Frida, Emil; Ps. Jaroslav Vrchlický (1853–1912), Schriftsteller und Übersetzer

Vrchlický Jaroslav, eigentl. Frida (Frída) Emil, Schriftsteller und Übersetzer. Geb. Laun, Böhmen (Louny, CZ), 17. 2. 1853; gest. Taus, Böhmen (Domažlice, CZ), 9. 9. 1912; röm.-kath. Sohn eines Kaufmanns, Neffe des Pfarrers Antonín Kolář, Vater der Schauspielerin und Schriftstellerin Eva Vrchlická, geb. Fridová (geb. Prag, Böhmen / Praha, CZ, 6. 3. 1888; gest. ebd., 18. 7. 1969); ab 1879 mit Ludmila Fridová(-Vrchlická), geb. Podlipská (geb. Prag, 16. 7. 1861; gest. Smichow, Böhmen / Praha, CZ, 26. 2. 1915), Tochter der Schriftstellerin Sofie Podlipská (geb. Prag, 15. 5. 1833; gest. ebd. 17. 12. 1897), verheiratet. – V. wurde von seinem Onkel, der ihn früh für Literatur begeisterte, in Ovčáry bei Kolin erzogen. Ab 1862 besuchte er das Gymnasium in Schlan und wechselte 1863 an das Prager Neustädter Gymnasium und 1870 nach Klattau. 1872 trat er in das Priesterseminar ein, verließ es aber nach einem Jahr wieder, um Philosophie, romanische Philologie und Geschichte an der Prager Universität zu studieren. Ab 1875 war er ein Jahr lang als Erzieher in der Familie des Grafen Montecuccoli in Marano sul Panaro und Livorno tätig. Dieser sowie weitere Aufenthalte in Deutschland, Frankreich, Dänemark und in Galizien beeinflussten sein dichterisches und übersetzerisches Schaffen. Nach seiner Rückkehr aus Italien unterrichtete V. kurz an der Prager tschechischen Lehrerbildungsanstalt, 1877–93 war er Sekretär des Rektors an der Prager tschechischen Technischen Hochschule. 1893 Dr. h. c. an der philosophischen Fakultät der tschechischen Universität und zum ao., 1895 zum o. Professor für vergleichende Literaturwissenschaft ernannt, war er in Prag eine sehr bekannte Persönlichkeit. Befreundet mit vielen tschechischen und deutschen Schriftstellerinnen und Schriftstellern sowie Politikern, engagierte er sich in zahlreichen Vereinen (Jednota spisovatelů, Slavia, Svatobor) und gehörte u. a. zu den Gründungsmitgliedern des Schriftstellervereins Máj. Ab 1889 war er Sekretär der literarischen Sektion der Kunstvereins Umělecká beseda, redigierte (meist nur für kurze Zeit) einige Zeitschriften („Česká revue“, „Máj“), Kulturbeilagen von Zeitungen („Pokrok“, „Nedělní listy“) und edierte Buchreihen („Sborník světové poesie“, „Poetické besedy Máje“). 1890 wurde V. o. Mitglied der Böhmischen Kaiser Franz Joseph-Akademie der Wissenschaften, Literatur und Kunst sowie Sekretär der Sektion Kunst, während gleichzeitig die Kritik der jüngeren Generation an seinem Werk zunahm. Ab 1901 Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit, setzte er sich, obwohl politisch eher zurückhaltend, 1906 für die Wahlreform ein. Nach einem Schlaganfall 1909 hielt er sich zur Genesung in Südböhmen, Istrien (Abbazia) und in Taus auf, wo er starb. Sein Begräbnis wurde unter zahlreicher Beteiligung der Bevölkerung zu einer tschechischen kulturellen und politischen Manifestation. V.s umfangreiches Werk, das er nur unter seinem Pseudonym veröffentlichte, rief zu seinen Lebzeiten massive Polemik, auch aus den tschechischen nationalkonservativen Kreisen, hervor. Überzeugt