Kálnoky von Köröspatak, Gustav Sigmund Gf. (1832-1898), Minister und Diplomat

Kálnoky von Köröspatak Gustav Sigmund Graf, Staatsmann. * Lettowitz (Letovice, Mähren), 29. 12. 1832; † Prödlitz (Brodek, Mähren), 13. 2. 1898. Sproß eines alten Székler Adelsgeschlechtes, das durch Heiraten starke dt. und österr. Elemente in sich aufnahm. 1850 Husarenoff., 1855 Übertritt in die diplomat. Laufbahn, 1860–70 als Legations-Sekretär und Legationsrat in London, 1871/72 interimist. Gesandter beim Vatikan, 1874–79 Gesandter in Kopenhagen, anschließend Botschafter in St. Petersburg bis zur Ernennung zum Min. des k. Hauses und des Äußeren am 20. 11. 1881. K., ein ruhiger, besonnener Charakter, war von überaus gewissenhafter, überdurchschnittlicher Arbeitskraft; als Diplomat und Staatsmann vorsichtig und überlegend, jedoch mit scharfem Verstand und selbständigem Urteil ausgestattet, verfolgte er eine auf die nationale Zusammensetzung Österreich-Ungarns abgestimmte, friedliche Außenpolitik unter Wahrung der Großmachtstellung der Monarchie. In enger Zusammenarbeit mit Bismarck nützte er dessen Bündnispolitik, um durch Gewinnung aktiver oder zu wohlwollender Neutralität verpflichteter Bundesgenossen (Rumänien, Serbien, Italien, in weiterem Sinne auch England) eine Verteidigungsfront gegen Rußland zu schaffen. Dadurch sollte einem Angriff Rußlands auf Österreich-Ungarn oder einer bewaffneten Intervention dieser Macht auf der Balkanhalbinsel vorgebeugt werden. Im Rahmen des Drei-Kaiser-Bündnisses von 1881 (Deutschland, Österreich-Ungarn, Rußland) strebte er eine Verständigung mit Rußland über die Balkanfrage an. Als dieses Bündnis im Zuge der bulgar. Krise (Union Bulgarien mit Ostrumelien, serb.-bulgar. Krieg, Abdankung Fürst Alexanders und Wahl Fürst Ferdinands von Bulgarien, 1885–87) nicht mehr erneuert wurde, gelang es ihm ohne direkte Unterstützung Deutschlands und unter Vermeidung krieger. Verwicklungen, die Festsetzung des russ. Einflusses in Bulgarien zu verhindern. Sein Programm war es, den Balkanstaaten die Voraussetzungen für eine ungestörte Entwicklung zu schaffen, sie wirtschaftlich nach Mitteleuropa hin zu orientieren, jedoch keine für die Interessen Österreich-Ungarns gefährliche Mächtekonstellation zuzulassen. Dieses Programm vermochte er während seiner Amtszeit im großen und ganzen durchzuführen. Nach dem Rücktritt Bismarcks (1890) suchte er der französ.-russ. Annäherung durch Heranziehen Englands an den Dreibund entgegenzuwirken; gleichzeitig gelang es ihm bei voller Wahrung der eigenen Interessen mit Rußland auf gutem Fuß zu bleiben. Differenzen staats- und kirchenpolit., aber auch wirtschaftlicher Natur mit dem ung. Kabinett, welche in den letzten Jahren seiner Amtstätigkeit auftraten, führten schließlich im Mai 1895 zu einer Krise, die mit seinem Rücktritt endete; vielfach geehrt und ausgezeichnet, u.a. Ritter des Ordens vom goldenen Vlies, Großkreuz des kgl. ung. St. Stephansordens, Großkreuz und Ehrenbailli des Souveränen Malteserordens, Geh. Rat.

L.: H. Friedjung, Gf. G. K., in: Hist. Aufsätze, 1919; ADB 51; E. v. Plener, Erinnerungen, 3 Bde., 1911–21; W. Herrmann, Dreibund, Zweibund, England 1890–95, 1929; F. Engel-Janosi, Resignation of Count K. as Foreign Minister of Austria-Hungary in May 1895, in: Journal of Cent. European Affairs, Oktober 1951; W. Windelband, Bismarck und die europ. Großmächte 1879–85, 1940; W. J. Langer, European Alliances and Alignements 1871–90, 1931; einige Grazer und Wr. Diss.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 3 (Lfg. 13, 1963), S. 200
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