Girardi, Alexander (1850–1918), Schauspieler und Sänger

Girardi Alexander, Schauspieler und Sänger. Geb. Graz (Steiermark), 5. 12. 1850; gest. Wien, 20. 4. 1918 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof). Sohn des aus Cortina d’Ampezzo stammenden Schlossermeisters Andreas Philipp Girardi (1807–1858) und seiner Frau Maria, geb. Spindler, aus Unterlimbach (1815–1885), Vater des Schauspielers und Schriftstellers Anton Maria Girardi (1899–1961); in 1. Ehe (1893) mit der Schauspielerin Helene Odilon (→Petermann Helene), in 2. Ehe (1898) mit Eugenie (Léonie) Latinovics von Borsód (1868–1918), der Ziehtochter von →Ludwig Bösendorfer, verheiratet. – Nach dem frühen Tod des Vaters erlernte G. bei seinem Stiefvater Ignaz Susič (1823–1868) das Schlosserhandwerk und spielte nebenbei in Theaterstücken des Grazer Dilettantenvereins Die Tonhalle, die im Großen Saal des Restaurants Thalia aufgeführt wurden, einem Anbau des Thaliatheaters (später Theater am Stadtpark). Nach dem Tod des Stiefvaters wandte sich G. endgültig der Schauspielerei zu und erhielt seinen ersten Vertrag als Operettensänger und jugendlicher Gesangskomiker, der ihn verpflichtete, im Sommer 1869 am Kurtheater Rohitsch-Sauerbrunn (Rogaška Slatina) und im Winter 1869/70 am Stadttheater Krems aufzutreten. Im folgenden Sommer spielte er in Karlsbad (Karlovy Vary) und (Bad) Ischl, im Winter darauf in Salzburg, wo er von →Friedrich Strampfer für dessen neu gegründetes Theater nach Wien engagiert wurde. An der Seite prominenter Kollegen wie →Felix Schweighofer und →Josefine Gallmeyer konnte sich der junge G. zwar bald behaupten, nicht aber wie erhofft entfalten. Um Strampfers bevorstehendem Konkurs zuvorzukommen, wurde er kontraktbrüchig und wechselte 1874 an das Theater an der Wien. Dort wurde er von den damaligen Direktoren →Marie Geistinger und →Maximilian Steiner „als 1. jugendlicher und Gesangskomiker“ verpflichtet und prägte in den folgenden 30 Jahren die Geschichte des Hauses und damit auch die der sogenannten goldenen Ära der Wiener Operette maßgeblich. Die Blütezeit des Genres ist eng mit G.s Namen verbunden. Schon →Johann Strauß (Sohn) legte früh Wert auf seine Mitwirkung und seine Librettisten schrieben ihm entsprechende Rollen auf den Leib, angefangen bei Blasoni in „Cagliostro in Wien“ (1875) bis hin zum Zsupán im „Zigeunerbaron“ (1885). Seine nachhaltigsten Erfolge feierte er allerdings als Titelfigur in Werken anderer Komponisten, in →Karl Millöckers „Der Bettelstudent“ (1882) und Carl Zellers „Vogelhändler“ (1891). Auch als Sänger von Wienerliedern machte sich G. einen Namen. Zu seinem Paradestück wurde →Gustav Picks „Fiakerlied“, das er 1885 erstmals sang. Ebenso lagen ihm das Volksstück und vor allem →Ferdinand Raimund am Herzen, dessen Valentin im „Verschwender“ zu einer seiner wichtigsten Rollen wurde. 1896 wechselte er zunächst ans Carltheater und spielte in der Folge als Gast am Raimundtheater, am Theater in der Josefstadt und 1898–1900 am Deutschen Volkstheater. Viel Aufsehen erregte 1896 ein Skandal, als Odilon versuchte, ihren Mann wegen seiner Kokainsucht durch Julius Wagner Ritter von Jauregg für geisteskrank und gemeingefährlich erklären zu lassen. Erst die Intervention der Kollegin →Katharina Schratt führte schließlich nicht nur zu G.s Rehabilitierung, sondern auch zu einer Gesetzesreform, welche die gewaltsame Einweisung von Geisteskranken erschwerte. 