Knaus, Hermann Hubertus (1892–1970), Gynäkologe

Knaus Hermann Hubertus, Gynäkologe. Geb. St. Veit an der Glan (Kärnten), 19. 10. 1892; gest. Graz (Steiermark), 22. 8. 1970; röm.-kath. Sohn des Unternehmers Friedrich Knaus und seiner Ehefrau Amalia, geb. Schäbart; ab 1934 verheiratet mit Maria Saal (1909–1951). – K. absolvierte seine Schulausbildung in Klagenfurt und an der Realschule in Knittelfeld, wo er 1911 maturierte. Ab 1913 studierte er Medizin an den Universitäten Graz und Innsbruck (1914), unterbrochen durch seine Kriegsdienstleistung 1914–18 (zuletzt Oberleutnant); 1920 Dr. med. in Graz. Im selben Jahr erhielt er eine Assistentenstelle am Pathologisch-Anatomischen Institut in Graz, 1921 wechselte er als Operationszögling an die Chirurgische Universitätsklinik, ab 1922 war er als Operationszögling und danach als Assistent an der Universitäts-Frauenklinik tätig. 1924–25 vertiefte er seine Ausbildung als Rockefeller-Stipendiat in London und Cambridge. Danach kehrte K. an seine Wirkungsstätte in Graz zurück und habilitierte sich 1927 für Gynäkologie; 1930 ao. Prof. Im selben Jahr absolvierte er Studienaufenthalte an der urologischen Abteilung im St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin sowie in Paris. 1934 erfolgte seine Berufung als Ordinarius für Gynäkologie und Geburtshilfe an die deutsche Universität in Prag; 1935 o. Prof., 1939–41 Dekan der medizinischen Fakultät. K., der 1939 der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) beitrat, fungierte 1942–43 als Direktor der Hebammenschule in Prag. 1945 kehrte er nach Graz zurück und arbeitete als niedergelassener Frauenarzt, 1948–49 war er an der British postgraduate medical school in London tätig. 1950 übernahm er den Posten des Direktors der gynäkologischen Abteilung des Krankenhauses Lainz in Wien, 1960 trat er in den Ruhestand. Beeinflusst von den endokrinologischen Studien des Physiologen Bernhard Aschner und von →Ludwig Haberlandt, die im Tierversuch Befruchtungszyklen nachgewiesen hatten, entwickelte K. Theorien, um den weiblichen Eisprung vorherzusagen. Seine Forschungen, die die Konzeptionsfähigkeit der Frau auf den Zeitraum vom 11. bis 17. Tag des Zyklus reduzierten, stellte er erstmals 1929 auf einem Kongress in Leipzig vor. Sie erfuhren Bestätigung durch die zeitgleiche und unabhängig von K. verfasste Studie des japanischen Arztes Kyūsaku Ogino. Als Reminiszenz an beider Werk wird das Ergebnis bis heute Knaus-Ogino-Methode genannt. Die Reaktion der Öffentlichkeit war geteilt: Die Nationalsozialisten lehnten die Methode zunächst ab, um sie später umso stärker zu propagieren. Die katholische Kirche entdeckte in der Knaus-Ogino-Methode eine Möglichkeit zur bibelkonformen Familienplanung und erhob sie alsbald – endgültig 1968 – zur allein gestatteten Maßnahme der Empfängnisverhütung. Im Rahmen weiterer Studien versuchte K. seine Methode wissenschaftlich zu untermauern. Diese Bemühungen schlugen 1944 allerdings fehl, als der deutsche Anatom Hermann Stieve nachwies, dass Frauen auch außerhalb des K.’schen Zeitfensters und sogar während der Menstruation empfängnisfähig sein können. Darüber hinaus erforschte K. u. a. die Funktion der Schilddrüse in der Schwangerschaft und im Puerperium, die Rolle des Gelbkörpers, worüber er 1930 in der Gesellschaft der Ärzte in Wien referierte, die Physiologie der Uterusmuskulatur in der Schwangerschaft und den Mechanismus der Geburtenauslösung. Ebenso erbrachte er den Nachweis, dass Größe und Gewicht des Neugeborenen von der Größe der Plazenta abhängen. Seine wissenschaftlichen Werke wurden in zahlreiche Sprachen, darunter ins Arabische und Japanische, übersetzt. Erwähnenswert sind „Die periodische Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Weibes“, 1934 (3. Auflage „Die Physiologie der Zeugung des Menschen“, 1950) und „Die fruchtbaren und unfruchtbaren Tage der Frau und deren sichere Berechnung“, 1950. In seiner Freizeit ein begeisterter Bergsteiger, zählte er zu den Erstbegehern des direkten Anstiegs der Torstein-Südwand. K. war u. a. Mitglied der Royal Society of Medicine in London sowie der Deutschen und der Österreichischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. 1962 erhielt er die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold.

Weitere W.: s. NDB.
N.: Die Presse, 25. 8. 1970 (m. B.), 26. 8. 1970; H. Braitenberg-Zenoberg, in: WMW 120, 1970, S. 908–910.
L.: Neues Österreich, 19. 10. 1952, 19. 10. 1957 (m. B.); Kleine Zeitung (Graz), 20. 10. 1962; WZ, 21. 10. 1992 (m. B.), 20. 8. 1995; Fischer; NDB (m. W. u. L.); Gynäkologen deutscher Sprache, bearb. H. Kirchhoff – R. Polacsek, 3. Aufl. 1960, S. 257–259; L. Hlaváčková – P. Svobodný, Biographisches Lexikon der deutschen medizinischen Fakultät in Prag 1883–1945, 1998 (m. L.); E. Klee, Das Personenlexikon zum Dritten Reich, 2003; K. H. Tragl, Chronik der Wiener Krankenanstalten, 2007, S. 530f.; UA, Graz, Steiermark; UA, Innsbruck, Tirol; Mitteilung Isabella Ackerl, Wien.
(F. Mildenberger)   
Zuletzt aktualisiert: 15.3.2013  
PUBLIKATION: ÖBL Online-Edition, Lfg. 2 (15.03.2013)
1. AUFLAGE: