Hainisch, Michael (1858-1940), Bundespräsident

Hainisch Michael, Staatsmann, Sozial- und Wirtschaftspolitiker. * Aue b. Schottwien (N.Ö.), 15. 8. 1858; † Wien, 26. 2. 1940. Sohn der Vorigen. Stud. am Akadem. Gymn. und an den Univ. Leipzig und Wien, 1882 Dr.jur. Dann besuchte er noch die volkswirtschaftlichen Seminare von G. Schmoller und A. Wagner in Berlin. Nach kurzer Tätigkeit bei Gericht, in der Finanzprokuratur und im Unterrichtsmin. (1886–90) teilte H. sein Interesse für Jahrzehnte zwischen der musterhaften Bewirtschaftung seines landwirtschaftlichen Besitzes bei Spital am Semmering und einer ausgebreiteten, mit entsprechenden Veröffentlichungen verbundenen parteiunabhängigen Arbeit an agrar- und sozialpolit. Fragen und volksbildnerischen Bestrebungen. H. organisierte 1889 Volksbildungsver. und wurde Mitbegründer der Zentralbibl., steuerte aber auch die Mittel für „Südmark“- Büchereien im gemischtsprachigen steir.- kärntner. Unterland bei. Folgerichtig förderte H. die Antialkoholbewegung und wirkte an der Gründung der Dt. Turnerschaft in Wien mit (1890). Weltanschaulich dem Liberalismus zugehörig, stand H. diesem wirtschaftlich krit. gegenüber. So war er bei den österr. „Fabiern“ zu finden, nahm am Internat. Arbeiterschutzkongreß Brüssel 1898 teil und wurde damals auch in den Beirat des Arbeitsstatist. Amtes im Handelsmin. berufen. Besondere Teilnahme erweckte bei H. die Lage der Heimarbeiter. Seine Reisen nach England, USA und Kanada waren ebenfalls von solchen Interessen mitbestimmt. H. beteiligte sich auch an der Debatte über die von Marchet eingeleitete Mittelschulreform, und zwar im Sinne einer möglichst wirklichkeitsnahen Ausrichtung des höheren Schulwesens. Er trat entschieden für das allg. Wahlrecht ein, und zwar diesseits und jenseits der Leitha, weil er darin ein unentbehrliches Glied in der Entwicklung zur Demokratie und zur Entspannung des österr.-ung. Verhältnisses erblickte. Auch im Ersten Weltkrieg war H., der u.a. die Schaffung der Grundverkehrskomm. anregte, überall zu finden, wo sich neue Aufgaben für die soziale Betreuung des Hinterlandes einschließlich Säuglingsschutz und Jugendfürsorge boten. Eine in Berlin 1916 vorgetragene Kritik H.s am Verhalten Ungarns in der Lebensmittelversorgung Österr. trug ihm eine Zurechtweisung durch Außenmin. Czernin (s. d.) ein. Als Vertreter der dt.- österr. Sparkassen kam H. noch 1918 in den Generalrat der Österr.-Ung. Bank. Nach Gründung der Republik und nach Annahme der österr. Bundesverfassung fiel am 9. 12. 1920 auf Grund eines Kompromisses zwischen den bürgerlichen Regierungsparteien und über Vorschlag Kunschaks die Wahl zum ersten Bundespräs. durch die Bundesversmlg. auf H., der damals am ehesten der Großdt. Volkspartei nahestand. 1924 erfolgte seine Wiederwahl, ohne daß die nun schon in scharfer Opposition stehenden Sozialdemokraten einen Gegenkandidaten nominiert hätten. 1928 zog sich H. von seiner hohen Stellung, die er nach allgemeinem Urteil musterhaft versehen hatte, zurück. In den Anfängen seiner Präsidentschaft kam nach der Ratifikation des Friedensvertrages von St. Germain die Angliederung des Burgenlandes zustande, die H. lebhaft begrüßte. Als Schober zur Verbesserung der internat. Lage Österr. den Vertrag von Lana herbeiführte, war H. durch einen Besuch bei dem ihm längst bekannten Masaryk persönlich daran beteiligt. Doch die in der Öffentlichkeit und besonders durch die Großdt. an Lana geübte Kritik veranlaßte H. von da an zu großer Zurückhaltung nach außen. Dem Genfer Sanierungswerk (ab 1922) stand er auf weitere Sicht hin reserviert gegenüber. Er setzte seinen ganzen Einfluß für eine Hebung der österr. Landwirtschaft, für die Elektrifizierung der Bundesbahnen, für die Ausweitung des Fremdenverkehrs und des österr.-dt. Handels ein. Er förderte das ländliche Brauchtum, regte die Schaffung des Denkmalschutzgesetzes an und leitete persönlich die Sitzungen der von seinem Freunde Friedjung (s. d.) begründeten Hist. Ges. Als nach seiner Rückkehr ins Privatleben Sept. 1929 Schober für sein neues Kabinett die Mitwirkung parteiungebundener, namhafter Persönlichkeiten anstrebte, stellte sich ihm auch H., und zwar als Bundesmin. für Handel und Verkehr, zur Verfügung. Aber als er sich ohne den Rückhalt einer großen Partei in verschiedenen Fragen nicht durchsetzen konnte, auch wohl infolge des Zwiespalts handels- und agrarpolit. Anschauungen, zog H. mit dem vorzeitigen Ausscheiden aus der Regierung die Konsequenzen (16. 6. 1930). In seine Amtszeit fiel die schon lange geplante Novellierung des österr. Zolltarifes. Damals galt H.s Aufmerksamkeit besonders Fragen der europ. Volksgruppen, aber auch sonst war er rastlos als Forscher und Schriftsteller, Berater und Praktiker weiter tätig. Trotz seiner wiss. und polit. Tätigkeit war H. auch prakt. Landwirt und erwarb sich durch die Ausgestaltung seines landwirtschaftlichen Besitzes in Jauern (Spital a. Semmering) zu einem Musterbetrieb, um die alpine Viehzucht und Milchwirtschaft große Verdienste. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u.a. Ehrenmitgl. der Akad. d. Wiss. in Wien, Dr. h.c. der Univ. Wien, Graz, Innsbruck und Tübingen, der Hochschule für Bodenkultur in Wien.

W.: Die Zukunft der Deutschösterreicher, 1892; Das bäuerliche Erbrecht, 1894; Der Kampf ums Dasein und die Sozialpolitik, 1899; Heimarbeit in Österr., 1906; Die Entstehung des Kapitalzinses, 1907; Statistik der Deutschösterreicher, 1909; Das österr. Tabakmonopol im 18. Jh., 1910; Das Getreidemonopol, 1916; Die Landflucht, ihr Wesen und ihre Bekämpfung im Rahmen einer Agrarreform, 1924; Aus mein’ Leb’n, 1930; Was Z’samklabts, 1935; etc.
L.: Neues Reich, Bd. 3, 1921; Almanach Wien, 1940; Schicksalsjahre Österr. 1908–19. Das polit. Tagebuch J. Redlichs, hrsg. von F. Fellner, 1954, s. Reg.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 7, 1958), S. 152f.
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