Gung'l (Gungl), Joseph (1809–1889), Dirigent, Orchesterleiter und Komponist

Gung’l (Gungl) Joseph, Dirigent, Orchesterleiter und Komponist. Geb. Zsámbék (H), 1. 12. 1809; gest. Weimar, Sachsen-Weimar-Eisenach (D), 1. 2. 1889. Sohn des Strumpfwirkers Georgius Kunkel, Vater der Sängerin Virginia Gung’l (1848–1915), Onkel des Kapellmeisters Franz Gung’l (geb. Zsámbék, 13. 8. 1835; gest. Riga, Russland / Rīga, LV, 24. 3. 1905) und des Geigers, Dirigenten und Komponisten Johann Gung’l (s. u.); ab 1843 mit der Grazerin Cajetana Gung’l, geb. Reichel (1821–1866), verheiratet. – Bereits im Alter von 15 Jahren arbeitete G. als Lehrergehilfe in Pest und in Ofen (Budapest), wo er beim dortigen Regens Chori Saemann studierte. Als er im April 1828 als Kanonier ins 5. Feld-Artillerie-Regiment in Pest (Budapest) eintrat, war er u. a. als Lehrer für Soldatenkinder tätig. 1835 gelang ihm der Übertritt in ein Musikkorps beim in Graz stationierten 4. Artillerieregiment, wo er sich als versierter Violinist profilierte und Regimentskapellmeister wurde. Als Erster seines Stands nahm G. damals Streicher in sein Orchester auf und trat mit diesem an öffentlichen Vergnügungsstätten auf. Zu dieser Zeit entstanden erste Konzertstücke, die wie die anderen veröffentlichten Kompositionen G.s im Berliner Musikverlag Bote & Bock erschienen. Eines seiner Erstlingswerke, der 1836 komponierte „Ungarische Marsch“, wurde 1839 als op. 1 gedruckt und später von →Franz von Liszt transkribiert. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt der populäre Oberländler „Klänge aus der Heimath“. 1843 nahm G. seinen Abschied vom Regiment und ging mit einer eigens zusammengestellten 16-köpfigen Zivilkapelle (Schwarzenbacher Capelle) auf Reisen. Im Oktober jenes Jahres gab er sein erstes Konzert in Berlin, wo es ihm in der Folge als Erstem gelang, sich über längere Zeit mit einem Privatorchester zu etablieren. Auch seine Kompositionen erfreuten sich bald großer Beliebtheit, besonders seine Märsche, z. B. „Kriegers Lust“, der in die königlich preußische Armeemarschsammlung aufgenommen wurde. Wie die Strauß-Dynastie Wien so beherrsche G. Berlin, schrieben die „Signale für die musikalische Welt“ 1846 und verglichen sein Orchester mit einer fein befrackten und frisierten Dampftanzmaschine. Wie →Johann Strauß (Vater) gehörte G. zu jenen Orchesterpionieren, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts mit ihrer gehobenen Tanzmusik die Lücke zwischen Hoforchestern und Militärkapellen schlossen. Nach Ausbruch der Märzrevolution 1848 begab sich G. mit 28 Musikern auf eine elfmonatige Konzerttournee durch die USA. Deren Höhepunkt war im März 1849 die musikalische Umrahmung der Amtseinführung des zwölften Präsidenten der Vereinigten Staaten Zachary Taylor in Washington, D.C., für die G. eine „Inaugurations-Quadrille“ schrieb. Nach seiner Rückkehr wurde G. zum Königlich-Preußischen Musikdirektor ernannt. 