Eötvös, Joseph Baron (1813-1871), Minister und Schriftsteller

Eötvös Joseph Baron, Staatsmann und Schriftsteller. * Ofen, 13. 9. 1813; † Pest, 2. 2. 1871. Nach Beendigung der Jusstudien an der Univ. Pest 1831 Vizenotar des Komitates Pest, 1835 Kanzleinotar. 1835–37 machte E. eine große Studienreise durch Deutschland, Frankreich und England, um die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen, Organisationen sowie die führenden Männer seiner Zeit (Hugo, Lamartine, Guizot, Chateaubriand) kennenzulernen. 1840 gründete er zusammen mit L. Szalay die Z. „Budapesti Szemle“ (Budapester Rundschau). 1839 zum Ehrenmitgl. der Ung. Akad. d. Wiss. gewählt, nahm er am Reichstag 1839/40 das erstemal am politischen Leben praktischen Anteil (liberal). E. ergriff in dem politischliterarischen Streit zwischen Gf. St. Széchenyi und L. Kossuth um die Széchenyische Schrift „Kelet népe“ (Das Volk des Orients) zwar die Partei Kossuths, gründete jedoch mit seinen westlich orientierten Freunden gegenüber der traditionellen Autonomie-Freundlichkeit Kossuths die Gruppe der Zentralisten, auch „Doktrinäre“ genannt, welche in einer verantwortlichen Regierung, Zentralisierung der Verwaltung und im Parlament mit Volksvertretung den Weg des gesunden Fortschritts erblickte. Seine diesbezüglichen wertvollen Artikel veröffentlichte E. gesammelt in dem Werk „Reform“. Um die Fehler der Komitatsverwaltung aufzuweisen, schrieb E. seinen berühmten Roman“A falu jegyzöje“ (Der Dorfnotar), eine bittere Satire auf das korrupte Leben des Komitats. Im Dienste der Idee der Bauernbefreiung sowie der Gleichheit im öffentlichen Leben und vor Gericht, entstand sein mächtiger Roman „Magyarország 1514-ben“ (Ungarn 1514). 1847 wurde E. Präs. der Kisfaludy-Ges., 1848 im ersten ung. Kabinett Min. für Kultus und Unterricht, wo er mit Széchenyi, Deák, Batthyány die Richtung der friedlichen Verständigung vertrat. 1848–51 lebte er in München. 1856 Vizepräs., 1866 Präs. der Ung. Akad. d. Wiss. Ganz auf Seite der Deákschen Politik, nahm er bedeutenden Anteil am Zustandekommen des Ausgleichs. E., dessen größtes und bleibendes Werk das Volksschulgesetz war, ließ 1867, im Kabinett Andrássy Min. für Kultus und Unterricht, die Emanzipation der Juden inartikulieren und trat erfolgreich für Gleichberechtigung und Freiheit in den Fragen der Kirchensowie Nationalitätenpolitik ein. Er war einer der größten Staatsmänner Ungarns.

W.: A falu jegyzöje (Der Dorfnotar), 1844–46. dt. 1846; Reform, 1846; Magyarország 1514–ben (Ungarn 1514), 1847/48, dt. Der Bauernkrieg, 1850; A XIX század uralkodó eszméinek befolyása az álladalomra (Der Einfluß der vorherrschenden Ideen des XIX. Jh. auf den Staat), 1851–54, dt. 1854; A növérck (Die Schwestern), 1857, dt. 1888; etc. Ges. Werke, 14 Bde., 1886, 2. Aufl. 20 Bde., 1901–03.
L.: Wr. Ztg. vom 5. 2. 1871 und 7. 2. 1872; G. Voinovich, B.E.J., 1903; Z. Ferenczi, B.E.J., 1903; Ph. Saupper, Das österr. Staatsproblem um die Mitte des 19. Jh. und Frh. von E., Diss. Wien, 1938; H. Levitschnigg, Kossuth und seine Bannerschaft, 1850; A. Csengery, Ungarns Redner und Staatsmänner, 1852; Uhlirz, s. Reg.; Stimmen aus Maria Laach, 86, 1914, S. 33–47; Szinnyei 2; J. Pintér, Magyar irodalomtörténete (Gesch. del ung. Literatur) 6, 1933; Révai 6; Cassell; Kindermann-Dietrich; Nagl-Zeidler-Castle, s. Reg.; Enc.It.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 3, 1956), S. 256
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