Herzog, David (1869–1946), Rabbiner, Semitist und Historiker

Herzog David, Rabbiner, Semitist und Historiker. Geb. Tyrnau, Ungarn (Trnava, SK), 7. 11. 1869; gest. Oxford (GB), 6. 3. 1946; mos. Sohn des Textilhändlers Leopold Herzog und dessen Frau Cäcilia Herzog, geb. Süß, Vater des nach seiner Flucht in die USA in Chicago wirkenden Juristen und Universitätsprofessors Friedrich (Fred) Herzog (geb. Prag, Böhmen / Praha, CZ, 21. 9. 1907; gest. Chicago, IL, USA, 21. 3. 2008); ab 1901 verheiratet mit Anna Herzog, geb. Reich (geb. Dukla, Galizien / PL, 1883; gest. Chicago, 1964). – Nach Absolvierung des fürsterzbischöflichen Obergymnasiums in Tyrnau studierte H. 1889–93 semitische Philologie an der Universität Berlin. Gleichzeitig besuchte er das dortige Rabbinerseminar und die Veitel Heine Ephraim’sche Lehranstalt. Im Wintersemester 1893/94 wechselte er an die Universität Leipzig, wo er 1894 mit einer Dissertation über „Maimonidesʼ Commentar zum Tractat Peah“ zum Dr. phil. promoviert wurde. Im selben Jahr legte er das Rabbinerexamen in Berlin ab. Später folgten noch Studien an der Sorbonne (1896) und an der Universität Wien (1899–1900). 1895 wurde H. zum Rabbiner des Berliner Synagogenvereins Ahawas Scholaum Berlin bestellt. 1897 übernahm er das Rabbinat in Ungarisch-Ostra in Mähren, 1900 jenes in Prag-Smichow. Ab 1901 lehrte er daneben als Privatdozent semitische Philologie an der deutschen Universität Prag. 1908 übersiedelte H. nach Graz, um die Nachfolge von Samuel Mühsam als Rabbiner (später Landesrabbiner) für Steiermark, Kärnten und – bis 1918 – Krain anzutreten. In der Grazer Kultusgemeinde wirkte er bis 1938 als angesehene und integrative Persönlichkeit. Er war Matrikelführer, Herausgeber des „Grazer Israelitischen Gemeindeboten“ und Mitglied zahlreicher jüdischer Vereine (u. a. Chewra Mathnoth Anijim, Chewra Kadischa und B’nai B’rith). Ab 1908 unterrichtete H. als Religionslehrer an Grazer Bürger- und Mittelschulen; zudem war er über viele Jahre Mitglied des Grazer Stadt- und des steiermärkischen Landesschulrats. Während des 1. Weltkriegs fungierte er als Militärseelsorger. Nachdem er bereits ab 1909 als Privatdozent an der Universität Graz gelehrt hatte, erfolgte 1926 seine Ernennung zum ao. Professor für semitische Sprachen. H. beschäftigte sich insbesondere mit der Pentateuchexegese des Mittelalters sowie jüdischer Religionsphilosophie und erwarb sich große Verdienste um die Erforschung der Geschichte der Juden in der Steiermark. Kurz nach dem „Anschluss“ 1938 wurde er von den Nationalsozialisten zwei Wochen lang inhaftiert; seine Wohnung wurde durchsucht und geplündert. Im April 1938 entzog man ihm die Lehrbefugnis. Nach schweren Misshandlungen im Zuge des Novemberpogroms 1938 musste H. die Stadt im Dezember 1938 verlassen und emigrierte mit seiner Frau über Wien und die Niederlande nach London. 1940 übersiedelte H. nach Oxford, wo er seine Forschungen dank eines Stipendiums an der Bodleian Library wieder aufnehmen konnte. Seine im Exil entstandenen autobiographischen Aufzeichnungen wurden 1995 bzw. 2013 ediert. H. war Träger des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich (1934). 1988 richtete die Universität Graz einen nach H. benannten Fonds zur Förderung interkultureller Verständigung ein.

Weitere W. (s. auch Hdb. Rabb.): Erinnerungen eines Rabbiners 1932–40, ed. W. Höflechner, 1995 (mit Bild und W.); Meine Lebenswege. Die persönlichen Aufzeichnungen des Grazer Rabbiners D. H., ed. H. Halbrainer u. a., 2013.
L.: Hdb. jüd. AutorInnen; Hdb. Rabb. 2/1 (mit W.); A. Schweiger, D. H. 1869–1946, DA Graz, (1989) (mit Bild); B. A. Reismann – F. Mittermüller, Geschichte der Stadt Graz 4, 2003; G. Lamprecht, Fremd in der eigenen Stadt. Die moderne jüdische Gemeinde von Graz vor dem Ersten Weltkrieg, 2008, S. 235f.; G. Lengyel, Moderne Rabbinerausbildung in Deutschland und Ungarn, 2012, S. 250ff.; V. Kumar, In Graz und andernorts. Lebenswege und Erinnerungen vertriebener Jüdinnen und Juden, 2013, S. 67ff. (mit Bild); V. Lorber, in: David 26, 2014, Nr. 101, S. 28f.; UA, Wien; UA, Leipzig, D.
(R. Urbaner)   
Zuletzt aktualisiert: 25.11.2016  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 5 (25.11.2016)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 2 (Lfg. 9, 1959), S. 301
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