Dessauer, Josef (1798–1876), Komponist

Dessauer Josef, Komponist. Geb. Prag, Böhmen (Praha, CZ), 28. 5. 1798; gest. Mödling (Niederösterreich), 8. 7. 1876. Sohn des aus Dessau stammenden Prager Großhändlers Aaron Dessauer und einer Tochter des Berliner Großkaufmanns Hertz. – Obwohl er sich dem elterlichen Wunsch folgend zunächst einer kaufmännischen Ausbildung widmete, studierte D. am Konservatorium seiner Heimatstadt bei →Václav Jan Tomášek (Komposition, Musiktheorie) und Friedrich Dionys Weber (Klavier), wobei sich beide Lehrer stilistisch an Mozart und dem jungen →Ludwig van Beethoven orientierten. Im Rahmen seiner ersten Italienreise, die ihn 1822 u. a. nach Mailand, Rom und Neapel führte, lernte er Jacques Fromental Halévy kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Halévy beeinflusste auch sein Opernschaffen maßgeblich. Nach dem Tod seines Vaters kam D. 1825 nach Wien, wo er zunächst im Finanzbereich tätig war. Auch pflegte er Kontakte zum Freundeskreis von →Franz Schubert, der ihn zu ersten Liedkompositionen inspirierte. D. bereiste neben Italien England und Frankreich (1831–35) und lernte dabei u. a. Vincenzo Bellini kennen, mit dem er während der Komposition zu „Norma“ in regem Kontakt stand. Weitere wichtige Begegnungen waren etwa die mit Hector Berlioz, Ferdinand von Hiller, Frédéric Chopin (der D. seine Polonaises op. 26 widmete), →Franz von Liszt (er transkribierte drei Lieder D.s für Klavier, darunter „Lockung“) und Luigi Cherubini. Berlioz bezeichnete D. 1832 in einem Brief an Hiller als „Mann von Talent“. Nach Prag zurückgekehrt, komponierte D. seine erste Oper „Lidwinna“ (Text: →Karl Egon Ebert), die dort während der Festtage anlässlich der Krönung Kaiser →Ferdinands I. zum böhmischen König 1836 aufgeführt wurde. 1837 ließ er sich in Wien nieder und fokussierte sein Schaffen primär auf Lieder, mit denen er bereits in Paris reüssiert hatte. 1839 feierte er einen großen Erfolg mit seiner in Dresden uraufgeführten komischen Oper „Ein Besuch in St. Cyr“ (Text: →Eduard von Bauernfeld). Depressionen und sein hypochondrischer Charakter verursachten ab 1840 ein Nachlassen der kompositorischen Tätigkeit. In der Folge bereiste er abermals Frankreich, wo er Eugène Delacroix und George Sand (sie nannte ihn „Maître Favilla“) kennenlernte. 1842 überzeugte er in Paris Richard Wagner, für ihn aus E. T. A. Hoffmanns „Die Bergwerke zu Falun“ ein Libretto zu entwerfen, allerdings wurde das Projekt von Léon Pillet an der Opéra mit dem Einwand abgelehnt, es wäre bühnentechnisch zu aufwendig. Auch das ihm von Wagner zugesagte Textbuch für ein Oratorium mit dem Titel „Maria Magdalena“ wurde nicht realisiert. Nach seiner Rückkehr nach Wien stabilisierte sich D.s Gesundheitszustand, doch fand er nicht mehr zu der schöpferischen Tatkraft seiner ersten Reisejahre zurück. So entstanden zwischen 1843 und 1860 die wenig erfolgreichen Opern „Paquita“ (Text: →Johann Otto Prechtler, 1851 an der Wiener Hofoper uraufgeführt) und „Dominga“ (Text: Alexander Baumann) sowie über 100 Lieder. Seinen Lebensabend verbrachte D. hochgeehrt, im Musikleben spielte er aber nur mehr die Rolle eines bedeutungslosen Kleinmeisters. Der Schwerpunkt von D.s Œuvre liegt auf seinem Liedschaffen, das deutlich vom sentimentalen Typus der französischen Romanze geprägt ist, weshalb er auch bei Balladen eine durchkomponierte Form vermied. Häufig zu finden ist die Form des variierten Strophenlieds, bei dem er auf virtuose Effekte verzichtete. D. erhielt 1869 das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens und wurde 1871 Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Er besaß eine wertvolle Sammlung von Musikautographen, darunter Handschriften aus Beethovens Nachlass, die er 1870 der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien schenkte.

Weitere W.: s. Wurzbach; Sertl.
L.: NFP, 10. 7. 1876; ADB; ČHS; Grove, 1980, 2001; Ludvová; MGG II; oeml; Renner, Nachlässe; Wininger; Wurzbach (mit W.); E. von Bauernfeld, Meister Favilla, 1877; O. Sertl, J. D. (1798–1876), ein Liedmeister des Wiener Biedermeier, phil. Diss. Innsbruck, 1951 (mit W.); W. von Wurzbach, J. Kriehuber und die Wiener Gesellschaft seiner Zeit 2/1, 1957, S. 350ff.; Lexikon zur deutschen Musikkultur. Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien 1, 2000.
(R. Wiesinger)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 2, 1954), S. 180
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