Krafft-Ebing, Richard Frh. von (1840-1902), Neurologe und Psychiater

Krafft-Ebing Richard Frh. von, Neurologe und Psychiater. * Mannheim, 14. 8. 1840; † Graz, 22. 12. 1902. Stud. Med. an den Univ. Heidelberg und Zürich, wo er dem großen Kliniker Griesinger begegnete, der sein Interesse für die Psychiatrie weckte. 1863 wurde er an der Univ. Heidelberg zum Dr. med. prom. Anschließend unternahm er eine Studienreise nach Wien, wo er durch Rokitansky, Skoda und Oppolzer sehr angeregt wurde. 1864–68 arbeitete er unter Rollers Leitung an der Seite von Schüle und Kirn an der Irrenanstalt Illenau, ließ sich dann als praktizierender Nervenarzt in Baden–Baden nieder und erhielt 1872 die Prof. an der neu errichteten Univ. Straßburg. 1873 folgte er der Berufung nach Graz, wo er als Ordinarius für Psychiatrie und als Dir. der Landesirrenanstalt einen erweiterten Wirkungskreis fand. 1889 übernahm er als Nachfolger Leidesdorfs die Leitung der I. psychiatr. Univ.-Klinik in Wien. 1892–1902 als Nachfolger Meynerts Leiter der II. psychiatr. Univ.-Klinik. Mit seinen Arbeiten u. a. über die Psychopathia sexualis, über Nervosität und neurasthen. Zustände und über Psychosen im Zusammenhang mit der Menstruation, leistete K.-E., dem eine scharfe Beobachtungsgabe eigen war, wiss. Beitrr., welche noch jetzt von Bedeutung sind. Wenn auch gewandter und nüchterner als sein Lehrer Schüle, blieb er jedoch Zeit seines Lebens dessen wiss. Grundanschauungen verhaftet und konnte sich von der rein deskriptiven Betrachtungsweise der Anstaltspsychiatrie, speziell der Illenauerschule, nicht mehr lösen. Er mußte deshalb in Widerspruch zu mehr dynam. orientierten Forschern wie etwa Wagner–Jauregg geraten, der z. B. hinsichtlich der Unzurechnungsfähigkeit von Geisteskranken in schroffem Gegensatz zu K.-E. stand und seine Ansicht auch erfolgreich durchsetzen konnte. K.-E. übernahm spät, vielleicht zu spät, die Bürde eines klin. Lehrers, und konnte von den zeitgegebenen Auffassungen nur schwer Abstand gewinnen. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe leistete er in vielen Einzelheiten wertvolle Beitrr. Trotzdem blieb ihm aber die Mitgestaltung an der modernen Psychiatrie versagt, obwohl er einer ihrer bedeutenden Vorläufer genannt werden muß.

W.: Die Sinnesdelirien, 1864; Die Lehre von der Mania transitoria, 1865; Beitrr. zur Erkennung und richtigen forens. Beurtheilung krankhafter Gemüthszustände, 1867; Über die durch Gehirnerschütterung und Kopfverletzung hervorgerufenen Krankheiten, 1868; Die transitor. Störungen des Selbstbewußtseins, 1868; Beobachtungen und Erfahrungen über Typhus abdominalis, 1871; Grundzüge der Criminalpsychol. auf Grundlage der dt. und österr. Gesetzgebung, 1872, 2. Aufl. 1882; Die Melancholie, 1874; Lehrbuch der gerichtlichen Psychopathol., 1875, 3. Aufl., 2. Ausg. 1900; Der Stand der Irrenpflege in Stmk., 1879; Lehrbuch der Psychiatrie…, 3 Bde., 1879–80, 7. Aufl. (1 Bd.) 1903; Über Nervosität, 1. und 2. Aufl. 1884; Über gesunde und kranke Nerven, 1885, 5. Aufl. 1903, letzte Aufl. 1909, übers. ins Schwed.; Psychopathia sexualis, 1886, 17. Aufl. 1924, übers. in 7 Sprachen; Eine experimentelle Stud. auf dem Gebiete des Hypnotismus, 1888, 3. Aufl. 1893; Der klin. Unterricht in der Psychiatrie, 1890; Neue Forschungen auf dem Gebiete der Psychopathia sexualis, 1890, 2. Aufl. 1891; Hypnot. Experimente, 1. u. 2. Aufl. 1893; Die zweifelhaften Geisteszustände vor dem Civilrichter des Dt. Reiches…, 1893, 3. Aufl. 2. Ausg. 1900; Der Conträrsexuale vor dem Strafrichter, 1894, 2. Aufl. 1895; Gutachten über die Bedeutung der hypnot. Suggestion als Heilmittel, 1894; Nervosität und neurasthen. Zustände, 1895, 2. Aufl. 1900 ( = specielle Pathol. und Therapie, hrsg. von H. Nothnagel, Bd. 12, Tl. 2); Die progressive allg. Paralyse, 1895 (ebenda Bd. 9, Tl. 2); Zur Geschichte der Pest in Wien, 1349–1898, 1899; Psychosis menstrualis, 1902; Über Morphinodipsie, in: Wr. klin. Ws., 1902; zahlreiche Aufsätze in Z., die wichtigsten davon ges. und um spätere Erkenntnisse vermehrt, in: Arbeiten aus dem Gesammtgebiet der Psychiatrie und Neuropathol., 4 He., 1897–99.
L.: N. Fr. Pr. und AZ vom 23. 12. 1092; Wr. klin. Rundschau 17, 1902 (Werksverzeichnis), 18, 1903, S. 33; Z. für Psychiatrie, Bd. 60, 1903; Wr. klin. Ws. 15, 1902, S. 318, 16, 1903, S. 21 f.; WMW 58, 1908, S. 2305–11; Wr. med. Ztg., Jg. 47, 1902, S. 559; Dt. med. Ws., Jg. 29, 1903, S. 39; Feierl. Inauguration, 1903/04; Fischer, Bd. 2, S. 812; Pagel; Dt. Irrenärzte, Bd. 2, 1924, S. 173; Th. Kirchhoff, Geschichte der Psychiatrie, in: Hdb. der Psychiatrie, hrsg. von G. Aschaffenburg, Allg. Tl., Abt. 4, 1912, S. 173–88; Lesky, s. Reg.; Eisenberg, Jg. 1893, Bd. 2; Schönbauer, 2. Aufl. 1947, S. 370 f.; Kosch, Das kath. Deutschland; Feierl. Inauguration, 1903/04.
(Hoff–Unterrainer)  
PUBLIKATION: ÖBL 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 17, 1967), S. 190f.
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