Grünbaum, Fritz (Franz Friedrich) (1880–1941), Kabarettist, Schauspieler und Schriftsteller

Grünbaum Fritz (Franz Friedrich), Kabarettist, Schauspieler und Schriftsteller. Geb. Brünn, Mähren (Brno, CZ), 7. 4. 1880; gest. KZ Dachau, Deutsches Reich (D), 14. 1. 1941 (begraben: Zentralfriedhof, Wien); mos. Sohn des Versicherungsagenten und Kunst- und Antiquitätenhändlers Wilhelm Grünbaum, der sich in Brünn als Kunsthändler niederließ; ab 1919 in 3. Ehe verheiratet mit Elisabeth (Lilly) Herzl (geb. Wien, 28. 4. 1898; gest. Vernichtungslager Maly Trostinez, Reichskommissariat Ostland / BY, 5. 10. 1942 laut Todeserklärungsverfahren), Tochter des Goldschmieds Bernhard Herzl. – G. besuchte das Deutsche Gymnasium in Brünn (1898 Matura). Das anschließende Jusstudium in Wien ab 1899/1900 beendete er 1903 mit dem Absolutorium bzw. dem 1. Rigorosum 1905. Danach versuchte er sich zunächst als Journalist, ehe er 1906 im neu gegründeten und im Souterrain des Theaters an der Wien gelegenen Kabarett Die Hölle als Conférencier auftrat, wo auch seine ersten Operetteneinakter uraufgeführt wurden („Phryne“ von →Edmund Eysler, Libretto von G. gem. mit Robert Bodanzky; „Mitislaw der Moderne“ von →Franz Lehár, Libretto G. – Bodanzky). Für die große Bühne des Theaters an der Wien schrieb er das Libretto zu →Leo Falls Operette „Die Dollarprinzessin“ (1907), die zu einem internationalen Erfolg wurde und G. ein sorgenfreies Leben ermöglichte. Schon damals investierte er einen Teil seiner Tantiemen in moderne Kunst und legte so den Grundstock seiner später berühmten Sammlung. 1907 wurde er vom bereits renommierten Berliner Komponisten und Theaterdirektor Rudolf Nelson an dessen mondänes Cabaret Chat Noir engagiert und entwickelte dort den Typus des philosophischen Conférenciers, für den er berühmt wurde. Seine Berliner Conférencen waren so gefragt, dass er sie unter dem Titel „Liebe? – Mumpitz“ 1908 als Buch herausgab. Als G. drei Jahre später nach Wien zurückkehrte, hatte er sich bereits einen Namen gemacht und veröffentlichte 1912 „Verlogene Wahrheiten. Neue Dichtungen und Monologe“, die mehrere Auflagen erzielten. Vom Ausbruch des 1. Weltkriegs überrascht, war er zunächst euphorisch und meldete sich 1915 freiwillig. Hatte er zuvor noch in einem populären Lied →Ralph Benatzkys dem Kaiser als einem gütigen alten Herrn „Draußen im Schönbrunnerpark“ gehuldigt, wandelte sich seine Einstellung als Zugsführer eines Haubitzenregiments an der italienischen Front. G. wurde 1917 schließlich zum Kanzleidienst nach Wien versetzt, wo er bald wieder auf der Bühne stand und im Biercabaret Simplicissimus („Simpl“) eine neue künstlerische Heimat fand. Dort wandelte er sich zum skeptischen Republikaner und lernte Karl Farkas kennen. 