Kalchegger von Kalchberg, Josef Frh. (1801-1882), Politiker

Kalchegger von Kalchberg Josef Frh., Staatsmann. * Graz, 27. 3. 1801; † Graz, 27. 4. 1882. Neffe des Vorigen, Bruder des Staatsmannes Franz Frh. K. v. K. (s. d.), Vetter des Folgenden. Stud. in Graz und Wien Jus, 1826 Dr.jur. Anschließend wurde er sofort Supplent für bürgerliches Recht an der Univ. Wien, dann Adjunkt der Lehrkanzel für Staatswiss. 1835 Prof. der Staatswiss. an der Theresian. Ritterakad. und gleichzeitig auch mit dem Unterricht in den genannten Fächern bei den Erzh. Albrecht und Karl Ferdinand, den Söhnen des Erzh. Karl, betraut. 1839–49 wirkte er als Güterdir. des Erzh. Karl auf dessen ausgedehnten Besitzungen in österr. Schlesien, Westgalizien und Mähren mit dem Sitz in Teschen. Er erwarb sich dabei große Verdienste in der Verwaltung dieser Patrimonialherrschaft durch Trennung von Justiz und Verwaltung sowie bei der Bewirtschaftung dieser Güter, deren Ertrag er durch die Ansiedlung bzw. den Ausbau verschiedener Industriezweige, besonders der Eisenwerke, erheblich steigern konnte. 1848 wurde er in Teschen zum Deputierten in die Frankfurter Nationalversmlg. gewählt, legte aber schon im September 1848 sein Mandat zurück. Im Juli 1849 wurde er zum Ministerialrat im Innenmin., danach zum Präs. der Grundentlastungs-Landeskomm. für Schlesien und am 9. 12. 1849 zum Statthalter von Schlesien ernannt. Infolge Meinungsverschiedenheiten mit dem Innenmin. Bach (s. d.) wurde er jedoch am 23. 1. 1853 dieser Stellung enthoben und an der Seite des Statthalters von Galizien, Agenor Gotuchowski (s. d.), zum Vizepräs. ernannt und mit dem Präsidium der Grundentlastungskomm. betraut; binnen zwei Jahren hatte er die Grundentlastung in Galizien durchgeführt. Da die Berufung K.s aber von Gotuchowski nicht verlangt worden war und dieser fürchtete, K. werde seinen nationalen und polit. Bestrebungen entgegentreten, gab es ständig Meinungsverschiedenheiten. Als Gotuchowski daher im August 1859 zum Innenmin. ernannt wurde, benutzte er sofort diese Gelegenheit, um K. im Dezember 1859 zu pensionieren. K. übersiedelte nach Wien und wurde von Privatunternehmen in mehrere Verwaltungen aufgenommen. 1860 verfaßte er eine Schrift „Kleine Beiträge zu großen Fragen in Österreich“, worin er darlegte, wie Österr. in einen konstitutionellen Staat umgestaltet werden könne. Nach dem Rücktritt Goluchowskis im Dezember 1860 und mit der Bestellung des mit K. eng befreundeten A. v. Schmerling zum Staatsmin. wurde K. als Sektionschef in das Handelsmin. berufen. Schmerling nahm ihn auch in das kleine Komitee auf, welches die Schlußberatung über den neuen Verfassungsentwurf durchführte, der am 21. 2. 1861 veröffentlicht wurde (Februarpatent). Nach dem Rücktritt des Handelsmin. Wickenburg wurde K. am 20. 10. 1863 zur Leitung des Handelsmin. berufen. In dieser Stellung bemühte er sich besonders um die Planung eines system. Eisenbahnnetzes in allen Kronländern. Trotz der guten Dienste, die er leistete, wurde er nicht definitiv zum Min. ernannt. Nach dem Rücktritt des Kabinetts Erzh. Rainer–Schmerling am 29. 9. 1865 zog sich K. ganz ins Privatleben zurück. Bis 1875 lebte er in Wien, von da an in Graz. In dieser Zeit verfaßte er mehrere Schriften, insbesondere seine sehr umfangreichen Memoiren, „Mein politisches Glaubensbekenntnis“. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. 1864 Geh. Rat, 1857 Frh., Gemeinderat der Stadt Wien, Landtags- und Reichsratsabg., Ehrenbürger von Troppau und Lemberg.

W.: Das Recht der Gutsherren auf die bis 7. 9. 1848 rückständigen Grundzinsen. Mit besonderer Rücksicht auf das Untertänigkeitsverhältnis in Österr.-Schlesien, 1848; Kleine Beitrr. zu großen Fragen in Österr. (2. Aufl., anonym), 1860; Die Aufgabe des niederösterr. Gewerbever. gegenüber den volkswirtschaftlichen Tagesfragen, 1866; Der Suez-Canal und die Zukunft des directen österr.-ostind. Handels, 1870; Alt oder Neu: die polit. Entscheidungsfrage. Aus der Mappe eines Wr. Bureaukraten (anonym), 1874; Mein polit. Glaubensbekenntnis in Gedenkbll. aus einer 80-jährigen Pilgerfahrt, 1881; etc.
L.: F. Ilwof, J. Frh. v. K. Sein Leben und seine Schriften, 1902; Der Reichsrath. Biograph. Skizzen der Mitgl. des Herren- und Abgeordnetenhauses des österr. Reichsrathes, H. 2, 1862, S. 19 f.; Wurzbach; ADB 50; Czedik 1.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 3 (Lfg. 12, 1962), S. 190f.
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