Fellner, Ferdinand II. (1847–1916), Architekt

Fellner Ferdinand II., Architekt. Geb. Roßau, Niederösterreich (Wien), 19. 4. 1847; gest. Wien, 22. 3. 1916; röm.-kath. Sohn von →Ferdinand I. Fellner und Caroline Fellner, geb. Perl, Vater von →Ferdinand III. Fellner; ab 1871 verheiratet mit Katharina Plank. – Nach dem Besuch der Realschule und einem angeblichen begonnenen Studium am polytechnischen Institut trat F. 1866 in das Atelier seines Vaters ein und übernahm 1871 dessen Leitung. 1873 ging er eine Bürogemeinschaft mit →Hermann Helmer ein. Anfangs war F. für die Verhandlungen und die Bauleitung zuständig, danach wurden die Aufträge aufgeteilt und vom jeweils eigenen Mitarbeiterstab ausgeführt. Das Atelier Fellner & Helmer war v. a. für seine Effizienz, die Kostengünstigkeit sowie die Verlässlichkeit bei der Bauausführung bekannt. Es beschäftigte zeitweise bis zu 20 Architekten und errichtete eine Vielzahl an Theaterbauten in Mitteleuropa und in Russland (Odessa). Daneben wurden Wohn- und Geschäftshäuser, Hotels, Landhäuser, Villen etc. ausgeführt – insgesamt sind mehr als 200 Gebäude dokumentiert. Auf Grund der strengen Feuerschutzbestimmungen, die nach dem Ringtheaterbrand (1881) in Kraft traten, beschäftigte sich Fellner & Helmer intensiv mit dem Brandschutz im Theaterbau und erarbeitete einen dreigeteilten Bautypus, bestehend aus Foyer und Treppenhaus, dem Zuschauersaal sowie dem durch einen Eisernen Vorhang abgetrennten Bühnenhaus. Dieses Schema wurde beim Deutschen Volkstheater in Wien 7 (1888–89) beispielhaft ausgeführt und fand weite Verbreitung. Aus arbeitsökonomischen Gründen entwickelte das Team vier Fassadentypen, die mit unterschiedlichen Dekorationselementen zum Einsatz kamen. Stilistisch modifizierte das Atelier Formen aller Spielarten der Renaissance. Als die Söhne von F. und Helmer um 1900 in das Atelier eintraten, wurden auch secessionistische Elemente aufgegriffen. Die Wohn- und Geschäftshäuser zeigen das gleiche Formenrepertoire und zeichnen sich durch funktionale und zugleich repräsentative Gestaltungsweisen aus. Für den außerstädtischen Hotel-, Landhaus- und Villenbau wurden v. a. Formen des Heimatstils verarbeitet. Nach dem Tod F.s wurde das Atelier von Helmer weitergeführt. 1884 Baurat, 1903 Oberbaurat, erhielt F. 1914 das Komturkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. F. war u. a. ab 1871 Mitglied der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), ab 1872 des Niederösterreichischen Gewerbevereins, ab 1873 des Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereins, 1908 Gründungsmitglied und ab 1915 Präsident der Zentralvereinigung der Architekten Österreichs, ab 1910 k. Mitglied des Royal Institute of British Architects.

Weitere W. (s. auch Hoffmann; F. & Helmer; Architektenlexikon): Palais Sturany, 1874–80 (Wien 1); Wohn- und Geschäftshaus Thonethof, 1882–84 (Wien 1); Stadttheater Odessa, 1884–86; Stadttheater Zürich, 1890–91; Nationaltheater Agram, 1894–95; Stadttheater Graz, 1898–99; Deutsches Schauspielhaus Hamburg, 1899–1900; Stadttheater Klagenfurt, 1909–10; Wiener Konzerthaus, Akademietheater, Hochschule für darstellende Kunst, 1910–13 (Wien 3, gem. mit Ludwig Baumann); Hotel Panhans, 1912–13 (Semmering). – Publ.: Die Entwicklung des Theaterbaues in den letzten fünfzig Jahren, in: Mitteilungen der Zentralvereinigung der Architekten … 3, 1910; Sammelwerk der ausgeführten Bauten und Projekte in den Jahren 1870/1914, (1914) (gemeinsam mit H. Helmer).
L.: NFP, 23. 3. 1916; AKL; Czeike; Die Wr. Ringstraße 1, 2, 4, 7, 8/1, 11; Eisenberg 1; Kosel 1; NDB; NÖB 7, S. 123ff.; Thieme–Becker; A. v. Wurm-Arnkreuz, in: ZÖIAV 68, 1916, S. 416ff. (mit Bild); H.-Ch. Hoffmann, Die Theaterbauten von F. und Helmer, 1966 (mit W.); R. Wagner-Rieger, Wiens Architektur im 19. Jahrhundert, 1970, s. Reg.; dies., in: Geschichte der bildenden Kunst in Wien 3, 1973, s. Reg.; F. Achleitner, Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert 1–3/2, 1981–95, s. Reg.; J. Brabenec, F. & Helmer. Architekten, 1992; D. Klein, in: Baukultur 4, 1997, S. 34ff.; F. & Helmer. Die Architekten der Illusion. Theaterbau und Bühnenbild in Europa, ed. G. M. Dienes, Graz 1999 (Kat., mit W.); ders., F. und Helmer. Theaterarchitekten Mitteleuropas 1870–1920, Graz 2001 (Kat., mit Bild); G. Doytchinov – Ch. Gantchev, Österreichische Architekten in Bulgarien 1878–1918, 2001, S. 94ff. (mit Bild); Geschichte der bildenden Kunst in Österreich 5, ed. G. Frodl, 2002, s. Reg.; H. Weihsmann, In Wien erbaut, 2005 (mit Bild); R. Sandgruber, Traumzeit für Millionäre, 2013, s. Reg.; W. Aichelburg, 150 Jahre Künstlerhaus Wien 1861–2011, www.wladimir-aichelburg.at (Zugriff 24. 2. 2015); Architektenlexikon Wien 1770–1945, www.architektenlexikon.at (mit Bild und W., Zugriff 13. 2. 2015).
(I. Scheidl)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 4, 1956), S. 297
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