Haberzettl, Erna (1901–1945), Poltikerin, Schriftstellerin und Widerstandskämpferin

Haberzettl Erna, Poltikerin, Schriftstellerin und Widerstandskämpferin. Geb. Bischofteinitz, Böhmen (Horšovský Týn, CZ), 29. 4. 1901; gest. Wien, 5. 3. 1945 (Selbstmord). Tochter eines Försters, aus kinderreicher Familie. – Nach Abschluss der Bürgerschule absolvierte H. im sächsischen Bad Elster eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. 1917 übersiedelte sie nach Ungarn, um eine Stelle als Kindermädchen anzutreten. 1920 nach Böhmen zurückgekehrt, war sie zunächst in Nejdek am örtlichen Krankenhaus beschäftigt. In dieser Zeit fand H. Anschluss an die Arbeiterbewegung und trat der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik (DSAP) bei. Der berufliche Wechsel zur Fabrikarbeiterin in einer Wollspinnerei folgte diesem Schritt. Bald wurde die Partei auf die politische und schriftstellerische Begabung der jungen Frau aufmerksam. 1924 wurde sie nach Bratislava entsandt, wo sie u. a. als Fürsorgerin wirkte und 1925 von Heinrich E. Kalmár in die Redaktion der „Volksstimme“ berufen wurde. In der deutschsprachigen sozialdemokratischen Presse ihrer tschechischen Heimat, aber auch in der österreichischen „Arbeiter-Zeitung“ veröffentlichte sie neben Artikeln zu sozialen Fragen zahlreiche Gedichte sowie kurze Prosatexte. Darin greift H. die Thematik des Befreiungskampfes der Arbeiterklasse auf, den sie in der Metaphorik entfesselter Naturgewalten beschreibt. Darstellungen des mühevollen Alltags der arbeitenden Menschen oder die Erinnerung an geliebte Personen werden mit sensiblen Naturschilderungen verbunden. Insgesamt zeichnet sich H.s lyrisches Werk durch einen auffälligen Kontrast zwischen appellhafter Befreiungsrhetorik und stark melancholischem Grundton aus. 1929 wurde H. zur Frauensekretärin der sozialdemokratischen Partei in Trutnov bestellt und gehörte in dieser Eigenschaft ab 1930 dem Frauenreichskomitee der DSAP an. Ab 1936 war sie Leiterin eines Kurheims für Arbeiter in Karlovy Vary, bis sie nach der Annexion des Sudetenlandes durch das nationalsozialistische Deutschland diese Stelle verlor. Danach fand sie Beschäftigung als medizinische Assistentin bei einer Fliegeruntersuchungsstelle der Wehrmacht in Prag. Der DSAP blieb H. auch in der Zeit der Illegalität verbunden. Freundschaftliche Beziehungen pflegte sie vor allem mit Marie Günzl, darüber hinaus mit Personen, die aufgrund der Nürnberger Gesetze verfolgt wurden. 1944 von ihrer Dienststelle in ein Luftwaffenlazarett nach Wien versetzt, wurde H. zur Kontaktperson für den sudetendeutschen sozialdemokratischen Widerstandskämpfer Albert Exler, der als Mitglied eines Fallschirmkommandos mit Unterstützung des britischen Geheimdienstes in Westböhmen abgesprungen war und sich auf der Flucht vor der Gestapo befand. Mit ihrer Hilfe wurde er während seines mehrmonatigen Aufenthalts in Wien mit Quartier und lebensnotwendigen Gütern versorgt. Anfang März 1945 wurden Exler und sein Unterstützerkreis von der Gestapo aufgedeckt. Ihrer bevorstehenden Verhaftung entzog sich H. durch Selbstmord.

W.: Opfergang, 1973 (Gedichte); zahlreiche Gedichte in Arbeiter-Zeitung, 1889ff., Sozialdemokrat. Zentralorgan der Deutschen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in der Tschechoslowakischen Republik, 1921ff., Arbeiter-Jahrbuch, 1927ff., etc. – Nachlass: Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, D.
L.: E. Paul, in: E. H., Opfergang, 1973 (Vorwort); F. G. Kürbisch, Geschrieben in Böhmen, in Mähren und in Schlesien. Beiträge zur Arbeiterkultur, 1978, S. 155; Sudeten-Jahrbuch der Seliger-Gemeinde 30, 1981, S. 7; F. G. Kürbisch, Chronik der sudetendeutschen Sozialdemokratie 1863–1938, 1982, s. Reg.; G. Szepansky, Frauen leisten Widerstand: 1933–1945. Lebensgeschichten nach Interviews und Dokumenten, 1983, S. 271f.; Kampf, Widerstand, Verfolgung der sudetendeutschen Sozialdemokraten, erarbeitet A. Hasenöhrl, 1983, S. 606–611 (m. B.); W. Abeles Iggers, Women of Prague. Ethnic Diversity and Social Change from the Eighteenth Century to the Present, 1995, S. 365f.; Letzte Heimat. Ruhestätten deutschsprachiger Dichter aus Böhmen und Mähren, ed. J. Džambo, 2004, S. 37f.; M. Günzl, Erlebtes Leben. Aus der Geschichte der westböhmischen Frauenbewegung, o. J., S. 40–42; Arbeiterinnen kämpfen um ihr Recht. Autobiographische Texte zum Kampf rechtloser und entrechteter „Frauenspersonen“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz des 19. und 20. Jahrhunderts, ed. R. Klucsarits – F. G. Kürbisch, o. J., S. 378; A. Exler, Das große Wagnis. Ein Rettungsversuch für die unfreie Heimat, o. J. (m. B.); DÖW; MA 8, Tagbl.Archiv, alle Wien.
(Ch. Kanzler)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
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