Dallinger, Alfred (1926–1989), Politiker und Gewerkschafter

Dallinger Alfred, Politiker und Gewerkschafter. Geb. Wien, 7. 11. 1926; gest. Bodensee (CH), 23. 2. 1989 (Flugzeugabsturz). Sohn eines Straßenbahners und einer Betriebsrätin. – Nach Besuch der Pflichtschule absolvierte D. 1940–43 eine Drogistenlehre in der Oesterreichischen Heilmittelstelle, einem chemisch-pharmazeutischen Unternehmen am Rennweg in Wien 3, der einer der ersten gemeinwirtschaftlichen Betriebe der Ersten Republik war. 1943 wurde D. zum Militärdienst einberufen und kam in Italien und Jugoslawien zum Einsatz. 1944 erlitt er eine schwere Kriegsverletzung, geriet in Kriegsgefangenschaft und kehrte im November 1945 nach Wien zurück, wo er in seiner Ausbildungsstätte wieder Arbeit fand. 1946 trat er sowohl der Gewerkschaft als auch der Sozialistischen Partei Österreichs bei. In beiden Organisationen engagierte er sich von Anfang an in der Jugendbewegung. In der Heilmittelstelle baute er eine Betriebsjugendgruppe auf, über diese kam er als Funktionär in die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ). 1948 stellte sich D. vollkommen in den Dienst der Gewerkschaftsbewegung und wurde Jugendsekretär der Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft (GAP) (heutige Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier). Innerhalb der GAP wechselte er 1955 von der Jugendarbeit in die Sektion Versicherung, wo er als leitender Sekretär tätig war. 1966 stieg er zum Zentralsekretär und stellvertretenden Geschäftsführer der Gewerkschaft auf. 1967 wurde D. Vorstandsmitglied des Internationalen Bundes der Privatangestellten. Anlässlich des 8. Gewerkschaftstages im Oktober 1974 wurde D. zum Vorsitzenden der nunmehrigen Gewerkschaft der Privatangestellten, 1975 zu einem der Vizepräsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) gewählt und hatte beide Funktionen bis zu seinem Tod inne. Ab 1954 war D. Arbeiterkammerrat, wurde 1966 Obmann-Stellvertreter und 1968 Obmann der Pensionsversicherungsanstalt (PVA). Ab 1980 gehörte er als Bundesminister für soziale Verwaltung (seit 1987 Bundesminister für Arbeit und Soziales) den Kabinetten Kreisky IV, Sinowatz, Vranitzky I und Vranitzky II an. D., der 1974–83 auch Abgeordneter des Nationalrats war, galt als Gestalter der – nicht unumstrittenen – aktiven und experimentellen Arbeitsmarktpolitik, da er in der Massenarbeitslosigkeit eine Gefahr für den Bestand der Demokratie sah. Zu den Errungenschaften seiner Amtszeit gehören u. a. die Angleichung der Arbeiterabfertigungen an jene der Angestellten, das Arbeitsruhegesetz, die Erhöhung des Mindesturlaubs auf fünf Wochen, das Arbeitskräfteüberlassungsgesetz und die gesetzliche Sicherung der Bauarbeiterabfertigung. Weiters wurden das „Akademikertraining“ und die „Aktion 8000“ zur Reintegration von Jugend- und Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt eingeführt. Eng verbunden mit dem Namen D. sind die Forderung nach einer Wertschöpfungsabgabe zur Sicherung des Sozialversicherungssystems und nach der 35–Stunden-Woche sowie nach Gleichberechtigung von Frauen in der Arbeitswelt. 1989 stürzte das Flugzeug, in dem sich neben D. auch GPA-Zentralsekretär Richard Wonka befand, im Anflug auf den Schweizer Flughafen Altenrhein über dem Bodensee ab. Seit 2003 wird alle vier Jahre das Internationale Alfred-Dallinger-Symposium, das sich mit Fragen der Arbeitswelt beschäftigt, abgehalten.

L.: Die Presse, 21. 2. 2009; Czeike; H. Braun, Sozialpolitik in Österreich – Die „konkrete“ Utopie des A. D., in: Sozialpolitik und Sozialplanung. Festschrift für A. D. zum 60. Geburtstag, ed. O. Martinek u. a., 1986, S. 41–52; O. Martinek – G. Schultheis, A. D. Sozialminister in schwerer Zeit …, ebd., S. 13–31; GPA-Dokumentation 1945–1947. Von der Gründung bis zum 1. Gewerkschaftstag, (1986); Der Privatangestellte 2a/1989, Nr. 822a; H. Renner, Die Bau- u. Holzarbeiter im Wandel der Zeit von 1867–1992, 1992, s. Reg. (m. B.); E. Talos, in: Die Politiker, ed. H. Dachs u. a., 1995, S. 110–117 (m. B.); Biographisches Handbuch der österreichischen Parlamentarier, 1998; Nachrichten und Stellungnahmen der katholischen Sozialakademie Österreichs, 1999, Nr. 3, S. 4–6.
(S. Lichtenberger)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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