Gruscha, Anton Joseph (1820–1911), Erzbischof und Kardinal

Gruscha Anton Joseph, Erzbischof und Kardinal. Geb. Wien, 3. 11. 1820; gest. Burg Kranichberg (Niederösterreich), 5. 8. 1911; röm.-kath. Sohn des aus Böhmen stammenden Schneidermeisters Johann Wenzel Gruscha (1789–1850) und seiner Frau Elisabeth Gruscha, geb. Till, einem Stubenmädchen. – Nach dem Besuch des Akademischen Gymnasiums an der Universitätskirche studierte G. ab 1838 als Alumne des Priesterseminars an der katholisch-theologischen Fakultät in Wien. Nach der Priesterweihe 1843 wirkte er als Kaplan in Pillichsdorf und ab 1846 in der Leopoldstadt; 1849 Dr. theol. 1851–55 Professor am Theresianum, avancierte er 1862 zum o. Professor für Pastoraltheologie an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien; 1866/67 Dekan. Im Zuge der Revolution von 1848 votierte er mit seinem Freund →Sebastian Brunner als Wortführer des progressiven Flügels des Klerus beim damaligen Wiener Fürsterzbischof →Vinzenz Eduard Milde für die Freiheit der katholischen Kirche und gegen die josephinische Bevormundung. Der politisch rührige G. stand auf Seiten der Freiheitsbewegung und der Nationalgarde, ließ sich im August 1848 sogar als Ehrengardist aufstellen und setzte sich für die Opfer der Straßenkämpfe vom Oktober 1848 ein. Im selben Jahr trat er zusammen mit →Johann Emanuel Veith vehement gegen die deutschkatholische Bewegung in Wien auf. G. bezog als einer der ersten österreichischen Theologen zur Sozialen Frage Stellung, lehnte den Sozialismus und den daraus entstandenen Kommunismus aber entschieden ab. 1852 rief er in Wien im Sinne Adolph Kolpings, mit dem er bis an dessen Lebensende freundschaftlich verbunden und brieflich in Kontakt blieb, den ersten Gesellenverein ins Leben und wurde im selben Jahr dessen Präses. Er vertrat die Überzeugung, dass allein die Kirche die soziale Not zu lindern vermöge. G. wurde wegen seines rhetorischen Talents 1855 von Kardinal →Josef Othmar von Rauscher zum Domprediger nach St. Stephan berufen (bis 1871). Er war ein gefragter Redner auf den Katholikentagen, die bis 1877 auf gesamtdeutscher Ebene stattfanden, und nahm zu aktuellen Fragen Stellung. Des Weiteren fungierte er als Beichtvater der Kaiserin →Karoline Auguste, die seine spätere Ernennung zum Apostolischen Feldvikar (1878) beeinflusste. Im Zuge der Aushöhlung des österreichischen Konkordats von 1855 durch die liberalen Gesetzgebungen der 1860er-Jahre trat er unermüdlich für den Fortbestand des Vertrags ein. G. gilt als Mitbegründer (1860) der Wiener Michaelsbruderschaft zur Unterstützung des im Zuge des Risorgimento in Auflösung begriffenen Kirchenstaats. Zusammen mit dem Redakteur Josef Pia erwarb er in der 2. Hälfte der 1860er-Jahre die Zeitung „Österreichischer Volksfreund“, in welcher er ein Sprachrohr gegen die Freimaurerei und für den bedrohten Kirchenstaat sah. Im März 1878 erfolgte seine Ernennung zum Titularbischof von Carrhae (Konsekration im April desselben Jahres durch Kardinal →Johann Rudolf Kutschker). G. erlangte als Militärbischof wegen seiner Sachkompetenz bald allgemeine Anerkennung, daher sah ihn der Kaiser nach dem Tode Kutschkers als dessen Nachfolger vor. G. lehnte jedoch ab, weshalb zunächst →Cölestin Josef Ganglbauer zum Wiener Erzbischof designiert wurde. G. wurde schließlich im Jänner 1890 zu dessen Nachfolger als Fürsterzbischof von Wien nominiert, im Juni desselben Jahres vom Papst ernannt und im Juli inthronisiert. Seine Erhebung in den Kardinalsrang mit der Titelkirche Santa Maria degli Angeli erfolgte im Juni 1891. Wie sein Vorgänger förderte G. besonders den Wiener Kirchenbauverein und gewann dafür den Kaiser als Protektor. Zwischen 1885 und 1914 konnten auf diese Weise in Wien 51 neue Kirchen errichtet