1850 engagierte ihn die Zarskoje Selo-Eisenbahngesellschaft in St. Petersburg für ihren „musikalischen Bahnhof“ in Pawlowsk. In der Sommerresidenz des Zaren spielte er mit seinem Orchester die folgenden sechs Sommer auf, bis er 1856 von →Johann Strauß (Sohn) abgelöst wurde. In der Hoffnung, dessen Abwesenheit in Wien nutzen zu können, versuchte G. dort Fuß zu fassen. Trotz Erfolgen mit Walzern wie „Die Hydropathen“ und „Amorettentänze“ gab er 1858 auf, entnervt von den Schikanen von J. Strauß, wie er an seinen Verleger schrieb. Sein Auskommen fand G. als Regimentskapellmeister des Infanterieregiments Frh. von Ajroldi Nr. 23 in Brünn (Brno). Erst 1864 konnte er wieder ein eigenes Orchester gründen, mit dem er sich in München niederließ. Als „wilder“ Ableger von G.s Kapelle wurde dort noch im selben Jahr die sogenannte Wilde Gungl gegründet, Münchens ältestes Laienorchester. Auch die Bad Reichenhaller Philharmonie geht auf G. zurück, der 1868 vom dortigen Bäderkomitee beauftragt wurde, eine Kurkapelle zusammenzustellen. Tourneen führten G. damals regelmäßig durch Deutschland, die Schweiz, Holland und Skandinavien. Nachdem er sein Orchester 1872 auflösen musste, übernahm er nur noch Gastdirigate, u. a. in Breslau (Wrocław) und Berlin, Warschau und Paris, Londons Covent Garden und Manchester. Seit 1873 lebte er bei seiner Tochter, deren wechselnde Engagements sich in seinen Wohnorten niederschlugen. Von Schwerin ging es nach München, Frankfurt am Main, neuerlich nach Schwerin und schließlich nach Weimar, wo er starb. Sein Neffe Johann Gung’l (geb. Zsámbék, 15. 10. 1818; gest. Fünfkirchen / Pécs, H, 23. 11. 1883) wirkte in Fünfkirchen zunächst als Chorknabe in der Kathedrale, später im Orchester des Deutschen Theaters. Ab 1843 konzertierte er in Berlin. Mit einem eigenen Orchester trat er 1845–48 in Pawlowsk auf und wurde später Mitglied des russischen Hoforchesters, das er 1862 einige Monate lang leitete. 1855 und 1860 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er als Musiklehrer und Organisator tätig war, 1874–78 dirigierte er das Fünfkirchner Stadtorchester.

Weitere W. (s. auch Grove, 2001; MGG II): 436 Instrumentalwerke, u. a. Märsche (Preussische Parade; Gruß an Stockholm; Osmanen-Marsch; Franz Joseph Marsch; Mulatten-Marsch; Deutscher Waffenruf), Walzer (Die Magyaren; Tanz-Locomotive; Die Industriellen; Visionen; Erinnerung an Copenhagen; Die Internationalen etc.) und andere Tänze (Eisenbahn-Dampf-Galopp; Ehestands-Freuden-Galopp; Maiblümchen-Galopp; Vagabonden-Polka; Indianer-Polka; Träume auf dem Ozean; Yankee-Galopp; Rotkäppchen-Polka etc.).
L.: Frank–Altmann; Grove, 1980, 2001 (m. W.); MGG I (m. B., auch für Johann G.), II (m. W., auch für Franz und Johann G.); Riemann, 12. Aufl. (auch für Johann G.); Wurzbach (auch für Johann G.); E. Brixel u. a., Das ist Österreichs Militärmusik, 1982, S. 312f.; P. Thiebes, Zur Geschichte der Unterhaltungsmusik, dargestellt am Wirken des Tanzkomponisten und Orchesterleiters J. G. im Berlin der 1840er Jahre, Magisterarbeit Bochum, 1986; F. Jelinek, in: Schambek/Zsámbék, Beiträge zur Geschichte und Volkskunde einer „schwäbischen“ (donauschwäbischen) Gemeinde im Ofner Bergland/Ungarn, ed. M. A. Jelli, 1988; R. Rohr, Unser klingendes Erbe. Beiträge zur Musikgeschichte der Deutschen und ihrer Nachbarn in und aus Südosteuropa …, 1988, s. Reg.; Ch. Simonis, in: Das Heilbad Bad Reichenhall im 19. und 20. Jahrhundert, ed. H. W. Städtler, (1990), S. 91ff. (m. B.); A. Dreher, in: Wiener Bonbons 1, 1993, Nr. 3, S. 14ff. (m. B.); Stadtarchiv, Weimar, D; Pfarre Zsámbék, H.
(St. Frey)  
Zuletzt aktualisiert: 15.11.2014  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 3 (15.11.2014)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 7, 1958), S. 107
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