Gautsch von Frankenthurn, Paul Frh. (1851-1918), Ministerpräsident

Gautsch von Frankenthurn Paul Frh., Staatsmann. * Wien, 26. 2. 1851; † Wien, 20. 4. 1918. G., Sohn eines Staatsbeamten, Zögling der Theres. Milit. Akad. und Student der Rechte an der Wr. Univ., trat in den Konzeptsdienst der n.ö. Finanzprokuratur ein und kam 1874 durch Stremayr in das Unterrichtsmin., wo ihm eine erstaunlich rasche Laufbahn vergönnt war. Mit 30 Jahren Dir. der berühmten, für die ganze Monarchie wichtigen Lehranstalt, an der er selbst stud. hatte, und kurz darauf auch der Orient. Akad., wurde er von Ministerpräs. Gf. Taaffe 1879 als Unterrichtsmin. berufen und wirkte bis 1893 im Geiste des Reichsvolksschulgesetzes. 1893 Kurator des Theresianums. 1895/96 kam er als Mitgl. des Kabinettes Badeni wieder an die Spitze der Unterrichtsverwaltung. Als dieser unter beispiellosen Umständen das Feld räumen mußte, ernannte der Kaiser G. zu dessen Nachfolger (28. 11. 1897–5. 3. 1898), der zugleich das Innenressort zu versehen hatte (Handelsmin. Koerber, Finanzmin. Böhm-Bawerk). Trotz seiner vorangegangenen Ministerschaft in den vielumstrittenen Ministerien Taaffe und Badeni fand der persönlich nicht exponierte G. eine gute Aufnahme. Den leidenschaftlichen Ruf der Deutschösterr. nach Aufhebung der Baden. Sprachenverordnungen beantwortete das Beamtenkabinett G. mit ihrer Ersetzung durch ein neues, besser durchgearbeitetes, im wesentlichen aber gleichbleibendes Elaborat. Seit 1895 Herrenhausmitgl. (Mittelpartei), 1899–1904 Präs. des Obersten Rechnungshofes. 1905/06 wieder Ministerpräs. (Unterrichtsmin. Harţel, später Bienerth, Justizmin. Klein, Ackerbaumin. Ebenhoch). Diesmal entwickelte sich gegen G.s Absicht die Forderung nach dem allg. Wahlrecht zur vordringlichsten Kabinettsfrage. Sobald G. den Kaiser dieser Reform geneigt wußte, setzte er sich ernsthaft für die Überwindung aller Schwierigkeiten, z. B. im Herrenhause, ein. Die Verhandlungen über die nationale Mandatsverteilung konnten noch nicht abgeschlossen werden, als G. wegen Differenzen mit Ungarn zurücktrat und Beck sein Nachfolger wurde. G.s drittes und letztes Min. stand wieder ganz im Zeichen des Brückenschlagens (27. 6.–28. 10. 1911), da sich Bienerth infolge der Parlamentswahlen zum Rücktritt genötigt sah und Stürgkh sein Nachfolger werden sollte. Als Herrenhausmitgl., das auch oft den Delegationen angehörte, wirkte der als besonderer Vertrauensmann Franz Josephs bekannte Staatsmann bis zu seinem Tode. Ehrenmitgl. der Akad. d. Wiss. in Wien.

L.: N.Fr.Pr. vom 21. 4. 1918; Almanach Wien, 1918; M. Weyrich, P. G. Frh. v. F., Jugend, Unterrichtsmin., Min. Präs. 1897/98, Diss. Wien 1957; Österr. Rundschau 7, 1906, S. 86; Jahresber. des Theresianums, 1918; Biogr. Jb. 1928; Czedik; F. Funder, Vom Gestern ins Heute, 1952; Uhlirz, s. Reg; Schicksalsjahre Österreichs 1908–19, Das polit. Tagebuch J. Redlichs, hrsg. von F. Fellner, 1954, s. Reg.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 5, 1957), S. 413f.
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