Giesl von Gieslingen, Wladimir Frh. (1860-1936), Diplomat und General

Giesl von Gieslingen Wladimir Frh., General und Diplomat. * Fünfkirchen (Pécs, Ungarn), 18. 2. 1860; † Salzburg, 20. 4. 1936. G. stammte aus einer bis zu Beginn des 18. Jhs. im Rheinland beheimateten österr. Offiziersfamilie. Sein Vater Heinrich von G. (1821–1906) zeichnete sich in den Feldzügen 1848/49 aus, FZM und Gendarmeriegeneralinspektor. G. selbst wurde nach Besuch der Theres. Milit. Akad. 1879 Ulanenlt. Seine erste Verwendung in dem ihm später so vertrauten Balkan- und Orientmilieu war als Generalstabshptm. beim Korpskmdo. Sarajevo (1888). Ende 1893 Militärattaché bei der Botschaft in Konstantinopel. In dieser Stellung lernte G. auch Kreta, Ägypten und Syrien kennen. Im Winter 1896/97 gehörte er dem internat. Gendarmeriekmdo. auf Kreta an. Während des Türk.-Griech. Krieges war G. am thessal. Kriegsschauplatz und arbeitete dann in der dort aufgestellten Grenzregulierungskomm. mit. 1899 wurde sein Auftrag als Militärattaché auf Athen und Sofia erweitert. 1906 GM und Militärbevollmächtigter in Konstantinopel und Athen, vertrat er die Monarchie bei der II. Haager Friedenskonferenz (1907). 1909 FML und als Gesandter in Montenegro ausnahmsweise vom auswärtigen Dienst übernommen. Seit 1913 Gesandter in Belgrad. Hier hatte er nach dem Attentat von Sarajevo am 23. 7. 1914 die befristete Wr. Begehrnote (Ultimatum) zu überreichen und 48 Stunden nachher die Antwort der serb. Regierung Pašić entgegenzunehmen. Nach den Instruktionen seines Min. Gf. Berchtold (s. d.) hatte er mit seinem Personal Belgrad sofort zu verlassen, wenn den österr. Forderungen nicht voll Rechnung getragen wurde. Tatsächlich stimmte Serbien den harten Forderungen bis auf eine (Tätigkeit österr. Untersuchungsorgane auf serb. Boden) zu. Damit war nach dem G. zuteil gewordenen Auftrag weiteren österr.-serb. Verhandlungen der Boden entzogen, der Gesandte verließ noch am 25. 7. seinen Posten und erklärte die diplomat. Beziehungen für abgebrochen. 1914 zum Gen. d. Kav. befördert, wurde er gleichzeitig Vertreter des Min. des Äußeren beim Armeeoberkmdo., da Gf. Berchtold mit dieser Verfügung dem Chef des Generalstabes ein Entgegenkommen zu erweisen glaubte. Der ganze milit. Apparat des Armeeoberkmdos. erblickte jedoch in der Anwesenheit G.s und seiner diplomat. Begleiter eine überflüssige Geheimagentur zum Zwecke der Überwachung des Armeeoberkmdos. Um Zerwürfnissen vorzubeugen, erbat G. im Juli 1915 seine Enthebung, die ihm unter gleichzeitiger Verleihung der Würde eines Geh. Rates und der Bekanntgabe der Allerhöchsten belobenden Anerkennung für die beim Armeeoberkmdo. geleisteten Dienste gewährt wurde. 1917 übernahm er noch eine Sondermission in die Türkei und lebte seit 1918 zurückgezogen bei Radkersburg. G.s älterer Bruder Artur, ebenfalls aus dem Generalstabe hervorgegangen, war als Obst. der letzte Flügeladj. des Kronprinzen Rudolf und als Gen. d. Kav. Kommand. Gen. in Prag.

W.: Zwei Jahrzehnte im nahen Orient, hrsg. von E. v. Steinitz, 1927.
L.: N.Fr.Pr. und R.P.vom 18. 4. 1936; Berliner Monatshefte, Mai 1936.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 5, 1957), S. 439
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