Kalchegger von Kalchberg, Johann (1765-1837), Schriftsteller und Historiker

Kalchegger von Kalchberg Johann, Dichter und Historiker. * Schloß Pichl (Stmk.), 15. 3. 1765; † Graz, 3. 2. 1837. Onkel des Vorigen und der beiden Folgenden. Drei Jahre einseitigen Drills bei einem Lateinlehrer verleideten K. zunächst jede Freude am Bildungsweg. Der Vierzehnjährige wurde jedoch am Seminar in Graz von C. Royko, der ihm auch umfassende Kenntnis der dt. klass. Literatur vermittelte, verständnisvoll gefördert. Schon frühzeitig zu eigener lyr. und dramat. Dichtung angeregt, veröff. er 1786 sein erstes Schauspiel; 1789/90 gab er die Smlg. „Früchte vaterländischer Musen“ heraus, die auch Gedichte K.s enthielten und die für das literar. Leben der Stmk. förderlich wirkten. Nach Jahren literar. Schaffens auf Gütern, die K. nach Verkauf von Schloß Pichl in Wildbach und Feilhofen erworben hatte, widmete er sich ab 1796 vor allem der Arbeit als Landesbeamter in Graz. Bereits 1785 kurzfristig im Staatsdienst tätig gewesen, wurde er 1791 und dann 1796 ständ. Ausschußrat, 1810 und 1816 2., 1817 und 1823 1. Vertreter des Ritterstandes und wirkte in mehreren ständ. Deputationen und Komm., als Dir. der ständ. Kanzlei, Mitgl. der Theater-Oberdion. und Theaterzensor. In persönlicher Verbindung mit Erzh. Johann (s. d.) wurde K. Mitbegründer und eifriger Förderer des Joanneums, dessen Bibl., Münzsmlg. und Archiv K. wertvolle Bereicherung verdanken. Während seiner amtlichen Tätigkeit widmete er sich vor allem hist. Stud. und innerhalb dieser besonders der Urkundenforschung im Bereich der heimatlichen Geschichte. K. redigierte auch die vom Ausschuß des Lesever. am Joanneum hrsg. „Steyermärkische Zeitschrift“. Arbeitsüberlastung und persönliche Verluste, u. a. der seines gesamten Vermögens durch Beteiligung an einem silberhaltigen Bleibergwerk, erschöpften seine Kräfte. Die geistige Verbundenheit K.s mit der unmittelbar vorangegangenen und gleichzeitigen dt. Dichtung ist vor allem in seiner Lyrik wahrnehmbar. Obwohl der formale und bis ins Gleichnis reichende Einfluß der Dichtung Klopstocks, Denis’, Bürgers u. a. unverkennbar ist, bleibt die Unmittelbarkeit auch der lyr. Dichtung K.s in Stimmungsreichtum und ursprünglichem Gedankengut als eigen und echt bestehen. Hervorragend vor allem ist sein dramat. Werk, das zeitlich und räumlich nahe der damals neugegründeten Grazer Bühne entstand. Beide Gruppen seines dramat. Schaffens, die Ritterdramen wie die in fünffüßigen Jamben geschriebenen Stücke, zeigen die ursprüngliche bühnendichter. Begabung des bayr.-österr. Stammesangehörigen mit der steir. Besonderheit pathet. Sprachgewalt im überzeugungsstarken Bekenntnis. K. entnahm die Stoffe für seine Schauspiele erstmalig der Geschichte seiner engeren Heimat. Auch die „Historischen Skizzen“, teils in szen., teils in erzählende Form gefaßt, volkstümlich dargestellt und deshalb weit verbreitet, zeigen das Können des geborenen Dramatikers. In dem hohen Ideengehalt der geschichtlichen Dichtungen K.s kommt sein Bekenntnis zu Weisheit, Gerechtigkeit, nächstenliebender Verantwortung und Toleranz auf der Grundlage der Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit der angestammten Volksart und zu den ursprünglich-guten Seelen- und Gemütskräften als menschenverbindende Mächte in scharf kennzeichnender Prägung der Charaktere zu reiner Geltung. K.s literar. Werk hatte schon zu seinen Lebzeiten im In- und Ausland Anerkennung gefunden. 1787 sandte ihm die Ges. der Arcadier in Rom ihr Diplom und 1793 wurde er von der herzoglich-dt. Ges. in Jena zum Mitgl. ernannt. Schiller hatte in die „Thalia“ (1793, IV. Stück) dramat. „Scenen aus dem Leben Kaiser Heinrichs IV.“ aufgenommen.

W.: Agnes von Habsburg (später: Wülfing von Stubenberg), 1786; Die Tempelherren, 1788; Lyr. Gedichte, 1788; Die Grafen von Cilli, 2 Bde., 1790–93; Die Ritterempörung (später: Andreas Baumkircher), 1792; Maria Theresia, 1793; Ges. Werke (2 Bde.), 1793–95; Kantate auf die Schlacht bei Mainz, 1795; Bertram von Dietrichstein (später: Die dt. Ritter in Akkon), 1796; Hist. Skizzen, 2 Bde., 1800; Attila, 1806; Sämtliche Werke, 9 Bde., 1816/17; Ges. Schriften, hrsg. v. A. Schlossar, 4 Bde., 1879 f.
L.: Steiermärk. Z., n. 8, 1827, S. 45 ff., N.F. 6, 1840, S. 127; Heimgarten, n. 1, 1877, S. 366, 438; A. Schlossar, Innerösterr. Stadtleben, 1877; ders., J. Ritter v. K., in: Mitt. des hist. Ver. für die Stmk., H. 26, 1878, S. 3 ff.; ders., Erzh. Johann v. Österr. und sein Einfluß auf das Kulturleben in Stmk., 1878; O. Schissel v. Fleschenberg, Zu einer krit. Kalchberg-Ausgabe, 1908; Annalen der Literatur und Kunst des In- und Auslandes, Bd. 4, 1810, S. 349; Hormayrs Archiv für Geographie, Historie, Staats- und Kriegskunst, Jg. 7, 1816, n. 149 und 150, Jg. 8, 1817, S. 523; Brümmer; Goedeke 2; J. Kehrein, Biograph. literar. Lex. der kath. dt. Dichter im 19. Jh., 1868, Bd. 1; Kosch, Das kath. Deutschland; J. Nadler, Literaturgeschichte der dt. Stämme und Landschaften, Bd. 3, 1917 ff.: Nagl–Zeidler–Castle 2, s. Reg.; Wurzbach; ADB.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 3 (Lfg. 12, 1962), S. 189f.
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