Kirschner, Ferdinand Ritter von (1821–1896), Architekt

Kirschner Ferdinand Ritter von, Architekt. Geb. Wien, 18. 5. 1821; gest. ebd., 3. 3. 1896; evang. AB. Sohn des Schlossermeisters Samuel Kirschner und der Maria Kirschner, geb. Januschka; ab 1851 verheiratet mit Maria Theresia Kirschner, geb. Schereberger (Schernberger); drei Kinder. – Bereits 1834–41 besuchte K., der den Beruf seines Vaters erlernt haben soll, die Graveurschule der Akademie der bildenden Künste unter →Josef Klieber. 1840 soll er als Bauzeichner im Büro von Franz Beer (ab 1843 Neuausstattungen der Wiener Palais Fries-Pallavicini und Harrach) tätig gewesen sein und ersten Kontakt mit dem für seine späteren Arbeiten maßgeblichen Neorokoko gehabt haben. An der Akademie der bildenden Künste studierte K. 1841–44 an der Architekturschule unter der Direktion →Peter Nobiles bei →Paul Sprenger, →Karl Roesner, →Ludwig Förster und →Eduard van der Nüll; parallel zum Akademiestudium besuchte er auch 1842/43, 1844/45 und 1845/46 das polytechnische Institut. 1842 bzw. 1843 erhielt er den Gundel-Preis, 1843 den Rosenbaum-Preis und 1844 den Hof-Preis mit dem Staatsreisestipendium. 1846–47 bereiste er Italien, wo er Mitglied des deutschen Künstlervereins in Rom wurde, und auch die Schweiz, Belgien und Deutschland. Ab 1850 arbeitete K. als Ingenieursassistent in der Hochbau-Abteilung des Ministeriums für Handel, Gewerbe und öffentliche Bauten, die ab 1857 von →Moritz von Loehr geleitet wurde, und ab 1858 im Obersthofmeisteramt (Hofkonzipist, 1868 Titel und Charakter eines Hofsekretärs, nicht Hofarchitekt, wie manchmal angegeben), das er in der Stadterweiterungskommission vertrat (u. a. 1862 kommissionelle Verhandlungen zur Materialfrage der Hofoper, 1867 und 1868 Hofmuseen-Jury). 1870 folgte er Ludwig Montoyer dem Jüngeren als Burghauptmann nach; 1895 trat er in den Ruhestand. Neben Wettbewerbsbeteiligungen und privaten Aufträgen (Villa Rath in Wien-Hacking, 1864) arbeitete K. v. a. für den kaiserlichen Hof. Sein bekanntestes Werk ist die Michaelerfassade der Wiener Hofburg (1889–94/95) nach dem Entwurf Joseph Emanuel Fischers von Erlach. K.s architektonisches Schaffen zeichnet sich einerseits durch eine gewisse schematische und phantasielos-spröde Stilauffassung aus, andererseits erreichte er in enger Anlehnung an historische Vorbilder (neobarocker „Fischer von Erlach“-Stil seiner Entwürfe zur Hofburg-Erweiterung) eine hohe Sensibilität im Anschluss an historische Bausubstanz (Michaelertrakt, neoklassizistische Kassettendecke im Marmor- oder Speisesaal des ehemaligen Maria-Ludovica-Appartements) und entsprach so in idealer Weise den Anforderungen des kaiserlichen Auftraggebers in Bezug auf die historische Hofburg. Zu weiteren Hofaufträgen zählten die Entwürfe für zwei Hoftheater am Äußeren Burgplatz, 1862, die möglicherweise schon 1857–58 auf Initiative des Kanzleileiters im Obersthofmeisteramt Philipp Draexler von Carin entstanden und wohl 1869 als Gegenprojekt zum „Kaiserforum“ von →Gottfried Semper und →Carl Freiherr von Hasenauer erneut vorgelegt wurden, sowie Umbauarbeiten in den ehemaligen Hofburg-Appartements von Erzherzogin →Sophie (nach 1872), Kaiserinwitwe →Karoline Auguste (nach 1873, für Kronprinz →Rudolf) und Erzherzog →Franz Karl (nach 1878). K. war 1861–95 Mitglied der Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens (Künstlerhaus), 1864 gehörte er zu den ersten Architektenmitgliedern im erweiterten Österreichischen Ingenieur- und Architekten-Verein, 1866 wurde er w. Mitglied der Akademie der bildenden Künste, 1873 Regierungsrat. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen: 1867 Ritterkreuz, 1893 Comthurkreuz des Franz Joseph-Ordens, 1874 ottomanischer Medschidje-Orden 4. Klasse, 1876 russischer kaiserlich-königlicher St. Stanislaus-Orden 2. Klasse, 1879 montenegrinischer Danilo-Orden 3. Klasse, 1882 Offizierskreuz des königlich italienischen St. Mauritius- und Lazarus-Ordens, 1895 Orden der Eisernen Krone III. Klasse und Erhebung in den Ritterstand.

Weitere W.: Wettbewerbsbeiträge: Franz Joseph-Stadttor, 1849 (Wien), Votivkirche, 1854 (Wien), Armenhaus, 1854 (Triest), Wiener Künstlerhaus und Hofoper, 1861; Hofaufträge: Brunnen im neuen Parterre des Volksgartens (1865), Spanischer Saal der Prager Burg (1866), Restaurierung des Schlosses in Gödöllő (1867), neue Bellaria-Anfahrt (1874–75), Neudekorierung des Audienz-Wartesaals (1877) und des Marie Valerie-Appartements im Reichskanzleitrakt (1882), Renovierung des Großen Fremdenappartements (1884), Fußgängerpassage bei der Stallburg (1890), Umbau des Redoutensaals (1892).
L.: Montags-Zeitung, 30. 4. 1894; WZ, 4. 3. 1896 (Abendausg.); Czeike; Die Wr. Ringstraße 2, 4, 8/1, 11; Eisenberg 1; Lhotsky; Thieme–Becker; Wurzbach; Ch. Benedik, Die Redoutensäle, Wien 1993, S. 40f. (Kat.); E. B. Ottillinger – L. Hanzl, Kaiserliche Interieurs, 1997, s. Reg. II; K. Schoeller, P. Nobile …, 2008, S. 325f.; J. Vybíral, in: Die Wiener Hofburg und der Residenzbau in Mitteleuropa im 19. Jahrhundert, ed. W. Telesko u. a., 2010, S. 199ff.; Die Wiener Hofburg 1835–1918, ed. W. Telesko, 2012, s. Reg.; Architektenlexikon Wien 1770–1945, (mit Bild, Zugriff 20. 3. 2015); ABK, TU, beide Wien.
(R. Kurdiovsky)   
Zuletzt aktualisiert: 30.11.2015  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 4 (30.11.2015)
1. AUFLAGE: ÖBL 1815-1950, Bd. 3 (Lfg. 14, 1964), S. 346
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