Gasser, Vinzenz Ferrer (1809–1879), Fürstbischof

Gasser Vinzenz Ferrer, Fürstbischof. Geb. Gfas (Tirol), 30. 10. 1809; gest. Brixen, Tirol (Brixen/Bressanone, I), 6. 4. 1879; röm.-kath. Sohn des Bauern und Gerbers Vinzenz Gasser aus Inzing und dessen Frau Anna Gasser, geb. Partner, die sich während des Tiroler Aufstands von 1809 im Bergweiler Gfaß bei Oberperfuss in Sicherheit gebracht hatte. – G. besuchte das Gymnasium in Innsbruck, wo er die lateinische Sprache so gut erlernte, dass er sie später in Wort und Schrift beherrschte. Nach dem zweijährigen Philosophiestudium trat er 1829 in das Brixner Priesterseminar ein, dessen Lehrbetrieb ihn jedoch nur bedingt befriedigte. Nach der Priesterweihe im Juli 1833 arbeitete G. in der Kanzlei des Dekans Johann Duille in Innsbruck. 1834 wurde er Kooperator in Götzens, 1835 in Wenns und 1836 in Flaurling. Sein Leben erfuhr eine entscheidende Wende, als ihn Fürstbischof →Bernhard Galura 1836 als Professor für Altes Testament nach Brixen berief. 1837 legte er in Innsbruck die vorgeschriebene Konkursprüfung für sein Fach ab. Zeitweilig war G. auch Mitarbeiter bei den „Katholischen Blättern aus Tirol“. Eine Auseinandersetzung, die er 1846 mit →Jakob Philipp Fallmerayer in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung“ austrug, zeigte bereits seine sprachliche Gewandtheit. G. war schon 1848 so angesehen, dass er vom Landkreis Bruneck als Abgeordneter in die Frankfurter Nationalversammlung entsandt wurde, wo er allerdings für sein Anliegen der konfessionellen Geschlossenheit Tirols nur Ablehnung erfuhr. Nachdem G. 1849 die Professur für Dogmatik erhalten hatte, verlegte er sich ganz auf das Studium dieses Fachs. Er verfasste dazu auch ein Lehrbuch, das er jedoch nie veröffentlichte. 1855 Domkapitular, wurde G. nach dem Tod Galuras im Oktober 1856 auf Ersuchen des Domkapitels und des Statthalters zum Fürstbischof von Brixen nominiert. Im Anschluss an die im Dezember desselben Jahres erfolgte päpstliche Bestätigung wurde G. im März 1857 durch den Salzburger Fürsterzbischof →Maximilian Joseph von Tarnoczy in Brixen konsekriert. G. erwies sich als kämpferischer Konservativer, der mit der österreichischen Regierung nur so lange im Einverständnis lag, wie diese auf der Basis des Konkordats von 1855 das Ideal eines katholischen Staats pflegte. Daher sah G. im Sardinischen Krieg von 1859 gegen Österreich nicht zuletzt eine Gefährdung seiner Ordnungsvorstellungen. Im selben Jahr setzte er sich auch für die Aufrechterhaltung der Vier-Stände-Parität ein. Nach dem Ende der neoabsolutistischen Ära 1860 wandte er sich im Tiroler Landtag scharf gegen die von den Liberalen verfochtene Religionsfreiheit, worin ihn Papst Pius IX. massiv unterstützte. Mit einem bemerkenswerten Rednertalent ausgestattet, wurde G. so zum unbestrittenen Führer der Konservativen Tirols gegen die liberalen Forderungen. 1863 sprach er sich für die Beibehaltung der staatlichen Genehmigungspflicht des Eheschlusses aus. Als er vom Kreisgericht Feldkirch benötigte Akten für ein Ehescheidungsverfahren nicht aushändigte, wurde er 1868 zu einer Strafe von 1.000 Gulden verurteilt. Dramatische Formen nahm sein Widerstand gegen die im selben Jahr gesetzlich verordnete staatliche Schulaufsicht an. Auch wenn er dabei die Anwendung von Gewalt ablehnte, kam es doch gegenüber den staatlichen Schulinspektoren wiederholt zu unangenehmen Zwischenfällen. Die Errichtung der evangelischen Gemeinden in Innsbruck und Meran 1876 traf G. so schwer, dass er dem Papst seinen Rücktritt anbot, der allerdings nicht angenommen wurde. G.s Episkopat zeichnete sich zudem durch eine intensive Tätigkeit in der Seelsorge aus. Er visitierte in seiner Amtszeit alle Seelsorgestationen bis in die abgelegensten Täler. Großen Wert legte er auf die Verkündigung mittels Predigten und Hirtenschreiben. Seine besondere Sorgfalt widmete er dem Priesterseminar und hielt einmal pro Woche den Alumnen Vorträge über praktische Schrifterklärung. 1876 eröffnete er in der Hoffnung auf eine Steigerung des Priesternachwuchses ein Knabenseminar in Brixen, das nach ihm Vinzentinum benannt wurde. Dem Papsttum im Allgemeinen und Pius IX. im Besonderen eng verbunden, lehnte er die italienische Einigungsbewegung ab, weil sie seiner Meinung nach mit der Bedrohung des Kirchenstaats auch das Papsttum selbst gefährdete. 1862 erklärte er sich sogar bereit, Pius IX. in seine Brixner Residenz aufzunehmen. Obwohl als Theologe nicht durch Veröffentlichungen ausgewiesen, spielte G. auf dem 1. Vatikanischen Konzil eine herausragende Rolle. Im Namen der Glaubensdeputation erläuterte er im Juli 1870 den Inhalt der Konstitution „Pastor aeternus“. Dieser Kommentar gilt als authentische Deutung der Unfehlbarkeitserklärung. Gegen die Eroberung des Kirchenstaats und Roms 1870 erhob er vehementen Protest. Während G. in seiner Kirchenpolitik umstritten war, wurde er wegen seines als heiligmäßig erachteten Lebens und seines großen pastoralen Einsatzes allgemein anerkannt.

W.: Festrede bei Gelegenheit der Hoferfeier, 1867; Praktisches Bibelstudium nach den Vorträgen des seligen V. G., Fürstbischof von Brixen, ed. F. Hilber, 2. Aufl. 1919.
L.: Gatz, Bischöfe (mit Bild); J. Zobl, V. G., 1883; M. Inama-Sternegg, Der Kampf um die Glaubenseinheit in Tirol von 1848–66, Diss. Wien, 1937, passim; A. Sparber, in: Der Schlern 41, 1967, S. 555ff.; K. Schatz, Kirchenbild und päpstliche Unfehlbarkeit bei den deutschsprachigen Minoritätsbischöfen auf dem I. Vatikanum, 1975, s. Reg.; J. Fontana, Der Kulturkampf in Tirol, 1978, passim (mit Bild); J. Gelmi, in: Pio IX, 3, 1980, S. 307ff.; J. Gelmi, Die Brixner Bischöfe in der Geschichte Tirols, 1984, S. 233ff. (mit Bild); Dizionario Biografico degli Italiani 52, 1999; J. Gelmi, in: Faszinierende Gestalten der Kirche Österreichs 7, ed. J. Mikrut, 2003, S. 35ff. (mit Bild); Der Schlern 84, 2010, H. 10 (mit Bild); Pfarre Inzing, Pfarre Oberperfuss, beide Tirol.
(J. Gelmi)   
Zuletzt aktualisiert: 14.12.2018  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 7 (14.12.2018)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 5, 1957), S. 407
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