Gołuchowski, Agenor Maria Adam d. J. Gf. (1849-1921), Minister und Diplomat

Gołuchowski Agenor Maria Adam Graf, d. J., Staatsmann. * Lemberg, 25. 3. 1849; † Lemberg, 28. 3. 1921. Ältester Sohn des Folgenden. Für Sprachen besonders begabt, wandte er sich der diplomat. Laufbahn zu. 1872 Attaché in Berlin, später Botschaftssekretär. 1875 als Nachfolger seines Vaters im Herrenhaus, 1878 Kämmerer. Anfangs 1880 kam G. an die Pariser Botschaft und hatte zeitweise auch deren Leitung inne; 1883 Legationsrat I. Klasse. Obwohl seiner Neigung nach entschieden konservativ und kath., erfreute er sich in diesen Achtzigerjahren in der alten und neuen Gesellschaft der französ. Hauptstadt großer Beliebtheit, ebenso bei den dortigen Österreichern und deren Hilfsver. Durch seine Heirat (1885) mit Prinzessin Anna Murat wurde er mit der napoleon. Aristokratie verwandt, was aber seiner ihm später erwünschten Rückberufung als Botschafter nach Paris hinderlich sein sollte. 1887 ging G. als Gesandter nach Bukarest, zog sich jedoch 1893 auf sein galiz. Majorat Janów zurück. Zwei Jahre später, nach dem Rücktritt von Gf. Kálnoki, am 16. 5. 1895 zum Min. des k. u. k. Hauses und des Äußeren berufen, wollte er ebenso wie sein Vorgänger, der 14 Jahre diese Geschäfte geführt hatte, nur der getreue Berater und Geschäftsführer K. Franz Josephs (s. d.) sein. Mehr noch als die Einberufung der Haager Friedenskonferenz interessierten G. die Balkanfragen, wo er sowohl in der Kretafrage (1897) wie später bei dem für Österreich unerwünschten, gewaltsamen Dynastiewechsel in Serbien (1903) an der Erhaltung des Status quo festhielt. Seine einzige Ambition richtete sich auf moralische Eroberungen in Albanien. Die durch den Besuch des Kaisers und G.s in St. Petersburg (April 1897) der Welt sichtbar gewordene Annäherung der bisherigen Rivalen wurde durch die Mürzsteger Konferenz mit dem Zaren und die daraus folgenden Abmachungen zur Befriedung Mazedoniens auf internationaler Grundlage gekrönt (Okt. 1903). Wiederholt beklagte G. die innere Zerrissenheit der Monarchie, die ihr die Beteiligung an Welthandel und Weltpolitik versagte. Doch nutzte er die prekäre Lage des Mürzsteger Partners nach dem Japan. Krieg und der Revolution nicht aus und konnte die Anziehung der neuen franz.-engl. Entente auf Italien nicht verhindern. Auf der Marokkokonferenz von Algeciras rettete G. das Prestige des verbündeten Deutschland, was ihm die Anerkennung als „glänzender Sekundant“ durch Wilhelm II. eintrug. Kurz darauf fiel G. ebenso wie sein Vorgänger einem Angriff der ung. Delegation zum Opfer, wobei es sich diesmal um den sogen. „Schweinekrieg“ mit Serbien handelte. G.s öffentliche Tätigkeit beschränkte sich von da an auf die Führung des Polenklubs im Herrenhaus. Von hier aus unterstützte er noch im Weltkrieg 1914–18 die austropoln. Lösung.

L.: Presse vom 27. 6. 1901; N.Fr.Pr. vom 29. 3. 1921; E. Hecht, Gf. G. als Außenminister 1895–1900, Diss. Wien, 1951; G. Kolmer, Das Herrenhaus des Österr. Reichsraths, 1907; R. Charmatz, Österreichs innere und äußere Politik 1895–1914, 1918; H.Friedjung, Das Zeitalter des Imperialismus, 3 Bde., 1918–22; J. Larmaroux, La politique éxterieure de l’ Autriche-Hongrie 1875–1914, 2 Bde., 1918; Th. Sosnowsky, Die Balkanpolitik Österr.-Ungarns seit 1866, 1913; A. F. Przibram, Die polit. Geheimverträge Österr.-Ungarns 1879–1914, 1920; Uhlirz, s. Reg.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 6, 1957), S. 29f.
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