Granichstaedten, Bruno Bernhard; ab ca. 1940 Grant (1879–1944), Komponist, Librettist und Pianist

Granichstaedten Bruno Bernhard, Komponist, Librettist und Pianist. Geb. Wien, 1. 9. 1879; gest. New York, NY (USA), 30. 5. 1944 (1947 nach Wien überführt und in einem Ehrengrab auf dem Hietzinger Friedhof beigesetzt). Sohn von Dr. iur. Emil Granichstaedten (1847–1904) und der Schauspielerin Friederike Susanne Olga Granichstaedten, geb. Rosenthal (1856–1933); Vater von Johanna Granichstaedten (1914–1977) und Felix Granichstaedten (geb. 1919; gest. KZ Auschwitz-Birkenau, Deutsches Reich / PL, 1943); in 1. Ehe (1911–1935) mit der Sängerin Selma Mertens (1889–1948), ab 1940 mit der Sängerin Rosalie Kaufmann verheiratet. – Bereits G.s Vater hatte sich so sehr zum Theater hingezogen gefühlt, dass er seinen Beruf als Hof- und Gerichtsadvokat aufgab und Theaterkritiker bzw. Stückeschreiber wurde. Auch G.s Mutter förderte die spätere Bühnenkarriere ihres Sohns nach Kräften. Seine ersten Kompositionen (ein Streichquartett und zwei Liederzyklen) brachten G. den Mendelssohn-Preis und ein Stipendium für ein Studium bei Carl Reinecke und Salomon Jadassohn am Leipziger Konservatorium (1890–96) ein. Nach Engagements in Erfurt und Mannheim wurde G. 1901 Korrepetitor an der Hofoper in München. Dort kam er mit Frank Wedekind und dem Kabarett „Die elf Scharfrichter“ in Kontakt und schrieb erste Chansons, in denen sich seine Doppelbegabung als Komponist und Texter zeigte. Bald wechselte er ganz zum Kabarett und als er 1906 nach Wien zurückkehrte, kam er rasch mit dem dortigen florierenden Operettenbetrieb in Berührung. Schon sein erster Versuch in diesem Genre, „Bub oder Mädel?“, wurde 1908 mit dem damaligen Star Louis Treumann zum Überraschungserfolg des gerade erst eröffneten Johann Strauß-Theaters. G. war mit einem Schlag zum gefragten Operettenkomponisten geworden. →Felix Biedermann und Alexander Roda Roda (→Alexander Roda) lieferten ihm die Texte und Arnold Schönberg orchestrierte für ihn, wie seine Korrespondenz belegt. Die von ihm instrumentierte „Majestät Mimi“ (1911) wurde in der Bearbeitung des Mailänder Impresarios Carlo Lombardo während des 1. Weltkriegs als „La Duchessa del Bal Tabarin“ zu einem der größten Erfolge der italienischen Operettenbühne, ohne dass G. davon profitierte; als Komponist wurde Lombardos Pseudonym Léon Bard genannt. 1915 kam sein bis dahin größter Erfolg heraus: „Auf Befehl der Herzogin“ (eigentlich „Auf Befehl der Kaiserin“), eine Operette über die junge Maria Theresia, die allein im Theater an der Wien 189 Vorstellungen erlebte und G.s Ruf als Komponist spezifisch wienerischer Musik festigte. Umso überraschender war die Wendung, die ihm zehn Jahre später mit „Der Orlow“ gelang. Mitverfasser des Librettos war Ernst Marischka, der Bruder des Operettenstars und Direktors des Theaters an der Wien Hubert Marischka, der das Zigarettenlied („Da nehm’ ich meine kleine Zigarette“) daraus populär machte. Der erste Akt des „Orlow“ spielt in einer Autofabrik in den USA und beginnt mit einem Shimmy samt Maschinengeräuschen, die den ungewöhnlichen Spielort im neusachlichen Stil der Zeit beschreiben. Außerdem war erstmals eine Jazzband (Alt- und Tenorsaxophon, 2 Posaunen, Banjo, Klavier, Schlagzeug) integraler Bestandteil der Partitur einer Wiener Operette. Ähnlich zeittypisch war auch G.s zweite „amerikanische“ Operette „Reklame“, die es 1930 in Wien noch auf 136 Vorstellungen brachte. Zuletzt war G. als Filmkomponist tätig, bis er ab 1933 nicht zuletzt seiner jüdischen Herkunft wegen keine Aufträge mehr erhielt. Trotz vieler Entwürfe für Libretti und Drehbücher, die er zum Teil sogar fertigstellte, gelang es ihm nicht mehr, eines davon unterzubringen. 1938 wurde G. in einem Auffanglager nahe der tschechischen Grenze interniert. Dank der Hilfe seiner ehemaligen Primadonna Betty Fischer erhielten er und seine Lebenspartnerin Rosalie Kaufmann schließlich luxemburgische Einreisevisa. Dort fanden sie von Oktober 1938 bis Jänner 1940 Unterschlupf und traten gelegentlich auf. Für das Letzeburger Vollekstheater komponierte G. seine letzte Operette „Sonili“ (1939). Im Jänner 1940 schiffte er sich zusammen mit seiner Lebensgefährtin in Antwerpen ein und erreichte Anfang Februar New York, wo er kurz nach der Ankunft den Namen Grant annahm und Rosalie heiratete. Seinen Lebensunterhalt verdiente er teils als gelegentlicher Komponist für BMI (Broadcast Music Incorporated), einer von den US-amerikanischen Radiosendern gegründeten Verwertungsgesellschaft, teils als Barpianist und Begleiter seiner Frau, die sich bald einen Namen als Wienerliedsängerin machte. Als G. starb, war er so gut wie vergessen. Von den alten Kollegen nahm nur Emmerich Kálmán an seinem Begräbnis teil.

Weitere W. (s. auch Grove, 2001; MGG II; Kaufmann): Casimirs Himmelfahrt, 1911; Die verbotene Stadt, 1913; Die Bacchusnacht, 1923; Das Schwalbennest, 1926; Evelyne, 1927; etc. – Libretti: Madame Serafin (mit Georg Okonowski, Musik: Robert Winterberg), 1911; Die Königin (mit Ernst Marischka, Musik: Oscar Straus), 1927. – Filmmusik: One Heavenly Night, 1931; Zwei in einem Auto, 1931; Die verliebte Firma, 1932; etc. – Lieder: Zuaschau’n kann i net, 1910 (später Einlage für die Operette Im Weißen Rößl, 1930); etc. – Nachlass: Wienbibliothek im Rathaus, Wien.
L.: Czeike; Grove, 2001 (m. W.); MGG I, II (m. W.); A. Holde, in: Aufbau 10, 1944, Nr. 51, S. 49ff.; B. Grun, Kulturgeschichte der Operette, 1961, s. Reg.; R. Dachs, Sag beim Abschied ..., 1994, S. 187ff. (m. B.); K. Gänzl, The Encyclopedia of the Musical Theatre, 1994; Th. Aigner, in: Wiener Bonbons, 2004, H. 4, S. 12ff.; R. Ulrich, Österreicher in Hollywood, 2004 (m. B.); E. Kaufmann, Wiener Herz am Sternenbanner. B. G. Stationen eines Lebens, 2014 (m. B. u. W.).
(St. Frey)   
Zuletzt aktualisiert: 15.11.2014  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 3 (15.11.2014)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 6, 1957), S. 47
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