von der Kraft der Poesie, die soziale und kulturelle Entfremdung in der Ära des Liberalismus überbrücken zu können, sah er sich mit einer zunehmenden sozialen und nationalen Radikalisierung, aber auch mit den Vorstellungen der jüngeren Generationen von der exklusiven Rolle der Kunst oder der Annäherung der Kunst an die Wirklichkeit konfrontiert. Die tschechische Literatur bereicherte V. mit einer Vielzahl an neuen Themen und poetischen Mitteln. Die 1913 posthum erschienene Sammlung „Meč Damoklův“ enthält dunkle Todesahnungen. Weniger erfolgreich waren V.s Theaterstücke mit historischen und mythologischen Themen („Drahomíra“, Uraufführung 1882; die Trilogie „Hippodamie“, 1890 uraufgeführt; „Noc na Karlštejně“, 1884 uraufgeführt; „Rabínská moudrost“, 1886 uraufgeführt; „Soud lásky“, 1887 uraufgeführt), seine Libretti und Texte für Ballett sowie wenige Erzählungen und der Roman „Loutky“ (1908). Einige seiner Gedichte oder Dramen wurden von →Anton Dvořák, →Zdeněk Fibich, →Leoš Janáček und Bohuslav Martinů vertont. V. kommentierte und übersetzte viele Hauptwerke der Weltliteratur ins Tschechische, v. a. aus den romanischen Sprachen („Cantar de Mió Cid“, Dante Alighieri, Alexandre Dumas, Luís de Camões d. Ä., Giosuè Carducci, Victor Hugo, Francesco Petrarca, Torquato Tasso, italienische und französische Romantiker, Poètes maudits), aber auch aus dem Deutschen (Goethe, Hamerling, Schiller), Englischen (Byron, Shelley, Whitman), Polnischen, Ungarischen und Jiddischen.

Weitere W.: Nové studie a podobizny, 1897; Devět kapitol o novějším románu francouzském, 1900; Překlady J. V. ze světových literatur, 5 Bde., 1906–07; Loutky, 1908 (Neuaufl. 1947); Strom života, 1909; Nové souborné vydání básnických spisů J. V., 52 Bde., ed. B. Frida – J. Voborník, 1913–28; Soubor dramatických spisů J. V., 9 Bde., ed. V. Brtník, 1931–35; Básnické dílo J. V., 20 Bde., ed. A. Pražák u. a., 1946–63. – Nachlass: Literární archiv PNP, Praha, CZ.
L.: Bohemia, Čas, Hlas národa, Lidové noviny, Národní listy, Prager Abendblatt, Prager Tagblatt, Právo lidu, Wiener Abendpost, 10., AZ, 12., Montags-Revue aus Böhmen, 16. 9. 1912; Adlgasser; LČL; Masaryk; Otto; Otto, Erg.Bd.; A. Novák, in: Čechische Revue 5, 1912, S. 298ff.; Publikace Společnosti J. V. 1–14, 1915–37; J. Kudrnáč – M. Červenka, in: J. V. Intimní lyrika, 2000; S. Reznikow, Francophilie et identité tchèque (1848–1914), 2002, s. Reg.; V. und der tschechische Symbolismus, ed. H. Schmid, 2003; L. Kostrbová, Mezi Prahou a Vídní. Česká a vídeňská literární moderna na konci 19. století, 2011, s. Reg.; M. Topor, Čtení o J. V., 2013; D. Čadková, in: Listy filologické 135, 2013, S. 189ff., 136, 2013, S. 415ff.; Vedle sebe šli jsme dálnou poutí ...: vzpomínky ze života dvou bratří, ed. J. Hubáček, 2016; V. Vaněk, in: J. V., Epické básně, 2016; L. Kostrbová, Paralely a průniky. Česká literatura v časopisech německé moderny (1880–1910), 2016, s. Reg.
(V. Petrbok)   
Zuletzt aktualisiert: 14.12.2018  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 7 (14.12.2018)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 4, 1956), S. 361
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