Koerber, Ernest von (1850-1919), Ministerpräsident

Koerber Ernest von, Staatsmann, † Trient, 6. 11. 1850; † Baden (N.Ö.), 4. 3. 1919. Sohn eines Gendarmerieobstlt., Neffe des Off. und Schriftstellers Philipp v. K. (s. d.), Großneffe des Folgenden; stud. an der Theresian. Akad.und an der jurist. Fak. der Univ. Wien. 1872 Dr.jur., anschließend im Gerichtsdienst, ab 1874 im Handelsmin., in dem er vorwiegend im Verwaltungszweig des öffentlichen Verkehrswesens Verwendung fand; hier tat er sich besonders bei der Verstaatlichung der K. Franz-Joseph-Bahn (1882) und als letzter Vorstand der Generaldion. der österr. Staatsbahnen bei deren organisator. Umgestaltung in das 1896 errichtete Eisenbahnmin. hervor, 1887–95 Chef des Präsidialbüros. 1895 Erster Sektionschef im Innenmin. Im Kabinett Gautsch (s. d.) war K. Handelsmin. (30. 11. 1897–5. 3. 1898), vom 2. 10. 1899–21. 12. 1899 Innenmin. im ebenfalls nur kurzfristigen Min. Clary. Am 18. 1. 1900 übernahm K. die Führung der Regierung, leitete das Innenmin. und ab 17. 10. 1902 auch das Justizmin. Seine Regierung war ein Beamtenmin. und er bemühte sich, das Höchste an Leistung herauszuholen. K.s sofort einsetzende Bemühungen um eine dt.-tschech. Verständigung durch Gesetz statt Verordnung auf Grund einer Kreiseinteilung konnten die seit Badenis (s. d.) Sturz andauernde tschech. Obstruktion noch nicht überwinden. Doch seine „leidenschaftslose Beharrlichkeit“ gewann einen anderen Ausweg durch rasche Vorlage eines am 1. 6. 1901 parlamentar. angenommenen Milliarden-Programms zur wirtschaftlichen Erstarkung Österr. (Donau-Oder-Kanal, Tauern-Wocheiner-Bahn, Hafenausbau in Triest u. a.). Tatsächlich kam es nun endlich zur parlamentar. Erledigung des Budgets, zur Besserung der eigenen Verhandlungsbasis in den Ausgleichsverhandlungen mit Ungarn und zu versöhnlichen Kaiserbesuchen in Prag und Deutschböhmen (1901) und Galizien (1904). Gegen Presse und Vereinswesen auch der Arbeiterbewegung und während der „Los-von-Rom“-Krise vermied K. Zwangsmaßnahmen. Als die Stimmung im Parlament wieder unzuverlässig wurde, mobilisierte er dagegen sogar mit vorübergehendem Erfolg die öffentliche Meinung, ohne eine Erweiterung des Wahlrechts mehr als gelegentlich in Aussicht zu nehmen. Am 31. 12. 1904 erhielt K. seinen auch aus gesundheitlichen Rücksichten wiederholt erbetenen Abschied. Obwohl er schon Pläne für eine Verwaltungsreform und zur Erweiterung der Sozialgesetzgebung ausgearbeitet hatte, waren alle Versuche zur Beruhigung der Nationalitäten (z. B. Errichtung einer Rechtsfak. für die Austro-Italiener) mißlungen und die Frage der Armeereform nur im Gegensatz zu Ungarn aufgerollt. Fortan vermied K., außer in seiner Eigenschaft als Kurator-Stellvertreter der Akad. der Wiss. (1904–18), jedes Hervortreten in der Öffentlichkeit und übte nicht einmal seine Würde als Herrenhausmitgl. aus. Weite Reisen führten ihn bis Südamerika (1910). Erst am 7. 2. 1915 (–28. 10. 1916) nahm K. die Berufung zum gem. Finanzmin. (und für Bosnien) an. Nach Stürgkhs Ermordung ernannte ihn K. Franz Joseph (s. d.) wie vielfach erwartet am 28. 10. 1916 abermals zum Min. Präs. (– 20. 12. 1916). Der Tod des alten K. bedeutete für K. jedoch das Ende seiner polit. und amtlichen Laufbahn, denn mit K. Karl (s. d.) verstand sich der zugleich skept. und selbstbewußte „ältere Staatsmann“ nur schlecht, wozu auch seine Anhänglichkeit an seinen einstigen Präsidialchef R. Sieghart beitrug. Karl wollte die Ablegung des Verfassungsgelöbnisses in Hinblick auf seine künftigen Reichsreformen aufgeschoben wissen und war auch mit der harten Verhandlungspraxis des wirtschaftlich erfahrenen Regierungschefs im ung. Ausgleich nicht einverstanden. Nach seiner endgültigen Demission (20. 12. 1916) gehörte K. in den beiden letzten Kriegsjahren zu den unerbittlichen Kritikern der neuen „Experimentalpolitik“. Der noch im Winter 1919 an ihn herangetragenen Absicht, ihn zum Präs. des Verwaltungsgerichtshofes der Republik Deutschösterr. zu wählen, konnte er nicht mehr willfahren. Wie wenige Verantwortliche der konstitutionellen Ära hat K., ein „moderner“ Min. Präs., Verwaltungskunst mit staatsmänn. Fähigkeiten vereinigt, über bienenartigen Fleiß, reiche Kenntnisse und Rednergabe verfügt, und viele Sympathien erworben, jedoch ohne zu einem befriedigenden Ergebnis gelangen zu können. Vielfach geehrt und ausgezeichnet, u. a. 1896 Geh. Rat, 1906 Ehrenmitgl. der Akad. der Wiss. in Wien, 1903 Großkreuz des St. Stephan-Ordens etc.

W.: Stud. zur Reform der innern Verwaltung, 1905.
L.: N. Wr. Tagbl. vom 28. 10. 1916; N. Fr. Pr. vom 6. 3. 1919; Almanach Wien, 1919; Neue Österr. Biographie, Bd. 1, 1923; Biograph. Jb., 1928; F. Funder, Vom Gestern ins Heute, 1952; R. Charmatz, Lebensbilder aus der Geschichte Österr., 1947; ders., Vom Kaiserreich zur Republik, 1947; A. Novotny, Min. Präs. E. v. K., in: Gestalter der Geschicke Österr., hrsg. von H. Hantsch, 1962; O. Knauer, Österr. Männer des öffentlichen Lebens, 1960; G. Kolmer, Parlament und Verfassung in Österr., Bd. 8, 1914; H. Leitgeb, Die Ministerpräsidentschaft Dr. E. v. Koerbers, phil. Diss. Wien, 1951; St. Burian, Drei Jahre aus der Zeit meiner Amtsführung im Kriege, 1923; J. M. Baernreither, Fragmente eines polit. Tagebuches, hrsg. von J. Redlich, 1928; Schicksalsjahre Österr. 1908–19. Das polit. Tagebuch J. Redlichs, hrsg. von F. Fellner, Bd. 2, 1954; E. Plener, Reden 1873–1911, 1911; 100 Jahre im Dienste der Wirtschaft, Bd. 1, 1961, S. 411 ff.; R. Sieghart, Die letzten Jahrzehnte einer Großmacht, 1932; A. Spitzmüller, . . . und hat auch Ursach, es zu lieben, 1954; Czedik; Geschichte der Eisenbahnen; R. Charmatz, Österr. Innere Geschichte 1848–1907, 1909; ders., Österr. Äußere und Innere Politik 1895–1914, 1918.
(Lorenz)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 16, 1966), S. 44f.
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