Gomperz, Theodor (1832-1912), Altphilologe und Historiker

Gomperz Theodor, klass. Philologe und Historiker der antiken Philosophie. * Brünn, 29. 3. 1832; † Baden b. Wien, 29. 8. 1912. Sohn des Philipp G., Bankiers in Brünn, dessen Vater Leopold Benedikt G. aus einer holländ. Kaufmannsfamilie stammend, um die Mitte des 18. Jhs. aus Nymwegen nach Österr. eingewandert war. Stud. 1847–49 an der Philos. Lehranstalt in Brünn, dann an der Univ. Wien 1849/50 Jus, 1850–53 klass. Philol. vor allem als Schüler von H. Bonitz. Nach kurzer Tätigkeit als Redakteur des „Grenzboten“ in Leipzig 1854/55 kehrte er nach Wien zurück, wo er sich als Privatgelehrter weiteren Stud. widmete, die 1867 zu seiner Habilitation als Priv. Doz. für klass. Philol. an der Univ. Wien führten, ohne daß er vorher den Doktorgrad erworben hatte (erst 1868 Dr. h.c. Königsberg); 1869 ao. Prof. in Wien, 1873–1900 o. Prof. Ehrungen: 1896 Ehrenzeichen für Kunst und Wiss., 1901 Herrenhausmitgl., Dr. h.c. Dublin, Mitgl. der Akad. d. Wiss. in Wien, korr. Mitgl. der Akad. d. Wiss. in St. Petersburg., Mitgl. der Académie des Inscriptions et Belles Lettres in Paris. Ausgehend von Stud. zur älteren ion. Prosa (Corpus der hippokrat. Schriften, Herodot) und zur att. Tragödie, widmete er sich später vorwiegend der Erforschung der griech. Phil. Sein Hauptwerk „Griech. Denker“ gibt eine von der Warte geistesgeschichtl. und kulturgeschichtl. Betrachtung aus gesehene Darstellung der griech. Phil. von ihren Anfängen bis auf Aristoteles. Gemäß seiner positivist. Denkrichtung, die sich an John Stuart Mills Phil. noch besonders geschult hatte, galt sein Interesse vor allem der Herausarbeitung des wiss. Weltbildes und dessen Hauptträgern im griech. Denken. G. war aber auch ein ausgezeichneter Textphilol. und hervorragender Interpret (Entzifferung und Ausgabe der Herkulan. Papyrusrollen) und Übersetzer (Poetik des Aristoteles).

W.: Zu Euripides, in: Rhein. Mus., 1857; Philodemi Epicuraei De ira, 1864; Demosthenes als Staatsmann, 1864; Herculanensia, in: Z. für die österr. Gymn., 1864, 1865, 1872; Herculan. Studien I, II, 1865, 1866; Beiträge zur Kritik und Erklärung griech. Schriftsteller I.–IX., in: Sbb. Wien, Bd. 79, 1875, Bd. 80, 1875, Bd. 83, 1876, Bd. 122/4, 1891, Bd. 134/2, 1896, Bd. 139/1, 1898, Bd. 143/3, 1901, Bd. 152/1, 1906, Bd. 154/4, 1907; Herodot. Studien I, II., ebenda, Bd. 103, 1883, Bd. 112, 1886; Zu Heraklits Lehre und den Überresten seines Werkes, ebenda, Bd. 113, 1887; Platon. Aufsätze I.–IV., ebenda, Bd. 114, 1887, Bd. 141/7, 1899, Bd. 145/11, 1903, Bd. 152/4, 1905; Nachlese zu den Bruchstücken der griech. Tragiker, ebenda, Bd. 116, 1888; Zu Aristoteles’ Poetik I.-III., ebenda, Bd. 116, 1888, Bd. 132/2, 1896, Bd. 135/4, 1896; Die Schrift vom Staatswesen der Athener und ihr neuester Beurteiler, 1891; Essays und Erinnerungen, 1905; Hippocrates De arte. Die Apologie der Heilkunst, in: Sbb. Wien, Bd. 120/9, 1890, 2. Aufl. 1910; weitere Aufsätze in: Wr. Studien, Philologus, Sbb. Wien. — Hellenika, eine Auswahl philol. und philosophiegeschichtl. kleiner Schriften, 2 Bde., 1912; Griech. Denker, 3 Bde., 1896, 1902, 1909, 4. Aufl. 1922, 1925, 1931 (Übersetzungen: frz., 3 Bde., 1904–10; engl., 3 Bde., 1901, 1912; ital., 2 Bde., 1932,1934; russ., l Bd., 1911; hebr., l Bd., 1931); Aristoteles’ Poetik übersetzt, 1896. Übers.: John Stuart Mill, System der deduktiven und induktiven Logik, 1882.
L.: M.Pr. vom 30. 8. und 15. 9. 1912; A.Pr. vom 2. 9. 1912; Biogr.Jb. 1915; Eisler; Mitt.der Anthrop.Ges. in Wien 43, S. 3; Österr. Rundschau XXXI, S. 62; Almanach Wien, 1913; Feierl. Inauguration, 1912/13; H. Gomperz, Th. G., 1832–1912, Briefe und Aufzeichnungen, Bd. 1, 1936, Bd. 2 und 3 ungedruckt im Besitze der Harvard Univ. Library, Cambridge, Mass.; Wr. Studien, Festschrift, Jg. 34, 1912, H. 1.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 6, 1957), S. 31f.
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