1902 kehrte G. ans Theater an der Wien und damit zur Operette zurück. Hier traf er auf eine neue Komponistengeneration, die das Genre revolutionieren und dessen sogenannte silberne Ära prägen sollte: →Franz Lehár, in dessen Erstling „Wiener Frauen“ (1902) G. auftrat, →Leo Fall, dessen „Brüderlein Fein“ (1909) er allerdings erst später populär machte, und vor allem →Edmund Eysler, dessen erste Operette „Bruder Straubinger“ (1903) ganz auf G. zugeschnitten war. Noch bevor Lehár mit seiner „Lustigen Witwe“ (1905) dem neuen Operettentyp zum Durchbruch verhalf, wechselte G. mit Eysler ans Carltheater, wo sie ihre enge Zusammenarbeit fortsetzten. In der Zwischenzeit unternahm G. ausgedehnte Gastspielreisen nach Hamburg, Dresden und Berlin, wo er wahre Triumphe feierte. Auch seine zahlreichen Schellackplatten waren im gesamten deutschen Sprachraum verbreitet. 1912 kreierte er schließlich am Johann-Strauß-Theater in Emmerich Kálmáns „Zigeunerprimas“ seine letzte große Operettenrolle. Ein Jahr später wirkte er erstmals in einem Film mit und übernahm die Titelrolle in „Der Millionenonkel“ (Regie: Hubert Marischka, Musik: Robert Stolz). Nachdem sich G. während des 1. Weltkriegs vom Theater weitgehend zurückgezogen hatte und hauptsächlich in Graz lebte, erfolgte im Februar 1918 sein spätes Burgtheaterdebüt als Fortunatus Wurzel in Raimunds „Der Bauer als Millionär“. Kurz darauf starb er. Von anhaltender Popularität aber zeugen nicht nur der nach ihm benannte flache Strohhut oder der G.-Rostbraten, sondern auch zahlreiche Anekdoten und Beispiele aus Literatur und Film (1922 „Alexander Girardi und sein lachendes Wien“, 1940 verkörpert von Paul Hörbiger in Willi Forsts „Operette“, 1954 „Der Komödiant von Wien“, Regie und Hauptrolle: Karl Paryla).

L.: NFP, 21., 25., 27. 4. 1918; Czeike (m. B.); Eisenberg, Bühne; Kosch, Theaterlex.; MGG I (m. Verzeichnis der Operettenrollen), II (m. B.); NÖB 1, S. 204ff.; H. Odilon, Das Buch einer Schwachsinnigen. Lebenserinnerungen, 1909, passim; (F. Servaes), in: Velhagen & Klasings Monatshefte 24, 1909/10, 1, S. 241ff. (m. B.); H. Klang, A. G.s Leben und Bühnentätigkeit, Diss. Wien, 1937; A. M. Girardi, Das Schicksal setzt den Hobel an, 1941 (m. B.); F. Hadamowsky – H. Otte, Die Wiener Operette, 1947, s. Reg. (m. B.); R. Holzer, Die Wiener Vorstadtbühnen. A. G. und das Theater an der Wien, 1951 (m. B.); B. Glossy – G. Berger, J. Gallmeyer, (1954), s. Reg.; E. Heinzel, Lexikon historischer Ereignisse und Personen in Kunst, Literatur und Musik, 1956; K. Dieman, Musik in Wien, 1970, s. Reg.; B. Schiferer, A. G. Der Wiener aus Graz, 1975 (m. B.); Theater-Lexikon, ed. H. Rischbieter, 1983 (m. B.); F. Mailer, J. Strauss (Sohn). Leben und Werk in Briefen und Dokumenten 2–10, 1986–2007, s. Reg.; K. Gänzl, The Encyclopedia of the Musical Theatre 1, 2. Aufl. 2001 (m. B.); Diözesanarchiv, Graz, Steiermark.
(St. Frey)   
Zuletzt aktualisiert: 15.11.2014  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 3 (15.11.2014)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 1 (Lfg. 5, 1957), S. 446
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