Kern, Vinzenz von (1760-1829), Chirurg

Kern Vinzenz von, Chirurg. * Graz, 20. 1. 1760; † Wien, 16. 4. 1829. Sohn eines Privatbeamten in bescheidenen Vermögensverhältnissen, kam nach Absolv. des Gymn. zu einem Wundarzte nach Graz, um sich für das Stud. der Chirurgie vorzubereiten. Er verließ jedoch Graz sehr bald, ging auf Wanderschaft und kam als chirurg. Gehilfe nach Salzburg, Triest und Venedig. 1783 begab er sich nach Wien, praktizierte am St. Marxer Hospital und besuchte nebenbei die chirurg. Vorlesungen bei Leber. 1784 wurde er Mag. chir. und der Geburtshilfe. 1790 Dr. chir., 1797 Prof. der Chirurgie und Geburtshilfe am k.k. Lyzeum in Laibach, wo er 8 Jahre überaus segensreich wirkte und sich durch die Einführung der Pockenschutzimpfung große Verdienste erwarb. 1799 Dr.med. 1803 reiste er nach Venedig, um sich von Pajola in die Methodik des Steinschnittes einführen zu lassen. 1805–24 Prof. der prakt. Chirurgie, 1824–29 Prof. der theoret. Chirurgie an der Univ. Wien. K., in dessen Person sich der Übergang vom „Bader“ zum wiss. Chirurgen vollzog, ist nach mehreren Richtungen hin für die Entwicklung der österr. Chirurgie bedeutend geworden. Zwei seiner organisator. Taten waren von großer Auswirkung: er legte mit der Gründung der chirurg. Leseges. den Grundstock für das ärztliche Lesezimmer und gab damit die Möglichkeit zu wiss. Schulung, Ausbildung und Arbeit; 1807 wurde auf Antrag K.s, der nach seinem eigenen chirurg. Werdegang die Schwierigkeiten der Ausbildung genau erkannt hatte, durch K. Franz I. (s. d.) das Operateurinst. ins Leben gerufen, das die Grundlage der Wr. chirurg. Schulen geworden ist. K.s wiss. Bedeutung liegt auf zwei Gebieten: er ist als Vorkämpfer der offenen Wundbehandlung anzusehen und war gleichzeitig der letzte große Steinschneider. 1809 verfaßte er eine kleine Schrift in französ. Sprache, in der die offene Wundbehandlung mit Wasserumschlägen empfohlen wurde. Der Gedanke an sich war nicht neu, da schon 25 Jahre früher der napoleon. Kriegschirurg Percy das Wasser zur Wundbehandlung eingeführt hatte. Das Verdienst K.s war die bessere Erkenntnis der Wundheilungsvorgänge und seine Stellungnahme gegen die Polypragmasie in der Wundbehandlung und gegen die Eiterretention durch die Okklusionsverbände. „Es gibt keinen Balsam, die Heilung zu fördern, als den Balsam, den die Natur selbst bereitet.“ Die Grundsätze K.s, die sich zunächst nur mühsam durchgesetzt haben, sind in ihren Fernwirkungen von großer Bedeutung geworden. Ph. v. Walther in München legte folgerichtig das Hauptgewicht auf guten Abfluß des Sekretes und Burow kam unter Weglassen des Wassers und der Naht zur grundsätzlichen offenen Wundbehandlung. Die Wasserbehandlung K.s hat zur Empfehlung des permanenten Wasserbades, zunächst in Form von Teilbädern (Stromeyer, Langenbeck, Valette), später zum Dauervollbad geführt, das Hebra (s. d.) in Form des Wasserbettes verwirklicht hat. K., der Gründer der Wr. chirurg. Schule, war, wie Gurlt sagt, einer der wenigen, die in einer Zeit, wo phantast. Systeme die ganze Med. beherrschten, sich frei davon zu halten verstand und der in der einzig richtigen Quelle der Erkenntnis, der genauen Beobachtung der Natur allein, das Heil der Wissenschaft suchte.

W.: Avis aux chirurgiens pour les engager, à accepter, et d’introduire une methode plus simple, plus naturelle et moins dispendieuse dans le pansement des blessés, 1809, 2. Aufl. 1826; Bemerkungen über die neue, von Civiale und Le Roy verübte Methode, die Steine in der Harnblase zu zermalmen und auszuziehen, 1826; Die Steinbeschwerden der Harnblase, ihre verwandten Übel und der Blasenschnitt bei beiden Geschlechtern, 1828; etc. Hdb. der Chirurgie, nach dem Tode des Verfassers zusammengestellt und hrsg. von R. F. Hussian, Bd. 1, 1830/31 (Biograph. Angaben S. 11).
L.: Illyr. Bl., 1829, n. 26, S. 102; Zdravje IV, 1928; Zdravniški vestnik, 1929; Wr. klin. Ws., Jg. 48, 1935, n. 29; Wurzbach; ADB; Neuer Nekrolog der Deutschen, 1829; SBL.
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 3 (Lfg. 14, 1964), S. 301f.
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