Gartner, Theodor (1843-1925), Romanist

Gartner Theodor, Romanist. * Wien, 4. 11. 1843; † Innsbruck, 29. 4. 1925. 1868–85 Mittelschullehrer für Chemie und Physik, 1885 o. Prof. für roman. Philol. an der Univ. Czernowitz, 1899–1913 o. Prof. an der Univ. Innsbruck, und zwar als Erster auf dem neu errichteten Lehrstuhl für roman. Philol. neben dem bereits bestehenden Lehrstuhl für italien. Sprache und Literatur. G.s Verdienst ist es, die bisher in Innsbruck sich auf Italien. konzentrierenden und zeitweilig das Provenzal. einschließenden Stud. des Faches auf die ganze Breite der Romania gestellt zu haben. So tauchen neben Italien. und Französ. im Vorlesungsverzeichnis 1901 das Rumän. und die Erforschung lebender Mundarten, 1902 das Neuprovenzal., im Jahr darauf das Rätoroman. auf. Über das Lokale hinausgehend, hat G. für die Romanistik das bedeutende Verdienst, die 1873 durch Ascoli (s. d.) ins Blickfeld gerückte Eigenart des „Ladinischen“ auf Reisen und Wanderungen von den Rheinquellen über Engadin und Südtirol bis nach Friaul hinunter aufgenommen, geordnet und in seiner Rätoroman. Grammatik und besonders später in seinem „Handbuch der rätoroman. Sprache und Literatur“, 1910, systematisch nach Lautlehre, Formenlehre und mit Textwiedergaben dargestellt und damit eine für weitere Forschungen bis heute nicht zu entbehrende Grundlage geschaffen zu haben. Dabei hat er als erster die später von der Romanistik (nicht von der italien.) aufgenommene Bezeichnung „Rätoromanisch“ zusammenfassend auf alle drei voneinander isolierten Gruppen des „Ladinischen“ in Graubünden, Südtirol und Friaul angewendet. Seine viele 1000 Nummern zählende Smlg. ladin. Sagen, Märchen und Lieder ist am Ende des Ersten Weltkrieges verloren gegangen.

W.: Die Grödner Mundart, 1879; Die judicar. Mundart, in: Sbb. Wien, phil.hist. Kl. Bd. 100, 1882; Sulzberger Wörter, in: Programm der Staatsunterrealschule in Wien V., 1883; Rätoroman. Grammatik, 1883; Darstellung der rumän. Sprache, 1904; Die rätoroman. Sprache, in: Gröbers Grundriß der roman. Philologie, 1904; Handbuch der rätoroman. Sprache und Literatur, 1910; Ladin. Wörter aus den Dolomitentälern, 1923; etc.
L.: Innsbrucker Nachrichten vom 4. 5. 1925; Wr. Ztg. vom 10. 5. 1925; Annales della Società Retoromantscha 41, 1927, S. 261–68; Romania 51, 1925.S. 622/23; Dacoromania 4, 1926/26, S. 1538/39; Brümmer; Enc.It.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 5, 1957), S. 404f.
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