Dreher, Anton (Eugen) (1810–1863), Großindustrieller

Dreher Anton (Eugen), Großindustrieller. Geb. Klein-Schwechat (Schwechat, Niederösterreich), 7. 6. 1810; gest. Schwechat (Niederösterreich), 27. 12. 1863; röm.-kath. Sohn von →Franz Anton Dreher d. J.; Vater von →(Carl) Anton Dreher; in 1. Ehe verheiratet mit Anna Dreher, geb. Wisgrill (geb. Krems / Krems an der Donau, Niederösterreich, 11. 4. 1816; gest. Schwechat, 26. 8. 1841), ab 1848 in 2. Ehe mit Anna Maria Dreher, geb. Herrfeldt (geb. Regensburg, Bayern/D, 10. 9. 1824; gest. München, Bayern/D, 12. 7. 1884). – D. besuchte das Piaristengymnasium in der Josefstadt (Wien 8), ging beim Brauer →Georg Meichl in Simmering (Wien 11) in die Lehre und setzte seine Ausbildung in London und Schottland fort. Nach seiner Rückkehr pachtete er 1836 mit der Mitgift seiner ersten Frau von seiner Mutter die Brauerei Schwechat, die er später erwarb. Dort experimentierte er mit englischen Mälzungsverfahren und der ihm aus Bayern bekannten Untergärung. Da untergäriges Bier nur in der kalten Jahreszeit hergestellt werden konnte, lagerte D. es 1841 in den Kellerräumen eines Wirtshauses in Fünfhaus (Wien 15) und verkaufte es im folgenden Frühjahr als Klein-Schwechater Lagerbier. Der Erfolg bewog D., große Kellerräume bauen zu lassen, für die er unter hohem Risiko Kredite aufnahm. Seine elf Lagerkeller konnten 3.500 große Bierfässer aufnehmen. Hatte die Brauerei 1836–37 20.560 Eimer Bier hergestellt, so waren es 1862–63 bereits 391.260. Mit 31 Malztennen, zehn doppelten Malzdarren, Braupfannen, Maisch- sowie Dampfmaschinen war die Brauerei ein Großbetrieb von internationalem Format. Um von Preisschwankungen unabhängig zu sein und den Zwischenhandel auszuschalten, ließ D. Gerste auf einem zur Brauerei gehörenden Gut in Schwechat anbauen und erwarb außerdem die ehemalige Herrschaft Michelob (Měcholupy) bei Saaz (Žatec) mit ihren Hopfenfeldern und einer Brauerei. Dort führte er auch einen Filialbetrieb für den böhmischen Markt. Für den ungarischen kaufte er 1862 eine Brauerei in Steinbruch/Kőbánya (Budapest), wo sich die dortigen Bruchfugenhöhlen für Bierlager eigneten. Mit D.s Lagerbier wurde Bier zum Modegetränk. D. war auch politisch tätig und ab 1861 Abgeordneter im niederösterreichischen Landtag. 1861–63 wurde er in den Reichsrat delegiert. Als Anhänger des liberalen Ministeriums →Anton von Schmerlings setzte er sich für Einsparungen beim Militärbudget ein. 1861 ehrte Kaiser →Franz Joseph I. die Brauerei mit seinem Besuch. D. wurde anlässlich der Industrieausstellung in London 1862 mit dem Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens ausgezeichnet.

L.: Die Presse, 28., 29. 12. 1863 (Parte); WZ, 29. 12. 1863 (Parte); Czeike (m. B.); Habsburgermonarchie 1; NDB; Slokar; E. Hensel, A. D., 1864; W. F. Exner, Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Österreichs 1, 1873, S. 198ff.; J. Promitzer, Dreihundert Jahre Brauhaus Schwechat, 1932, S. 26ff. (m. B.); Adler. Monatsblatt der Vereine für Sippenforschung in der Ostmark 6, 1944, S. 83ff.; J. Mentschl, Österreichische Wirtschaftspioniere, 1959, S. 58ff.; ders. – G. Otruba, Österreichische Industrielle und Bankiers, 1965, S. 101ff.; G. Holzmann, Unternehmensgeschichte in Niederösterreich, 1972, Tafel 31 (m. B.); L. Welzl, A. D. und A. I. Mautner Markhof, phil. DA Wien, 1987, S. 70ff. (m. B.); W. Kleindel, Das große Buch der Österreicher, 1987, S. 81; R. Sandgruber, Ökonomie und Politik, 1995, S. 189; Österreichische Wirtschafts- und Sozialgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, ed. P. Eigner – A. Helige, 1999, S. 27; J. Jetschgo u. a., Österreichische Industriegeschichte 2, 2004, S. 252f. (m. B.); O. Krause, Biographisches Handbuch des NÖ Landtags 1861–1921, 2005, S. 56; St. Karner – M. Stehlik, Österreich. Tschechien, Graz 2009, S. 202 (Kat.); R. Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 2013, s. Reg. (m. B.); http://www.schwechater.at/home.html (Zugriff 8. 11. 2013).
(J. Mentschl)   
Zuletzt aktualisiert: 15.11.2014  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 3 (15.11.2014)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 3, 1956), S. 199
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