Griepenkerl, Christian (1839–1916), Maler und Zeichner

Griepenkerl Christian, Maler und Zeichner. Geb. Oldenburg, Großherzogtum (D), 17. 3. 1839; gest. Wien, 21. 3. 1916 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof); evang. AB. Sohn des Kammerkassiers Peter Griepenkerl (geb. Oldenburg, 5. 7. 1794; gest. ebd., 14. 4. 1870) und von Johanne Griepenkerl, geb. Bodenstein (geb. Eversten/Oldenburg, 10. 9. 1805; gest. Donnerschwee/Oldenburg, 9. 7. 1873); ab 1863 mit Amalia Oster, der Tochter eines Schriftenmalers, verheiratet. – Angeregt von dem Maler Ernst Willers, ging G. nach Wien, wo er ab 1855 an der privaten Malerschule →Karl Rahls studierte, der ihn an der Freskenausstattung im Stiegenhaus des Arsenals und in den Palais Sina (1861–62) und Todesco in der Kärntnerstraße (1863–65) beteiligte. Gemeinsam mit →Eduard Bitterlich führte er auch nach Rahls Tod (1865) dessen Entwürfe für die Decke und den Vorhang im Wiener Opernhaus aus. Bereits 1861 in seiner Geburtsstadt zum Hofmaler ernannt, erhielt G. 1869 den Auftrag für die Wand- und Plafondgemälde im Treppenhaus der großherzoglichen Bildergalerie in Oldenburg, dem sogenannten Augusteum, die er bis 1878 ausführte. In den Folgejahren stattete er zahlreiche Palais mit allegorisch-mythologischen Szenen aus (u. a. Palais Ephrussi, Epstein, beide 1871–72, beide Wien, Palais Sina in Venedig). Malte G. zunächst in seinen Wandmalereien noch al fresco (Palais Todesco, 1865, Kärntnerring, Wien), so verlegte er sich später mehr und mehr auf die Wachsölmalerei auf Leinwand, die den optischen Eindruck eines Freskos erweckt. Vielfach arbeitete er mit →Theophil Frh. von Hansen zusammen: Sowohl G.s Streben nach allgemeingültigen Bildthemen wie nach strengem, „klassischem“ Ausdruck prädestinierten ihn zur Ausstattung der Hansenʼschen Architektur (z. B. Friesbilder im Sitzungssaal des Herrenhauses im Wiener Parlament, 1882–85). In Athen war er – ebenfalls unter Hansen – an der malerischen Ausstattung des Sitzungssaals der Akademie der Wissenschaften (1875) maßgeblich beteiligt. Daneben wirkte G. – zunehmend in seinem Spätwerk – als angesehener Porträtist, wobei seine Arbeiten primär in einem naturalistischen Modus gehalten sind und sich auf eine sachliche Schilderung beschränken. Sein zeichnerisches Œuvre umfasst vornehmlich Akt- und Draperie- sowie figürliche Studien. Ein „Arbeits-Jahrbuch“ im Kupferstichkabinett der Wiener Akademie der bildenden Künste (ABK), das den Zeitrahmen 1855–81 abdeckt, gibt genaue Auskunft über seinen Werdegang sowie seine Arbeiten, die er vielfach sehr detailliert aufschlüsselte. Besondere Bedeutung erlangte G. durch seine Lehrtätigkeit an der ABK: 1874 supplierte er für →Eduard von Engerth an der allgemeinen Malerschule und wirkte dort 1875–1910 als Professor (ab 1878 Leiter) sowie 1877–1910 als Professor für Historienmalerei und zählte u. a. Richard Gerstl, Carl Moll und →Egon Schiele zu seinen Schülern. G. war ab 1866 Mitglied der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), 1868 wirkliches Mitglied der ABK, 1877 Ritter des Franz Joseph-Ordens und erhielt 1887 den Orden der Eisernen Krone III. Klasse.

N.: WZ, 23. 3. 1916.
L.: AKL; Czeike; Die Wr. Ringstraße 10; Fuchs, 19. Jh.; Fuchs, Erg.Bd.; Thieme–Becker; S. Lydakis, Geschichte der griechischen Malerei des 19. Jahrhunderts, 1972, S. 37; Die Kartons für die Bildausstattung des Wiener Opernhauses, Wien 1973, S. 25f. (Kat.); Kunst des 19. Jahrhunderts 2, bearb. E. Hülmbauer, 1993; Das neue Hellas. Griechen und Bayern zur Zeit Ludwigs I., ed. R. Baumstark, München 1999, S. 564f. (Kat.); Geschichte der bildenden Kunst in Österreich 5, ed. G. Frodl, 2002, s. Reg.; O. Gradel, Das Augusteum in Oldenburg und seine Wandgemälde von Ch. G., in: Oldenburger Jahrbuch 102, 2002, S. 167–195; ders., „Die Schuld des Ch. G.?“ Zwischen Tradition und Moderne. Zum Spätwerk des Malers Ch. G. in Wien um 1900, in: Das Land Oldenburg. Mitteilungsblatt der Oldenburgischen Landschaft 116, 2003, S. 6–10; C. Reiter, Schöne Welt, wo bist du? Zeichnungen, Aquarelle, Ölskizzen des deutschen und österreichischen Spätklassizismus, 2009, S. 186–197, 306–315.
(C. Reiter)   
Zuletzt aktualisiert: 1.3.2011  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 1 (01.03.2011)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 6, 1957), S. 59f.
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