Franz (II./I.), röm.-dt. K., K. von Österr., Kg. von Ungarn (1768-1835)

Franz II. (I.) Röm.-deutscher Kaiser, Kaiser von Österreich, König von Ungarn. * Florenz, 12. 2. 1768; † Wien, 2. 3. 1835. Als Sohn des Großherzogs Leopold von Toskana, des späteren K.s Leopold II. und der spanischen Königstochter Maria Louise genoß er zunächst am Hofe von Florenz eine extrem wechselnde Erziehung (Graf Colloredo, der spätere Bischof Graf Sigmund Hohenwart). K. Joseph II. ließ seinen Neffen 1784 nach Wien kommen, doch hatte auch er keine glückliche Hand in Erziehungsfragen. Daraus erklärt sich zum Teil das ungünstige Urteil, das er sich über den Charakter des jungen F. bildete. Dieser hatte zeitlebens mit starken Minderwertigkeitsgefühlen zu kämpfen, verstand es aber, in Anlehnung an seine Ratgeber und Staatsmänner (Colloredo, Cobenzl, Thugut, Stadion und vor allem Metternich) eine Stellung als patriarchalischer Herrscher zu behaupten. Als Kehrseite zu seinem Verantwortungsbewußtsein und zu seiner Gewissenhaftigkeit trat eine kleinliche Geschäftigkeit zutage, sein Mißtrauen trieb ihn, mit beharrlichem Fleiß womöglich alles selbst erledigen zu wollen, oder sich eines Systems von Kabinettsreferenten zu bedienen, das den Gang der Regierungsgeschäfte mitunter mehr hemmte als förderte. Im Unglück bewahrte er Gleichmut und Haltung. Seiner mangelnden Entschlußkraft wegen ließ er die meisten Dinge an sich herankommen, fand jedoch durch seinen praktischen Wirklichkeitssinn, der sich auch in seiner Vorliebe für Handwerk und Gewerbe kundtat, oft brauchbare Lösungen. Bei aller Strenge zeichnete ihn ein hohes Streben nach Gerechtigkeit aus. Nicht unbeeinflußt blieb er von der Erfahrung seiner vier Jahrzehnte überdauernden Regierung, daß vieles Böse sich letzten Endes doch zum Guten gewendet hatte. Daher sein Bestreben des „Quieta non movere“, wesentlich unterbaut von der Angst vor revolutionären Bewegungen, die ihn auch gegenüber guten Gedanken und berechtigten Bestrebungen äußerst vorsichtig sein ließ . . K. Joseph II. zog den heranwachsenden Neffen zu vielseitigen Aufgaben heran. Er ließ ihn durch die Länder der Monarchie reisen und übertrug ihm das formelle Kommando im Türkenkrieg von 1789. Nach dem Tode des K.s führte F. bis zum Eintreffen seines Vaters in Wien die Regierung. Er beteiligte sich auch unter Leopold an den Regierungsgeschäften und war bei der Zusammenkunft des K.s mit dem Kg. von Preußen in Pillnitz (1791) anwesend. Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm er am 2. März 1792 die Regierung. Am 8. Juni wurde er in Ofen (Buda) zum ung. König gekrönt, Wahl und Krönung zum deutschen Kaiser folgten am 7. und 14. Juli, die böhmische Wenzelskrone wurde ihm am 9. August aufs Haupt gesetzt. Indessen war die Kriegserklärung Frankreichs erfolgt, aus der harte Kriegsläufte über zwei Dezennien hinweg erwuchsen. Zur Erhaltung des Status quo beteiligte sich F. an den wechselnden Allianzen und Koalitionen gegen Frankreich, mußte aber in den Friedensschlüssen von Campoformio (1797,) Luneville (1801), Preßburg (1805) und Schönbrunn (1809) beträchtliche Verluste und die Erschütterung der Staatsfinanzen hinnehmen. Widerwillig, aber doch aus realpolitischen Erwägungen heraus, vermählte er 1810 seine Tochter Marie Luise Napoleon I. Als Schachzug gegen diesen hatte er am 14. August 1804 den Titel eines K.s von Österreich angenommen und aus dieser dynastischen Erwägung eine straffere Zusammenfassung seiner Erblande erzielt, aus welchen nun mehr und mehr ein Staat wurde. Die Niederlegung der deutschen Kaiserkrone (6. 8. 