1922 hielten sie zum ersten Mal eine ihrer später berühmten Doppelconférencen ab und entwickelten gemeinsam die Wiener Kabarettrevue der 1920er-Jahre. G. übernahm die Direktion des Kabaretts Die Hölle. Ein baldiger Bankrott konnte durch den Schlager aus seinem Eröffnungsprogramm „Rund um den Mittelpunkt“, „Ich habʼ das Fräulein Helen baden sehʼn“ (Musik: Fred Raymond), verhindert werden. Auch in Berlin blieb G. weiterhin gefragt und schrieb zusammen mit Kurt Tucholsky für Nelson die Revue „Total Manoli“. Im neu gegründeten Kabarett der Komiker seines Freundes Paul Morgan wirkte er ebenso mit wie Anfang der 1930er-Jahre beim frühen Tonfilm. Ab 1933 war G. wie alle jüdischen Künstler in Berlin nicht länger erwünscht. Er kehrte nach Wien zurück, wo er neuerlich mit Farkas auf der Bühne stand und vor dem Nationalsozialismus warnte. Zwei Tage vor dem „Anschluss“ Österreichs versuchte er mit seiner Frau in die Tschechoslowakei zu fliehen. An der Grenze vom tschechischen Zoll zurückgewiesen, wurde er kurz darauf festgenommen und in der Karajangasse in Wien 10 inhaftiert. Mit Hermann Leopoldi, →Fritz Löhner, Morgan und anderen wurde er im sogenannten Prominententransport Mitte Mai nach Dachau und im September 1938 nach Buchenwald gebracht, wo er mit seinen früheren Kollegen improvisierte Kabarettvorstellungen gab. Im Oktober 1940 wurde G. nach Dachau zurückverlegt. Obwohl sich sein Gesundheitszustand zunehmend verschlechterte, trat er zu Silvester 1940 noch einmal auf.

Weitere W. (s. auch Gänzl; Arnbom – Wagner-Trenckwitz): Grünbaum contra Grünbaum, 1930. – Operetten: Peter und Paul reisen ins Schlaraffenland, 1906 (gem. mit R. Bodansky, Musik: F. Lehár); Die Gestohlene Revue, 1933 (gem. mit K. Farkas, Musik: W. Hahn). – Chansons: Die Ballade von der Knopfsammlung im Louvre, 1906 (Musik: L. Fall); Kennen Sie den kleinen Wolf aus Olmütz?, 1928 (Musik: P. Kreuder). – Drehbücher: Liebeskommando, 1931 (gem. mit W. Reisch und Roda Roda, Regie: G. von Bolváry); Ein Lied, ein Kuss, ein Mädel, 1932 (gem. mit F. Kohner, Regie: G. von Bolváry).
L.: Czeike; H. Hakel, Wigl Wogl. Kabarett und Varieté in Wien, 1962; E. M. Hagböck, Der Wiener „Simplicissimus“ 1912–74, phil. Diss. Wien, 1976, passim; K. Budzinski, Pfeffer ins Getriebe. Ein Streifzug durch 100 Jahre Kabarett, 1982, s. Reg. (mit Bild); H. Bemmann, Berliner Musenkinder-Memoiren. Eine heitere Chronik von 1900–30, 1987; U. Liebe, Verehrt, verfolgt, vergessen. Schauspieler als Naziopfer, 1992, S. 97ff.; K. Gänzl, The Encyclopedia of The Musical Theatre, 1994 (mit W.); R. Dachs, Sag beim Abschied …, 1994, S. 7ff.; Verspielte Zeit. Österreichisches Theater der dreißiger Jahre, ed. H. Haider-Pregler – B. Reiterer, 1997, S. 371; Hallo, hier Grünbaum! Altes und Neuentdecktes von und über F. G., ed. P. Genée, 2001; H. Veigl, Entwürfe für ein Grünbaum-Monument, 2001; T. Walzer – St. Templ, Unser Wien. „Arisierung“ auf österreichisch, 2001, s. Reg.; S. Lillie, Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens, 2003; M. T. Arnbom – Ch. Wagner-Trenkwitz, Grüß mich Gott! F. G., 2005 (mit W.); UA, Wien.
(St. Frey)  
Zuletzt aktualisiert: 27.11.2017  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 6 (27.11.2017)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 6, 1957), S. 87
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