werden. Er revitalisierte die von Kardinal Rauscher ins Leben gerufenen Pastoralkonferenzen und berief zudem eigene Kleruskonferenzen für Dechanten und Pfarrer ein. G. unterstützte das katholische Vereinsleben und fand dafür in Prälat →Anton Schöpfleuthner einen bedeutenden Organisator und Referenten. In G.s Episkopat fielen u. a. die Schaffung des Piusvereins zur Förderung der katholischen Presse Österreichs (1905) sowie die von P. →Heinrich Abel initiierten Männerwallfahrten nach Mariazell und Klosterneuburg. G. war ab 1890 Mitglied des Herrenhauses und Virilist des Niederösterreichischen Landtags. Nach dem Tod des Prager Kardinals →Franz de Paula Graf Schönborn 1899 übernahm er den Vorsitz der cisleithanischen Bischofskonferenzen. G.s Amtszeit war geprägt von den Konflikten mit der aufstrebenden Christlichsozialen Partei und deren Antisemitismus. Dabei kam es zu öffentlichen Angriffen auf G. und zu Auseinandersetzungen zwischen G. und Vertretern der Partei, so etwa mit dem Priesterpolitiker →Josef Scheicher und mit →Karl Lueger. 1895 strebten die österreichischen Bischöfe in Rom sogar eine Maßregelung der Christlichsozialen durch Papst Leo XIII. an. Diese Intervention hingegen endete mit einer indirekten Anerkennung der Christlichsozialen durch den Papst, der jedoch die Partei ermahnte, von ihrem Antisemitismus abzurücken. G. gab schließlich seine Ablehnung der Christlichsozialen auf, spendete 1896 außerdem öffentlich für deren Wahlfonds und fand in ihr einen Mitstreiter in der Bekämpfung der Los-von-Rom-Bewegung. Der ohne sein Einverständnis im Sommer 1901 einberufene Österreichische Klerustag in Wien trug zu Verstimmung und Misstrauen G.s gegenüber dem jüngeren Klerus bei, eine weitere Zusammenkunft im Folgejahr wurde vom Episkopat untersagt. Innerhalb der Modernismus-Kontroverse gehörte G. dem integralen Flügel des Katholizismus an. Als unversöhnlicher Gegner →Albert Josef Maria Ehrhards brachte er diesen wegen seiner Programmschrift „Der Katholizismus und das zwanzigste Jahrhundert“, die er auf den Index setzen wollte, zu Fall bzw. drängte ihn aus der theologischen Fakultät. 1903 nahm G. am Konklave in Rom teil. Wegen Erblindung und Taubheit in den letzten Lebensjahren leitungsunfähig, erhielt er 1901 Unterstützung durch Weihbischof →Godfried Marschall, der 1905 auch Generalvikar wurde. Schließlich wurde G. Anfang 1910 Bischof →Franz Xaver Nagl als Erzbischofkoadjutor mit Nachfolgerecht an die Seite gestellt.

W.: Katholische Glaubenslehre, 1850; Katholische Sittenlehre, 1851; Katholische Religionslehre, 1851; Katholischer Firmungsunterricht, 1851 (2. Aufl. 1854); Firmlinge und Firmpaten, 1904; zahlreiche gedruckte Predigten und Hirtenbriefe.
L.: Adlgasser; Bautz; Gatz, Bischöfe (mit Bild); NDB; A. J. G. und der österreichische Katholizismus, phil. Diss. Wien, 1947; F. Bischof, Kardinal G. und die soziale Frage, Diss. Wien, 1959; F. Loidl – M. Krexner, Wiens Bischöfe und Erzbischöfe, 1983, S. 80f. (mit Bild); F. Loidl, Geschichte des Erzbistums Wien, 1983, s. Reg.; H. Butterweck, Österreichs Kardinäle, 2000, S. 9ff. (mit Bild); M. Sohn-Kronthaler, in: „Blick zurück im Zorn?“. Kreative Potentiale des Modernismusstreits, ed. R. Bucher u. a., 2009, S. 131ff.; M. Sohn-Kronthaler, in: The Reception and Application of the Encyclical Pascendi, ed. C. Arnold – G. Vian, 2017, S. 93ff.; Biographisches Lexikon des Österreichischen Cartellverbands (mit Bild, online, Zugriff 2. 6. 2018); Pfarre Unsere Liebe Frau zu den Schotten, Wien.
(M. Sohn-Kronthaler)   
Zuletzt aktualisiert: 14.12.2018  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 7 (14.12.2018)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 6, 1957), S. 95
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