1806) setzte den Schlußstrich unter eine ruhmvolle Vergangenheit, die in der Gegenwart nur Form, nicht mehr Inhalt bedeutete. Den Ratschlägen Metternichs folgend, der seit 1809 als Staatskanzler die Außenpolitik leitete, fand K. F. den Weg, der ihm größere Verluste als Kampfgenosse Napoleons am Feldzug gegen Rußland ersparte, und nach dem siegreichen Ausgang der Befreiungskriege durch den Wiener Kongreß die Kaiserstadt zum politischen und gesellschaftlichen Mittelpunkt Europas machte. Außenpolitisch sollte die Stabilität durch die Heilige Allianz (1815) gesichert werden. Die folgenden zwei Jahrzehnte des Friedens brachten keine wesentlichen Erschütterungen mehr, doch bildeten sich in ihnen die Keime, die um die Mitte des Jahrhunderts zu gewaltsamen Eruptionen führten. Eben das wollte der K. hintanhalten, indem er sich mit wenigen Ausnahmen dringenden Reformen verschloß. Im schlichten Kleid des Bürgers auftretend und die Sprache des Volkes sprechend, erlangte er, dem ein feineres Ohr für das Mißvergnügen der gebildeten Kreise fehlte, eine nicht unbedeutende Popularität. In der Kirchenpolitik hielt F. zeitlebens an den Grundsätzen des Josephinismus fest, soweit sie seine Herrscherrechte berührten, jedoch ohne Starrheit und mit vielen Modifikationen. Seine politischen Grundsätze für Staat und Kirche diktierte er mit Benützung von Vorarbeiten Metternichs auf dem Sterbebette als Richtschnur für seinen Sohn Ferdinand, den er trotz seiner Nichteignung aus Legitimitätsgründen zum Nachfolger bestimmte. K. F. war viermal verheiratet. In erster Ehe mit Elisabeth von Württemberg (6. 10. 1788), wodurch er mit dem Zarenhof verschwägert wurde; in zweiter Ehe, aus der 12 Kinder stammten, mit Maria Theresia (19. 11. 1790), Tochter Kg. Ferdinands IV. von Sizilien, einer nahen Verwandten; in dritter Ehe (6. 1. 1808) mit Maria Ludovika, Tochter des Erzh. Ferdinand und der Maria Beatrix von Este; in vierter Ehe (29. 10. 1816) mit Carolina Augusta von Bayern. Politisch trat nur die zweite Frau stärker hervor, Carolina Augusta beeinflußte den Kaiser in kirchlicher Richtung. Mit seinen Brüdern, besonders den Erzh. Karl und Johann, gab es häufig Spannungen, da der Kaiser des öftern seine Befehlsgewalt durch sie beeinträchtigt glaubte. Bei aller Sparsamkeit förderte F. stets wohlwollend die Kunst- und naturwiss. Smlgn. des Kaiserhauses und legte den Grund zur Familienfideikommißbibliothek und der damit verbundenen Porträtsmlg. Als Stifter des Leopoldsordens und des Ordens der Eisernen Krone schuf F. Auszeichnungen, die von seinen Nachfolgern, besonders für zivile Verdienste, häufig verliehen wurden.

L.: Wr.Ztg. vom 2. 3. 1935; Leopold II., F. II. und Catharina. Ihre Korrespondenz, hrsg. von A. Beer, 1874; H. Weyda, Briefe an Erzh. F. (nachmals K. F. II.) von seinerersten Gemahlin Elisabeth 1785–89, in: AFÖG 44, 1870; H. v. Meynert, K. F. I., 1872; C. Wolfsgruber, F. I., K. von Osterreich, 2 Bde., 1899; V. Bibl, K. F. Der letzte römischdeutsche Kaiser, 1937; W. Tritsch, Metternich und sein Monarch, 1952; W. Langsam, F. der Gute. Die Jugend eines Kaisers, 1954; F. Reinöhl, Das politische Vermächtnis K. F. I., in: Hist. Blätter, hrsg. vom Haus-, Hof- und Staatsarchiv, 7, 1937, S. 71–78; E. Wertheimer, Die drei ersten Frauen des K. F., 1893; E. Guglia, K.n Maria Ludovica von Österreich 1787–1816, in: Österr. Bibliothek 3, 1898; C. Wolfsgruber, Carolina Augusta, die „Kaiserin Mutter“, 1893; Uhlirz, s. Reg.; Wurzbach; ADB.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 4, 1956), S. 348f.
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