Gans, Johann (1886–1956), Bibliothekar

Gans Johann, Bibliothekar. Geb. Lobnig bei Olmütz, Mähren (Lomnice u Rýmařova, CZ), 25. 3. 1886; gest. Wien, 27. 2. 1956; röm.-kath. Sohn des Häuslers (nach anderen Quellen: des Liechtensteinischen Forstbeamten) Johann Gans (1850–1926) und dessen Frau Klara Gans, geb. Fischer (gest. 1922); verheiratet mit Marie Konstanze Sieber (geb. Dittersdorf an der Feistritz, Mähren / Dětřichov nad Bystřicí, CZ, 19. 4. 1889; gest. Wien, 23. 8. 1974). – G. legte 1905 am deutschen Staatsgymnasium in Olmütz (Olomouc) die Matura ab und studierte 1905–11 Mathematik, Physik und Musikwissenschaft an der deutschen Universität Prag; 1910 Dr. phil., 1911 Lehramtsprüfung für Mathematik und Physik. Nach der Absolvierung des Unterrichtspraktikums 1911–12 in Wien war er ab 1912 als Volontär, ab 1915 als Assistent in der Musiksammlung der Hofbibliothek tätig. Im Auftrag der Österreichischen Orient- und Überseegesellschaft machte er nach kurzem Sprachstudium 1917 eine sechsmonatige Studienreise nach Bulgarien, bei der er u. a. musikalische Feldforschungen durchführen sowie Bücher für die Musiksammlung erwerben sollte. In der Folge hielt G. ab 1918 sowie 1945 an der öffentlichen Lehranstalt für orientalische Sprachen bzw. an der Hochschule für Welthandel Bulgarischkurse ab. 1918–23 arbeitete er im Österreichischen Handelsmuseum; 1919 erfolgte seine Übernahme in den Staatsdienst. 1923 kehrte er als Leiter der Bibliothek der Hochschule für Welthandel (bis 1933) in das Bibliothekswesen zurück. In dieser Funktion erreichte er eine Vergrößerung der Bestände und ließ nach deren Revision einen systematischen Katalog sowie ein Dissertationsverzeichnis anlegen; 1925 tit. Prof. 1933 wurde G. zum Oberstaatsbibliothekar befördert und übte bis 1938 die Funktion des Direktors an der Universitätsbibliothek Wien aus. Zugleich war er Dienststellenleiter der Vaterländischen Front. 1936 wurde er Generalstaatsbibliothekar, im selben Jahr Hofrat. Während seiner Amtszeit erfolgte die Umstellung des Katalogs vom alten Band- auf den Zettelkatalog; auch die Bücherausgabe wurde effizienter gestaltet. 1938 wurde G. aus politischen Gründen zurückversetzt, arbeitete als Fachreferent an der Universitätsbibliothek Wien weiter und vertrat 1943–45 den in den Kriegsdienst einberufenen Bibliothekar der Hochschule für Welthandel. Sofort nach Kriegsende begann seine zweite Amtszeit als Direktor der Universitätsbibliothek Wien (1945–51), in der die Rückführung der während des Krieges ausgelagerten Bestände eine der wichtigsten zu bewältigenden Aufgaben war. G., dem die Bibliothekarsausbildung stets ein besonders wichtiges Anliegen war, wirkte ab 1945 als Honorardozent für Buch- und Bibliothekswesen an der Universität Wien; 1953–55 erhielt er für diese Fächer einen Lehrauftrag. Bereits ab 1929 war er Mitglied der Prüfungskommission für das Bibliothekswesen bzw. für Bibliothekare. Von 1949 bis zu seinem Tod wirkte er außerdem als Generalinspizierender der österreichischen Bibliotheken. Diese 1948 neu geschaffene Funktion übernahm er von seinem langjährigen Förderer, dem Generaldirektor der Österreichischen Nationalbibliothek →Josef Bick. In den letzten Jahren beschäftigte sich G. intensiv mit Entwürfen für einen Bibliotheksneubau, auf dessen geplantem Bauplatz jedoch später das Neue Institutsgebäude errichtet wurde. G. erhielt 1951 das Goldene Ehrenzeichen der Universität Wien und 1954 das Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

W. (s. auch Sandner): Zur Entwicklung des instrumentalhomophonen und symphonischen Stiles im 17. und 18. Jahrhundert, phil. Diss. Prag, 1910; etc. – Teilnachlass: Universitätsbibliothek Wien.
L.: M. Sandner, Nachlaß und Wirken von J. G. an der Universitätsbibliothek Wien vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, bibliothekarische Hausarbeit Wien, 1988 (m. B., W. u. L.); UA, WStLA, beide Wien; UA, Praha, CZ.
(M. Sandner)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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