Freytag, Gustav (1852–1938), Lithograph, Kartograph und Verleger

Freytag Gustav, Lithograph, Kartograph und Verleger. Geb. Neuhaldensleben, Preußen (Haldensleben, D), 23. 1. 1852; gest. Ahorn (Bad Ischl, Oberösterreich), 19. 12. 1938; evang. AB. Sohn des Stellmachermeisters Johann Ernst Friedrich Freytag (Freitag) (1817–1859) und der Elisabeth Freytag (Freitag), geb. Köke (1824–1879); in 1. Ehe mit Anna Freytag, geb. Ertelt, in 2. Ehe ab 1908 mit Camilla Freytag, geb. Diensthuber (geb. 24. 1. 1887), verheiratet. – Nach Absolvierung der Bürgerschule kam F. 1866 nach Wien, wo er bei seinem Onkel Friedrich Köke eine lithographische und kartographische Ausbildung erhielt. 1872–78 arbeitete er zunächst als Kartograph im Verlag F. A. Brockhaus in Leipzig, dann in London und später in der Topographischen Abteilung des Großen Generalstabs in Berlin, wo er bei der Geländeschraffierung der Messtischkarte 1:25.000 der Preußischen Uraufnahme 1830–65 mitwirkte. Zu seinem Onkel zurückgekehrt, gründete F. 1879 eine lithographische Anstalt in Wien 7. Zunächst führte er überwiegend lithographische Auftragsarbeiten für Private sowie für die Verlage Artaria und Ed. Hölzel aus. Sein erstes eigenes Verlagswerk erschien um 1885 als „Karte der Carolinen-, Marschall- und Pelew-Inseln“. Danach begann er mit der Herstellung von Spezial-Touristenkarten im Maßstab 1:50.000 sowie von Touristenwanderkarten. F. beging die meisten Gebiete der in seiner Firma hergestellten Wanderkarten selbst und war als Weggefährte von →Heinrich Hess maßgeblich an der Erschließung der Ennstaler Alpen beteiligt. Mit Unterstützung des Kaufmanns Wilhelm Berndt richtete er in seiner Firma, die inzwischen nach Wien 1 übersiedelt war, eine eigene Druckerei ein. Anfang 1885 erfolgte die Gründung der G. Freytag & Berndt OHG (ab den 1890er-Jahren Kartographische Anstalt G. Freytag & Berndt). Zu dieser Zeit begann F. mit der Erstellung großmaßstäbiger Stadtpläne, darunter ein „Wand-Plan der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien 1:10.000“ (um 1892) sowie ein „Plan der Reichshaupt- & Residenzstadt Wien 1:25.000“ mit Nebenkarte „1. Bezirk 1:12.500“ (1894/95). F. pflegte auch Geschäftsbeziehungen zum Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DÖAV) und beschäftigte ab 1882 den Kartographen Hans Rohn. Damit begründete er die Hochgebirgskartenherstellung in höchster Qualität. 1906 übernahm er die Firmenanteile von Berndt, der in den Ruhestand trat. Ein Jahr später gründete F. die Kartographische Verlags- und geographische Lehrmittelanstalt G. Freytag & Berndt, die u. a. Schulgloben und ab 1908 die Reihe „Geographische Publikationen“ herausgab. In diesem Jahr erfolgte auch F.s Ernennung zum Hoflieferanten. Um 1910 legte er eine Serie von 30 Radfahrkarten von mehreren Gebieten Mitteleuropas im Maßstab 1:300.000 auf. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten wandelte er die Firma 1911 in eine Ges.m.b.H. um, in die sein Freund →Adolf Holzhausen als Gesellschafter einstieg, in der F. aber Seniorchef blieb. Ab 1912 fungierte F. als Herausgeber der wissenschaftlichen „Kartographischen und schulgeographischen Zeitschrift“. Während des 1. Weltkriegs gab er zudem Karten für militärische Zwecke heraus, etwa 1917 „G. Freytags Karten der Tiroler, Kärntner und Isonzo-Front 1:350.000“. Einzelne thematische Karten wie die „Reichstags-Wahlkarte des Deutschen Reiches. Nach dem Ergebnis der Wahlen vom 15. Juni 1893, mit Berücksichtigung der Stich- und Nachwahlen“ (1893) sind Raritäten, ebenso eine Reihe von Schulwandkarten von Kontinenten in kyrillischer Schrift im Maßstab 1:6.000.000 und Erdteilen 1:14.000.000, an denen F. als Zeichner mitwirkte. Erwähnenswert sind auch die Ausflugs- und Wanderkartenserien in den Maßstäben 1:100.000 und 1:50.000, Spezial-Touristenkarten, u. a. vom Semmering, der Rax, dem Ötscher, dem Gesäuse und dem Dachsteinmassiv, eine umfangreiche Serie von Alpenvereinskarten (ab 1904) sowie zahlreiche Straßen- und Übersichtskarten von vielen Teilen Europas, z. B. „G. Freytags Karte der Bukowina“ 1:400.000 (um 1900), „General- und Strassenkarte von West-Russland und den angrenzenden Ländern bis Wien und Budapest“ 1:1.500.000 (1883) und „Karte von Europa“ 1:7.500.000 (um 1893), jeweils mit mehreren Nachdrucken. 1920 übernahm die neu strukturierte Firma unter Holzhausen und Franz Artaria die kartographische Abteilung der Firma Artaria & Company als Tochterunternehmen. Im Ruhestand (1920) übersiedelte F. nach Hall bei Admont. Bekanntheit erreichte er durch die von ihm entworfene kartographische Farbenskala, die heute noch angewendet wird. „Die Wirkung der Farben in der Geländedarstellung auf Landkarten“, 1911, ist seine einzige bekannte Publikation. F. war Mitglied der alpinen Gesellschaft DʼEnnsthaler, ab 1926 Ehrenmitglied der Geographischen Gesellschaft und des DÖAV, Sektion Admont, und erhielt Goldmedaillen auf den Weltausstellungen in Paris, London und Leipzig.

L.: Jb. der Wr. Ges.; NDB; R. Crnčić, in: Kartographische und schulgeographische Zeitschrift 5, 1916, S. 73ff. (mit Bild); H. Heß, in: Der Bergsteiger 2/1, 1932, S. 310ff. (mit Bild); K. Klammer, Geschichte der Firma F. und Berndt, 1943; Geschichte der Firmen Artaria & Compagnie und F.-Berndt und Artaria, 1970, S. 60ff.; Lexikon zur Geschichte der Kartographie 1, 1986; Austria picta. Österreich auf alten Karten & Ansichten, ed. F. Wawrik – E. Zeilinger, Graz 1989, s. Reg. (Kat., mit Bild); H. Walter, Hall bei Admont – Steiermark, 1991, S. 121f.; WStLA, Wien.
(W. Kainrath)   
Zuletzt aktualisiert: 25.11.2016  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 5 (25.11.2016)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 4, 1956), S. 361
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