, Sohn von Wenzel Czerny (geb. Nimburg, Böhmen / Nymburk, CZ, 12. 10. 1752; gest. Wien, 1832), der zunächst als Oboist beim Militär und ab 1786 als Klavierlehrer in Wien wirkte, und seiner Frau Maria, geb. Ruzitschka. – Wenzel Czernys Tätigkeit als Klavierlehrer führte die Familie 1791–95 nach Polen. So erhielt C., der bereits mit drei Jahren Klavier zu spielen begann und mit sieben seine ersten Kompositionen zu Papier brachte, den ersten Klavierunterricht auch von seinem Vater und konnte dank seiner außergewöhnlichen Begabung bereits als Neunjähriger in einem der Wiener Augartenkonzerte als Interpret von Mozarts c-Moll-Konzert Nr. 24 auftreten. Von essentieller Bedeutung für C.s weitere Laufbahn wurde der von Wenzel Krumpholtz, einem Geiger des Hofopernorchesters, arrangierte Besuch bei →Ludwig van Beethoven, der ihn unverzüglich als Schüler aufnahm. Binnen Kurzem machte sich C. in Wien als Interpret der neuen Klavierwerke seines Lehrers (1806 war er etwa der Solist bei der Uraufführung von Beethovens erstem Klavierkonzert) einen Namen. Trotz dieser Erfolge beendete C. seine Solistenkarriere früh, um sich dem Unterrichten zu widmen, mit dem er etwa in seinem 15. Lebensjahr begann. Seine wichtigsten Schülerinnen und Schüler waren Theodor Döhler, Stephen Heller, →Sigismund Thalberg, →Marie Leopoldine Blahetka, Ninette de Belleville sowie →Franz von Liszt, den er ab 1819 unterrichtete und mit dem ihn ebenfalls eine lebenslange Freundschaft verband (1852 widmete ihm Liszt seine „Études d’exécution transcendante“). Auch Beethovens Neffe Karl wurde ein Schüler C.s. Im Unterricht verwendete er v. a. Werke Beethovens, Muzio Clementis, →Ignaz Moscheles’ und Johann Sebastian Bachs. C.s Name ist heute untrennbar mit seinen zahlreichen Studienwerken für Klavier verbunden, die sich an Anfänger (etwa „Die Schule der Geläufigkeit“) ebenso richten wie an bereits gereifte Pianisten („Schule des Virtuosen“). Dazu kommen Stücke, die sich den unterschiedlichen Anschlagsarten oder dem Fugenspiel widmen. Die größte Popularität erlangte C.s „Vollständige theoretisch-practische Pianoforte-Schule …“ (1839). Der Rest seines mehr als 1.000 Werke umfassenden kompositorischen Œuvres ist dagegen weitgehend vergessen. Es beinhaltet Klavierkonzerte, Sonaten, Kirchenmusik (darunter 24 Messen), aber ebenso Sinfonien, Kammermusik, Chöre, Gesänge und Bühnenwerke. Stilistisch stehen seine Kompositionen der Wiener Klassik nahe, es finden sich jedoch in geringerem Umfang auch Einflüsse der Romantik. Die Rezeption dieser teils erst Ende des 20. Jahrhunderts wiederentdeckten Stücke ist von einer negativen Beurteilung gekennzeichnet, der sich nicht nur Robert Schumann, sondern auch Liszt anschloss. Darüber hinaus war C. als Musiktheoretiker tätig. Er verfasste eine „Systematische Anleitung zum Fantasieren auf dem Pianoforte“, zählte zu den ersten Editoren einer Bach-Gesamtausgabe und übersetzte vier umfangreiche Kompositions-Traktate von →Anton Reicha. 1842 schrieb C. seine Autobiographie „Erinnerungen aus meinem Leben“. Abgesehen von einigen Reisen nach Italien und einem Aufenthalt in Frankreich (1837) sowie England verbrachte er sein gesamtes Leben in seiner Heimatstadt. Er starb als wohlhabender Mann und vermachte sein Vermögen künstlerischen und wohltätigen Zwecken, u. a. der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Weitere W.: s. Grove; MGG II; Czerny.
L.: Neue Wiener Musikzeitung, 23. 7. 1857; ADB; Grove, 1980, 2001 (beide mit Bild und W.); MGG I (mit Bild), II (mit Bild und W.); NDB; oeml; Renner, Nachlässe; Wurzbach; C. Czerny, Erinnerungen aus meinem Leben, ed. W. Kolneder, 1968 (mit W.); G. Wehmeyer, C. C. und die Einzelhaft am Klavier oder Die Kunst der Fingerfertigkeit und die industrielle Arbeitsideologie, 1983 (mit Bild); A. Loesser, Men, Women and Pianos, 1990, s. Reg.; A. Kuerti, in: Queen’s Quarterly 104, 1997, S. 487ff.; G. Kramer, in: Österreichische Musikzeitschrift 62, 2007, H. 6, S. 49f. (mit Bild); C. C., ed. H. v. Loesch, (2010); Pfarre St. Leopold, Wien.
(R. Wiesinger)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 162f.
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