Hasenauer, Carl Freiherr von (1833–1894), Architekt

Hasenauer Carl Freiherr von, Architekt. Geb. Wien, 20. 7. 1833; gest. ebd., 4. 1. 1894 (Ehrengrab: Wiener Zentralfriedhof); evang. AB. Sohn des Hof- und Stadtzimmermeisters Johann Christoph Hasenauer und der Karoline Hasenauer, geb. Preschnofsky; ab 1863 verheiratet mit Victoire Gennotte von Merkenfeld. – Nach seiner Schulzeit in Wien und Dresden (1843–48) besuchte H. für einige Monate die Akademie der bildenden Künste, ehe er ab dem WS 1848/49 am Collegium Carolinum in Braunschweig seine technische Ausbildung erhielt. 1850–54 studierte er neuerlich an der Wiener Akademie der bildenden Künste, v. a. bei →Eduard van der Nüll und →August Sicard von Sicardsburg, in deren Atelier er auch praktische Erfahrung gesammelt haben dürfte. Zwischen 1846 und 1858 zum Bau-, Steinmetz- und Zimmermannsmeister ausgebildet, bereiste er ab 1850 Italien, Deutschland, Belgien, Frankreich und Großbritannien. Zunächst wohl im Zimmermannsbetrieb seines Vaters beschäftigt, beteiligte er sich in Wien am Wettbewerb für die Creditanstalt Am Hof (1857), bei der er sich als Vertreter des Materialbaus zeigte. Für seine hölzernen Tribünen der Pferderennbahn in der Freudenau (1858) erhielt er erste mediale Anerkennung. Ab ca. 1860 schuf H. Landhäuser in der Umgebung Wiens und am Traunsee (u. a. für →Gustav Ranzoni in Altmünster, →Moritz von Gerold in Wien-Neuwaldegg), die seinen Ruf als Villenarchitekt begründeten, und führte Elemente v. a. der französischen Renaissance in den Wiener Wohnhausbau ein (Villa August Zang, Meidling). Bei internationalen Wettbewerben errang H. für seinen Hofopernentwurf 1860/61 den 3. und für die Westfassade des Doms von Florenz 1864 den 2. Platz. Von seinen innerstädtischen Hausentwürfen gelangte nur der Aziendahof am Graben (Wien 1) zur Ausführung (1867–69), dessen buntfarbige Materialsichtigkeit eine Gegenposition zu →Theophil Freiherr von Hansens Heinrichhof (Wien 1) darstellte. Neben Hansen, →Heinrich Freiherr von Ferstel und →Moritz von Loehr wurde H. als Vertreter der jüngeren Architektengeneration 1866 eingeladen, am Wettbewerb um die Hofmuseen teilzunehmen, der von heftigen, medial ausgetragenen Debatten unter der Wiener Architektenschaft begleitet wurde. Erst das externe Gutachten →Gottfried Sempers (1869) mit dem Vorschlag, die Museumsbauten mit einem Ausbau der Hofburg zu verbinden, mündete in das gemeinsam mit H. bis 1871 entwickelte „Kaiserforum“. Parallel dazu arbeitete H. an mehreren Spitalsbauten in Wien, am Palais des Diplomaten →Franz Graf von Lützow (1869–73) und als Verantwortlicher für die architektonische Gesamtplanung der Wiener Weltausstellung (ab 1871). Die Auseinandersetzungen zwischen H. und seinem Büropartner Semper dürften anlässlich der gleichzeitig begonnenen Planungen für das Hofburgtheater eingesetzt haben, als Sempers Grundrisskonzept gegenüber dem H.s der Vorzug gegeben wurde. 1876 schied Semper aus der Bauleitung der Hofbauten aus, die H. vollendete (1888 Hofburgtheater, 1889 bzw. 1891 die beiden Hofmuseen) und im Einsatz von Malerei, Skulptur und Material sukzessive reicher ausstattete. Neben kleineren Privataufträgen arbeitete H. in den 1870er-Jahren an den architektonischen Teilen des Tegetthoff-, des Maria Theresien- und des Grillparzer-Denkmals. Als kaiserlichen Privatauftrag erbaute er in den 1880er-Jahren die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten. Den 1881 begonnenen Bau der Neuen Burg konnte H. bis zu seinem Tod nur bis zur Dachtraufe führen. 1867–71 war H. als Liberaler Mitglied des Wiener Gemeinderats und bis 1882 Vizepräsident der Wiener Bau-Gesellschaft. Bereits 1879 erhielt er den Titel Professor, konnte aber erst 1884 die Nachfolge Hansens an der Akademie der bildenden Künste in Wien antreten, deren Rektor er 1892/93 und 1893 war; ab 1884 Mitglied der ständigen Ministerial-Commission für Kunstangelegenheiten. H. gehörte in Wien zu den ersten Architekten, die nach englischem Vorbild malerisch konzipierte Villen mit dem Einsatz gotisierender Elemente schufen, zu den expliziten Befürwortern des Materialbaus und zu den frühen Vertretern der Neorenaissance. Während er zunächst v. a. deren französische Variante verarbeitete (besonders deutlich am Hofopernentwurf, der den starken Einfluss seiner Lehrer Sicardsburg und van der Nüll verrät), nahmen seine Werke allmählich einen barock-üppigen Charakter an (v. a. Dekoration des Hofburgtheaters und des Kunsthistorischen Hofmuseums, dafür auch als „Makart der Baukunst“ bezeichnet), ohne einen stilistisch „reinen“ Neobarock zu erzeugen. Die gemeinsam mit Semper entwickelten Bauten, die neben der Hermesvilla H.s Hauptwerke darstellen, basieren sowohl auf bereits vorhandenen Entwürfen H.s (v. a. 1. Hofmuseen-Wettbewerb bzw. Platzanlage der Residenzerweiterung des 2. Hofmuseen-Wettbewerbs) als auch auf Entwurfsvorstellungen Sempers (z. B. Grundrissgestaltung des Burgtheaters), wobei H.s Kleinteiligkeit und Engräumigkeit durch Semper in monumentale Form überführt werden (besonders deutlich erkennbar am Palais Lützow). H.s Dekorationsfreudigkeit, die sich im Materialreichtum des Aziendahofes ausdrückte, entsprach wohl der Kunstauffassung Sempers, der gerade deshalb H. als Büropartner wählte. 1861 wurde H. Mitglied der neu gegründeten Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), aus der er 1868 wegen des Hofmuseen-Streits aus- und der er 1871 jedoch erneut beitrat; 1878–80 Vorstand, 1889 Ehrenmitglied. 1864 gehörte er zu den ersten Architekten im erweiterten Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein. 1866 w. Mitglied der Akademie der bildenden Künste, 1867 Mitglied des Royal Institute of British Architects, 1873 (wegen seiner Arbeit für die Weltausstellung) Mitgliedschaften in europäischen Fachverbänden, 1874 o. auswärtiges Mitglied der Königlich Preußischen Akademie der Künste in Berlin, 1885 Mitglied der Accademia di San Luca in Rom. H. erhielt zahlreiche in- und ausländische Auszeichnungen, v. a. anlässlich der Wiener Weltausstellung. 1876–77 Mitglied des Aktionscomités für die Pariser Weltausstellung (1878), erhielt er 1879 das Offizierskreuz des Ordre National de la Légion d’Honneur und für seine Beteiligung an der internationalen Kunstausstellung in München die Goldmedaille 1. Klasse, 1886 das Ritterkreuz des Leopold-Ordens, 1888 das Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft sowie die Goldene Staatsmedaille und 1891 den Orden der Eisernen Krone II. Klasse; 1873 Erhebung in den Freiherrenstand.

Weitere W.: Villen Amrongen (Altmünster) und Neuberg (Mödling), 1860–62; Gebäudeensemble des Wiener Tiergartens im Prater, 1862–63; Entwurf der Protestantischen Kirche, 1862 (Salzburg, nicht realisiert); Villa Zabeo, 1864 (Wien 18); Entwurf des Adelscasinos, 1865–66, sowie des Concordia-Hauses, 1867 (beide Wien 1, nicht realisiert); Entwurf des Monarchiedorfs für die Pariser Weltausstellung, 1867 (nicht realisiert); Pavillons des Wiener Eislaufvereins, 1868; Leopoldstädter Kinderspital, 1869–70; St. Anna-Kinderspital, 1872 (Wien 9); Krankenhaus der Barmherzigen Brüder, 1884 (Wien 2); Entwürfe für die Wohnhausgruppe am Wiener Volksgarten, 1872–77 (u. a. gemeinsam mit Semper, nicht realisiert).
L.: AKL; Die Wr. Ringstraße 2 (mit Bild), 7, 8/1–2 (mit Bild); Lhotsky; NDB; Thieme–Becker; F. Czeike, in: Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien 19/20, 1963/64, S. 251ff.; R. Wagner-Rieger, in: Geschichte der bildenden Kunst in Wien. Geschichte der Architektur in Wien, 1973, s. Reg.; M. Oberhammer, Sommervillen im Salzkammergut, 1983, S. 69; H. Haupt, Das Kunsthistorische Museum. Die Geschichte des Hauses am Ring, 1991, s. Reg.; B. Kriller – G. Kugler, Das Kunsthistorische Museum. Die Architektur und Ausstattung …, 1991, s. Reg.; G. Weissenbacher, In Hietzing gebaut 2, 1998; Das ungebaute Wien. Projekte für die Metropole 1800 bis 2000, Wien 1999, passim (Kat.); Geschichte der bildenden Kunst in Österreich 5, ed. G. Frodl, 2002, s. Reg.; G. Semper 1803–1879. Architektur und Wissenschaft, ed. W. Nerdinger – W. Oechslin, München – Zürich 2003, passim (Kat.); B. Musil, in: Mitteilungen der Gesellschaft für vergleichende Kunstforschung in Wien 57, 2005, Nr. 3, S. 1ff.; G. Semper und Wien …, ed. R. Franz – A. Nierhaus, 2007, s. Reg.; R. Kurdiovsky, C. v. H. (1833–1894), phil. Diss. Wien, 2008; Die Wiener Hofburg 1835–1918, ed. W. Telesko, 2012, s. Reg.; Experiment Metropole 1873: Wien und die Weltausstellung, ed. W. Kos – R. Gleis, Wien 2014 (Kat.); St. Jovanovic-Kruspel, Das Naturhistorische Museum, 2014; Architektenlexikon Wien 1770–1945, www.architektenlexikon.at (mit Bild, Zugriff 20. 3. 2015); ABK, Wien.
(R. Kurdiovsky)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 8, 1958), S. 199f.
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