Günther (Ginter), Anton (1783–1863), Priester und Theologe

Günther (Ginter) Anton, Priester und Theologe. Geb. Lindenau, Böhmen (Lindava, CZ), 17. 11. 1783; gest. Wien, 24. 2. 1863; röm.-kath. Sohn des Schmieds Franz Ginter und dessen Frau Anna Elisabeth Ginter. – G. besuchte 1796–1800 die Klosterschule der Piaristen in Haida und anschließend bis 1803 das Gymnasium in Leitmeritz. Es folgte die Absolvierung der philosophischen Jahrgänge an der Universität Prag, an der er daraufhin 1806–09 Jus studierte. Daneben besuchte er die Vorlesungen aus Religionsphilosophie von →Bernhard Bolzano, richtungsweisend für sein Denken wurde jedoch seine Bekanntschaft mit der Philosophie des Deutschen Idealismus (Kant, Schelling) und die „Lehre vom Gegensatz“ des Staatstheoretikers →Adam Müller von Nitterdorf. Schon während seines Studiums in Prag als Erzieher in adeligen Familien tätig, kam G. 1810 in dieser Funktion ins Haus von Karl August Fürst von Bretzenheim nach Wien. Ausschlaggebend für seine endgültige Entscheidung zum Priestertum wurde seine Hinwendung zu →Klemens Maria Hofbauer und dessen Kreis, wo er auch mit einem seiner ältesten und engsten Freunde, Johann Emanuel Veith, mit dem zusammen er schon ab 1805 in Prag Schüler Bolzanos gewesen war, wieder zusammentraf. G. studierte in der Folge auf Anraten Hofbauers Theologie, ab 1817 zunächst privat, später in Raab. Nach der Priesterweihe ebendort (1821) trat er 1822 als Novize ins Jesuiten-Kolleg von Stara Wieś in Galizien ein, verließ jedoch 1824 den Orden, der ihm zu autoritär erschien, und lebte fortan als Privatgelehrter – akademische Berufungen lehnte er ab – bis zu seinem Tod in Wien, wo er eine Pension des Hauses Bretzenheim bezog und zudem als Erzieher in der Familie der Fürsten zu Schwarzenberg fungierte; sein Schüler →Friedrich Fürst zu Schwarzenberg sollte später einer seiner treuesten Anhänger und Verteidiger werden. 1824–48 war er auch Mitglied des Kollegiums der Wiener obersten Polizei- und Zensur-Hofstelle. G., die Zentralgestalt der sogenannten Wiener Theologischen Schule des 19. Jahrhunderts, entwickelte in seiner mit 1828 beginnenden eigentlichen Schaffensperiode ein philosophisch-theologisches System, das die Theologie von der Anthropologie her begründete, wobei er – unter Fokussierung auf das Selbstbewusstsein – den Bruch zwischen Wissen und Glauben zu überwinden suchte. Philosophie und Theologie würden einander nicht nur nicht widersprechen, sondern vielmehr entsprechen und so eine organische Einheit bilden. Auf diese Weise wollte er im Sinne einer „ideellen“ Rekonstruktion des Christentums den Glauben in ein Wissen verwandeln. Das von ihm und seiner Schule entwickelte philosophische und theologische System des „Güntherianismus“ fand, von gebildeten Katholiken in Österreich und Deutschland freudig begrüßt, auch in der kirchlichen Hierarchie (z. B. bei seinem Freund Kardinal Schwarzenberg), bei Ordensleuten (besonders den Benediktinern) und Theologen Förderung und Unterstützung, doch wurde G. im Zuge des Neoabsolutismus und der Wiederbelebung der scholastischen Philosophie 1852 in Rom angeklagt, in seinen Schriften dem weltlichen Prinzip der Philosophie, die der Religion „wie eine Magd“ zu dienen habe, das Recht zugesprochen zu haben, Lehrerin zu sein. Seine Ansichten in der Trinitätslehre und in der Christologie wurden als häretisch verurteilt. Nicht zu Unrecht wurde G. dabei auch sein polemisch-sarkastischer Stil vorgeworfen. Der bis 1857 andauernde Prozess endete im selben Jahr mit der Indizierung aller seiner bis dahin erschienenen Werke und der Verurteilung einzelner Lehrpunkte im päpstlichen Breve „Eximiam Tuam“. G. unterwarf sich – wenn auch verbittert – der kirchlichen Autorität. Die breite Rezeption seines Lehrsystems durch namhafte Theologen (der Altkatholizismus sah in G. seinen geistigen Ahnherrn) einerseits und die gegen einzelne seiner Lehrpunkte veranlassten kirchlichen Verurteilungen (u. a. noch auf dem 1. Vatikanischen Konzil 1870) andererseits bezeugen den beträchtlichen Einfluss des Güntherianismus auf die Theologie in Deutschland und Österreich, der schließlich vom Sieg des Ultramontanismus auf dem 1. Vatikanum und der Dogmendefinition der Neuscholastik verdrängt wurde.

W. (s. auch Oßwald): Vorschule zur speculativen Theologie des positiven Christenthums, 2 Bde., 1828–29, 2. Aufl. 1846–48; Peregrin’s Gastmahl, 1830; Süd- und Nordlichter am Horizonte spekulativer Theologie, 1832, Neuausg. 1850; Der letzte Symboliker, 1834; Janusköpfe, für Philosophie und Theologie, 1834 (gem. mit J. H. Pabst); Thomas a Scrupulis, 1835; Die Juste Milieus in der deutschen Philosophie gegenwärtiger Zeit, 1838; Euristheus und Hercules, 1843; Lentikos und Peregrins Briefwechsel, 1857; Gesammelte Schriften, 9 Bde., 1882, Nachdruck 1968; Anti Savarese, ed. P. Knoodt, 1883. – Ed.: Lydia. Philosophisches Taschenbuch als Seitenstück zu A. Ruge’s „Akademia“, 5 Jgg., 1849–54 (gem. mit J. E. Veith).
L.: ADB; Bautz; LThK; NDB; Wurzbach; P. Knoodt, A. G. 1–2, 1881 (mit Bild); L. Orbán, Theologia Güntheriana et Concilium Vaticanum 1–2, 1949–50; P. Wenzel, Das wissenschaftliche Anliegen des Güntherianismus, 1961 (mit Bild); J. Pritz, Glauben und Wissen bei A. G., 1963; Katholische Theologen Deutschlands im 19. Jahrhundert 1, ed. H. Fries – G. Schwaiger, 1975, S. 348ff.; E. Mann, Die Wiener theologische Schule A. G.s im Urteil des 20. Jahrhunderts, 1979; Ch. Kronabel, Die Aufhebung der Begriffsphilosophie. A. G. und der Pantheismus, 1989; B. Oßwald, A. G., 1990 (mit W.); W. Klaghofer, Kritische Differenz. Biographisch-theologische Studien zur Wiener Theologischen Schule des 19. Jahrhunderts, 2000, S. 179ff.
(H. Reitterer)   
Zuletzt aktualisiert: 27.11.2017  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 6 (27.11.2017)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 7, 1958), S. 100f.
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